Chevrolet Volt: 600 Meter der Zukunft entgegen

Aus New York berichtet

Bereits im November soll er auf dem Markt kommen: Der Chevrolet Volt ist das wohl ambitionierteste Elektroauto-Projekt der Welt. Jetzt lud Hersteller GM zu einer ersten Probefahrt ein - traute sich aber nicht, die Tester durch den Verkehr von Manhattan kurven zu lassen.

Chevrolet Volt: ...und alle Fragen offen Fotos

Ein abgesperrter Pier am Hudson River, aufgeregte GM-Manager und viele nervöse Techniker: Amerikas automobile Zukunft soll in New York vorgestellt werden, und da darf einem als Verantwortlichem schon ein bisschen die Düse gehen. Im Nieselregen steht der Chevrolet Volt, der nicht nur General Motors, sondern ganz Detroit, ach was, am besten die ganze automobile Welt retten soll.

Diesen Eindruck zumindest vermitteln die Entwickler, wenn sie von ihrem Elektroauto sprechen. Erstmals wurde er 2007 auf der Detroiter Auto-Show enthüllt - und die gesamte Branche war geschockt, als GM den Marktstart für 2010 ankündigte. Der Volt machte der Konkurrenz Beine - wer weiß, ob es dann den elektrischen Smart, den Mini E oder den Golf Twin Drive geben würde?

GM hat bislang jeden noch so kleinen Entwicklungsschritt des Chevrolet Volt kommuniziert, nicht aber maßgebliche Werte wie Gewicht oder Preis. Immerhin hat dank des PR-Dauerfeuers mittlerweile wohl fast jeder Interessierte begriffen, was den Volt besonders macht. "Es ist der Range Extender", sagt Produktmanagerin Cristy Landy. Angetrieben wird der Volt stets per Elektromotor. Doch auch wenn der Stromvorrat nach 65 Kilometern zur Neige geht, muss das Auto nicht an die Steckdose. Stattdessen schaltet sich ein kleiner Benzinmotor ein, der einen Generator antreibt, der wiederum Strom für weitere 400 Kilometer Fahrstrecke produziert.

Soweit die Theorie. Ende 2010 soll das Auto verkauft werden, und da müsste allmählich die Praxis auf dem Programm stehen. "Als eine der ersten Redaktionen haben Sie die Chance, den Volt kennenzulernen und sowohl den elektrischen Betrieb als auch das Fahren mit Range Extender zu erleben", hieß es in einer Einladung an mehrere Redaktionen, darunter auch SPIEGEL ONLINE.

Und in der Tat: Nach einer weiteren Theorieeinheit finden wir uns auf dem Pier 92 an der Westside Manhattans ein, wo zwei der bislang etwa 80 gebauten Prototypen bereit stehen. Jeweils drei Gäste und ein Entwickler steigen ins Auto - der 4,40 Meter lange Chevrolet Volt ist schließlich ein vollwertiger Familienwagen. Im Fond ist die Kopffreiheit zwar beschränkt, sonst aber sitzt man kommod.

Die neue Fußgängerhupe klingt nach Geflügel-Geschnatter

Den besten Platz hat natürlich der Fahrer. Für ihn haben die Designer ein neues Cockpit gestaltet. "Einerseits soll man dem Volt ansehen, dass er ein völlig neues Auto ist. Andererseits muss man ihn intuitiv bedienen können", sagt Volt-Entwickler Frank Weber. "Wenn man vor dem Losfahren erst einmal die Bedienungsanleitung lesen müsste, hätten wir schon verloren."

Die Sorge ist unbegründet. Zwar sieht es im Volt wegen der Bildschirme mit ihren bunten Grafiken tatsächlich etwas ungewohnt aus, jedoch findet man sich auf Anhieb zurecht. Im Fußraum gibt es erwartungsgemäß zwei Pedale, die Hände umschließen ein normales Lenkrad, auch ein Schaltknüppel ist an Bord. Nur das Starten muss man üben, denn es ist kein Zündschlüssel nötig und man hört auch keinen Motor mehr hochdrehen.

"Einfach einsteigen, anschalten, losfahren", sagt der Ingenieur auf dem Beifahrersitz und macht sich einen Spaß daraus, die Leute auf dem Pier beim flüsterleisen Anfahren zu erschrecken. Damit das im Straßenverkehr nicht passiert, gibt es im Cockpit einen neuen Schalter: Er aktiviert ein elektronisches Warnsignal, das wie das Geschnatter geklonter Gänse klingt und Fußgänger hellhörig machen soll.

Lego

Mit dem Autokonfigurator von Carmondo können Sie aus mehr als 400 Modellen wählen und das Fahrzeug nach Ihren Wünschen ausstatten.

Hier gelangen Sie zum Konfigurator



Auf unserer Testfahrt benötigen wir die Schnatterhupe nicht. Während es nebenan auf dem West Side Highway eher zäh vorangeht, haben wir auf dem Pier freie Fahrt und rollen lautlos Richtung Zukunft. Wie immer bei Elektroautos passiert das ohne Schaltunterbrechung, flott und flüssig, aber nicht gerade atemberaubend.

