Aus New York berichtet Tom Grünweg
Ein abgesperrter Pier am Hudson River, aufgeregte GM-Manager und viele nervöse Techniker: Amerikas automobile Zukunft soll in New York vorgestellt werden, und da darf einem als Verantwortlichem schon ein bisschen die Düse gehen. Im Nieselregen steht der Chevrolet Volt, der nicht nur General Motors, sondern ganz Detroit, ach was, am besten die ganze automobile Welt retten soll.
Diesen Eindruck zumindest vermitteln die Entwickler, wenn sie von ihrem Elektroauto sprechen. Erstmals wurde er 2007 auf der Detroiter Auto-Show enthüllt - und die gesamte Branche war geschockt, als GM den Marktstart für 2010 ankündigte. Der Volt machte der Konkurrenz Beine - wer weiß, ob es dann den elektrischen Smart, den Mini E oder den Golf Twin Drive geben würde?
GM hat bislang jeden noch so kleinen Entwicklungsschritt des Chevrolet Volt kommuniziert, nicht aber maßgebliche Werte wie Gewicht oder Preis. Immerhin hat dank des PR-Dauerfeuers mittlerweile wohl fast jeder Interessierte begriffen, was den Volt besonders macht. "Es ist der Range Extender", sagt Produktmanagerin Cristy Landy. Angetrieben wird der Volt stets per Elektromotor. Doch auch wenn der Stromvorrat nach 65 Kilometern zur Neige geht, muss das Auto nicht an die Steckdose. Stattdessen schaltet sich ein kleiner Benzinmotor ein, der einen Generator antreibt, der wiederum Strom für weitere 400 Kilometer Fahrstrecke produziert.
Soweit die Theorie. Ende 2010 soll das Auto verkauft werden, und da müsste allmählich die Praxis auf dem Programm stehen. "Als eine der ersten Redaktionen haben Sie die Chance, den Volt kennenzulernen und sowohl den elektrischen Betrieb als auch das Fahren mit Range Extender zu erleben", hieß es in einer Einladung an mehrere Redaktionen, darunter auch SPIEGEL ONLINE.
Und in der Tat: Nach einer weiteren Theorieeinheit finden wir uns auf dem Pier 92 an der Westside Manhattans ein, wo zwei der bislang etwa 80 gebauten Prototypen bereit stehen. Jeweils drei Gäste und ein Entwickler steigen ins Auto - der 4,40 Meter lange Chevrolet Volt ist schließlich ein vollwertiger Familienwagen. Im Fond ist die Kopffreiheit zwar beschränkt, sonst aber sitzt man kommod.
Die neue Fußgängerhupe klingt nach Geflügel-Geschnatter
Den besten Platz hat natürlich der Fahrer. Für ihn haben die Designer ein neues Cockpit gestaltet. "Einerseits soll man dem Volt ansehen, dass er ein völlig neues Auto ist. Andererseits muss man ihn intuitiv bedienen können", sagt Volt-Entwickler Frank Weber. "Wenn man vor dem Losfahren erst einmal die Bedienungsanleitung lesen müsste, hätten wir schon verloren."
Die Sorge ist unbegründet. Zwar sieht es im Volt wegen der Bildschirme mit ihren bunten Grafiken tatsächlich etwas ungewohnt aus, jedoch findet man sich auf Anhieb zurecht. Im Fußraum gibt es erwartungsgemäß zwei Pedale, die Hände umschließen ein normales Lenkrad, auch ein Schaltknüppel ist an Bord. Nur das Starten muss man üben, denn es ist kein Zündschlüssel nötig und man hört auch keinen Motor mehr hochdrehen.
"Einfach einsteigen, anschalten, losfahren", sagt der Ingenieur auf dem Beifahrersitz und macht sich einen Spaß daraus, die Leute auf dem Pier beim flüsterleisen Anfahren zu erschrecken. Damit das im Straßenverkehr nicht passiert, gibt es im Cockpit einen neuen Schalter: Er aktiviert ein elektronisches Warnsignal, das wie das Geschnatter geklonter Gänse klingt und Fußgänger hellhörig machen soll.
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Deshalb zeigt der Instrukteur jetzt auf den Sport-Knopf, mit dem man die Leistung erhöhen kann. Als hätte man einen Turbo zugeschaltet, reagiert der Volt plötzlich aggressiv, lässt kurz die Reifen quietschen und pfeilt sportlich durch die nächste Parkreihe. Elektrisch fahren, das begreift man abermals, muss kein freudloses Dahinzockeln sein.
Der Aufpasser auf dem Beifahrersitz fordert unnachgiebig die Umkehr
Mit Tempo 40 geht es nun eine Rampe hinab, und der wachsame Beifahrer mahnt zum Entschleunigen. Während die Motorbremse arbeitet und Strom produziert, steigt die Spannung: Gleich geht es nach Manhattan - lautlos und abgasfrei Richtung Times Square, die Fifth Avenue hinunter oder den Broadway hinauf. Im berüchtigten Crosstown Traffic könnte das Zukunftsauto beweisen, was es wirklich drauf hat.
Denkste. Den Wagen in die freie Wildbahn zu entlassen - das trauen sich die GM-Leute dann doch nicht. Offenbar hatten wir in der Ankündigung der sogenannten Testfahrt irgendetwas im Kleingedruckten übersehen. Die bis jetzt zurückgelegten 600 Meter waren nämlich schon alles: Der Ingenieur auf dem Beifahrersitz befiehlt das Wendemanöver, Ende der Dienstfahrt.
Wie sich das Auto im Straßenverkehr schlägt, wann und wie der Range Extender aktiv wird, wie lange der Saft wirklich reicht - diese wirklich interessanten Fragen bleiben weiter offen. Schon in etwa acht Monaten sollen die ersten Volt-Modelle den Kunden übergeben werden. Wenn sich der Hersteller jetzt noch nicht traut, das Auto für eine richtige Testfahrt zur Verfügung zu stellen, hinterlässt das ein ziemlich mulmiges Gefühl.
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