Chevrolet Tahoe Die Entdeckung Amerikas

Aus europäischer Sicht ist am Chevrolet Tahoe alles mangelhaft: der Motor zu durstig, die Automatik zäh und das Fahrwerk zu weich. Doch sobald man damit in den USA unterwegs ist, schlägt die Verachtung in Liebe um.

General Motors

Was für ein schauriges Auto. Die Abmessungen: gefühlt die eines Übersee-Containers. Der Innenraum: viel Bling-Bling, das sich bei genauem Hinsehen als billiges Plastik entpuppt. Dazu eine Automatik, die zäh die Gänge wechselt, ein viel zu weiches Fahrwerk und ein Motor, der zwar groß und durstig ist, aber gegen einen Opel Corsa nicht anstinken kann. Gestatten: Das ist der neue Chevrolet Tahoe.

Ein Auto, über das man hierzulande eigentlich nur lacht. Und das deswegen in Deutschland auch nicht verkauft wird. Fährt man den Wagen hingegen in den USA, geschieht etwas Unerwartetes. Mehr und mehr wächst einem der Wagen ans Herz. Und irgendwann mag man das Ungetüm sogar. Wie kann das sein?

Der Tahoe ist in gewisser Weise ein automobiler Dinosaurier. Europäische Ingenieure verachten die Konstruktion, die sich auch nach zwölf Modellgenerationen und 80 Jahren - so weit lässt sich die Geschichte zurückverfolgen - noch nicht selbst trägt und einen Leiterrahmen braucht. Der Wagen ist in vieler Hinsicht wie aus der Zeit gefallen.

Der Tahoe ist das Spiegelbild seiner Heimat

Doch es braucht nur zwei, drei Tage irgendwo in den USA, und man weiß, warum die Amerikaner diesen Wagen lieben. Denn mit jeder Meile erkennt man im Tahoe in gewisser Weise das Spiegelbild seiner Heimat.

Dieser Chevy ist so überdimensional wie die USA. Sein Innenleben ist mit drei Sitzreihen und einem Kofferraum, der deutschen Familien für einen Jahresurlaub reichen würde, so großzügig wie die Landschaften im Mittleren Westen. Sein Luxus mit feinem Leder und noblen Konsolen, aber billigen Instrumenten und popeligen Schaltern, ist genauso oberflächlich wie der Glanz auf der Fifth Avenue. Und seine Technik ist so gleichermaßen kraftstrotzend wie zweifelhaft, wie einem bisweilen die U.S. Army erscheint.

Dabei gibt sich der Wagen allemal den Anschein der Moderne. Zwar will er von Leichtbau oder aerodynamischem Feinschliff im Grunde nichts wissen. Doch das aufwendige Infotainmentsystem mit Touchscreen, Onlinenavigation, Appstore, LTE-Hotspot in der ersten und Blu-Ray-Playern in der zweiten Reihe kommt auch im Silicon Valley an.

Selbst dieser riesige Geländewagen macht ein wenig auf Öko

Weil viele Amerikaner es bequem mögen, gibt es für jeden Handgriff einen elektrischen Helfer. Die Sitze im Fond, die Heckklappe, ja sogar die Pedale kann man elektrisch bewegen. Ein Wunder, dass man noch selbst Hand an den Schaltknauf der Automatik legen muss.

Trotz seines großzügigen 5,3-Liter-Motors macht der Tahoe sogar ein bisschen auf Öko. Nein, natürlich gibt es keine Start-Stopp-Funktion. Doch immerhin hat er eine Zylinderabschaltung. Und die ist beim amerikanischen Fahrverhalten wahrscheinlich viel wirkungsvoller als jeder andere Spritspartrick. Denn in einem Land, in dem es in den Städten oft nur im Kriechgang vorwärtsgeht und man selbst auf dem leeren Highway gleichmäßig mit höchstens 120 km/h dahingondelt, fährt der V8 ohnehin die meiste Zeit mit kaum mehr als Standgas.

Klar, an der Ampel lässt man gerne mal kurz den Motor aufbrüllen und freut sich am tiefen Grollen aus den Eingeweiden.

Selbst der Europäer verfällt in gemütliches Gondeln

Doch das verbissene Rasen auf der Autobahn, das aggressive Drängeln der Dienstwagenfahrer, das bei uns das Wettrüsten zwischen Audi, BMW und Mercedes fördert, ist den Amerikanern weitgehend fremd. Nicht umsonst geben die Hersteller in Prospekten und Pressemappen in der Regel den Sprintwert oder das Spitzentempo gar nicht erst an.

In diesem Full-Size-SUV verfällt selbst der eiligste Europäer nach ein paar Tagen in eine ungewohnte Gelassenheit und gondelt genauso gemütlich durch die Gegend wie Millionen Amerikaner, die von Lenkung und Fahrwerk nur so viel Präzision erwarten, dass die Cola nicht aus dem Bechern schwappt. Weder von abgesetzten Betonplatten auf den Highways noch von knöcheltiefen Schlaglöchern in der Innenstand lässt sich das Fahrwerk aus der Ruhe bringen.

Wer über viele Hundert Meilen eine Horde gelangweilter Kids ertragen muss, dankt Ingenieuren für das knappe Dutzend USB- und Ladebuchsen für allerlei elektronische Spielereien. Und wenn das Warnschild am Highway "Next Service in 420 Miles" zeigt, weiß man, weshalb der Tahoe zum einen 100 Liter Tankvolumen und zum anderen so viele Cupholder hat und die klimatisierte Mittelkonsole groß ist wie bei uns in der Küche der Vorratsschrank. In einem Land, in dem Pendler oft drei, vier Stunden bis ins Büro fahren, ist das Auto nicht nur im übertragenen Sinne Wohnzimmer und Lebensraum.



insgesamt 216 Beiträge
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Seite 1
skiski-bowski 17.06.2014
1. Zwei Tahoe?
Der schwarze rechts sieht mir doch eher nach Suburban aus. Ansonsten vollkommen richtig beschrieben. Einfach nur gemütlich, und fährt man ihn genau so, hält sich auch der Spritverbrauch in Grenzen.
steeringpin 17.06.2014
2. Volle Zustimmung!
Sind gerade in den USA im Urlaub und hatten die ersten 7 Tage einen Tahoe. Sind jetzt geflogen und haben einen neuen Mietwagen. Leider keinen Tahoe mehr! Dieser fahrende Wandschrank strahlt eine stoische gemütliche Ruhe und Kraft aus. In Deutschland wohl gänzlich unbrauchbar, würde ich mir hier sofort so ein Ding zulegen!!
c.PAF 17.06.2014
3.
Aha, und was will uns dieser Artikel sagen? Man soll ein Fahrzeug dafür einsetzen, wofür es gebaut ist? Wird als nächstes ein Kies-LKW in die Mangel genommen, und zum Schluß stellt man ganz erstaunt fest, wenn man (viel) Kies zu transportieren hat, sei das ein ganz erstaunliches Fahrzeug? Na dann, ich bin gespannt :)
klaus.mueller 17.06.2014
4. kleiner Bruder des Suburban?
Ich dachte der hier wäre der kleine Bruder des Suburban. Sieht aber trotzdem ziemlich geräumig aus. Überlege ernsthaft sowas in der Art anzuschaffen wegen der Kinder.
gonzo0815 17.06.2014
5. Liebes Redaktionsteam,
Auf Bild 4 (Lake Tahoe) ist ein Tahoe und ein Suburban abgebildet, und nicht 2 Tahoe. Erkennbar am längeren Heck. Gruss
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