Deshalb zeigt der Instrukteur jetzt auf den Sport-Knopf, mit dem man die Leistung erhöhen kann. Als hätte man einen Turbo zugeschaltet, reagiert der Volt plötzlich aggressiv, lässt kurz die Reifen quietschen und pfeilt sportlich durch die nächste Parkreihe. Elektrisch fahren, das begreift man abermals, muss kein freudloses Dahinzockeln sein.

Der Aufpasser auf dem Beifahrersitz fordert unnachgiebig die Umkehr

Mit Tempo 40 geht es nun eine Rampe hinab, und der wachsame Beifahrer mahnt zum Entschleunigen. Während die Motorbremse arbeitet und Strom produziert, steigt die Spannung: Gleich geht es nach Manhattan - lautlos und abgasfrei Richtung Times Square, die Fifth Avenue hinunter oder den Broadway hinauf. Im berüchtigten Crosstown Traffic könnte das Zukunftsauto beweisen, was es wirklich drauf hat.

Denkste. Den Wagen in die freie Wildbahn zu entlassen - das trauen sich die GM-Leute dann doch nicht. Offenbar hatten wir in der Ankündigung der sogenannten Testfahrt irgendetwas im Kleingedruckten übersehen. Die bis jetzt zurückgelegten 600 Meter waren nämlich schon alles: Der Ingenieur auf dem Beifahrersitz befiehlt das Wendemanöver, Ende der Dienstfahrt.

Wie sich das Auto im Straßenverkehr schlägt, wann und wie der Range Extender aktiv wird, wie lange der Saft wirklich reicht - diese wirklich interessanten Fragen bleiben weiter offen. Schon in etwa acht Monaten sollen die ersten Volt-Modelle den Kunden übergeben werden. Wenn sich der Hersteller jetzt noch nicht traut, das Auto für eine richtige Testfahrt zur Verfügung zu stellen, hinterlässt das ein ziemlich mulmiges Gefühl.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
ambergris 30.03.2010
Dieses Modell ist ein potentieller Meilenstein, aber auch ein möglicher Sargnagel. Je nachdem wie gut es ankommt werden Elektroautos sich entweder in Amerika durchsetzen oder verbannt werden. Dementsprechend gut oder schlecht werden die Aussichten auf eine Energiewende in Amerika stehen, und damit auch für die gesamte Welt.
2. 600m... oder ein Jahr später?
2cv 30.03.2010
Beim 2CV hat es auch gedauert - der 1948 angekündigte Wagen wurde 1949 ausgeliefert und bis 1990 gebaut. Geben wir der Technologie eine Chance...! Viel interessanter wäre allerdings, würde sich SPIEGEL ONLINE auch einmal der GEET-Technologie annehmen, in der ein alternatives Motorenkonzept vorgestellt wird, das die Benzinreserven um Einiges in die Zukunft "streckt". Wer Details wissen will, möge "Geet Pantone" mal bei Google oder YouTube eingeben und wird verblüfft sein, was mit bis zu 2-3facher Reichweitenverlängerung und rund 10% des Emissionsausstoßes durch Zugabe von Wasser zu Benzin und anderer Verbrennungstechnik erreicht wird... @SPON - bitte berichten! Danke.
3. Jämmerlich
kaba06 30.03.2010
Zitat von sysopWenn sich der Hersteller jetzt noch nicht traut, das Auto für eine richtige Testfahrt zur Verfügung zu stellen, hinterlässt das ein ziemlich mulmiges Gefühl.
Was für ein Unsinn. Da sind Autojournalisten wohl inzwischen zu verwöhnt. Bei den IT Journalisten nachgucken. Da darf man auch als Journalist nicht ernsthaft mit dem iPad spielen ehe es in den Handel kommt. Tut dem Erfolg keinen Abbruch und dämmt die Produktpiraterie ein....
4. heiße luft
kanadasirup 30.03.2010
Ich kann mir nicht vorstellen, wie GM die grundsätzlichen Probleme aller Elektroautos, wie z.B. das Gewicht der Batterie oder die Reichweite anders als die Konkurrenz gelöst haben will. Das wird wahrscheinlich ein großes Fiasko wenn harte Zahlen vorliegen.
5. "weltretter" ??
krohcs 30.03.2010
Zitat von ambergrisDieses Modell ist ein potentieller Meilenstein, aber auch ein möglicher Sargnagel. Je nachdem wie gut es ankommt werden Elektroautos sich entweder in Amerika durchsetzen oder verbannt werden. Dementsprechend gut oder schlecht werden die Aussichten auf eine Energiewende in Amerika stehen, und damit auch für die gesamte Welt.
Man kann in ein solches Produkt auch etwas zuviele Erwartungen reinstecken.. Die Lösung rein elektrischer Antrieb mit range extender ist interessant, aber auch nicht optimal. Da bin ich doch sehr gespannt, wieviel Gewicht die Kiste hat, für wieviel km die akkus wirklich halten, wieviel der verbrauch beträgt nachdem die vorgeladenen akkus leer sind und für was für einen Preis das Auto letztendlich angeboten wird, damit GM damit auch noch was verdient.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles zum Thema Chevrolet
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 43 Kommentare
Fotostrecke
Elektroautos im Aufwind: Modelle und Meilensteine


Aktuelles zu