Chinesische Automarke Lynk&Co Nächster Versuch

Autos aus China? Wollte in Europa bislang keiner kaufen. Mit Lynk&Co wagt jetzt trotzdem wieder eine Marke einen Anlauf - und setzt dabei auf Unterstützung eines etablierten Herstellers.

LYNK & CO

Alain Visser will das schier Unmögliche schaffen. Der 52-jährige Belgier, einst in den Diensten von Opel und Volvo, will eine chinesische Automarke auf dem europäischen Markt etablieren - und damit erreichen, woran viele Hersteller vor ihm gescheitert sind. Weil ihre Autos bei Crashtests kollabierten, sie vor Gericht teure Plagiatsklagen verloren oder Investoren, Kunden und Journalisten einfach nur zu viel versprochen hatten. Selbst an den Erfolg der vielversprechend gestarteten Marke Qoros glaubt nach zahllosen Verschiebungen keiner mehr.

Jetzt also Alain Visser. Der Name seiner Marke: Lynk&Co.

Visser gehört zum Vorstand von Geely. Das ist jener chinesische Konzern, der sich vor einigen Jahren Volvo einverleibte. Wie wichtig die Rolle des schwedischen Herstellers für Lynk&Co wird, erklärte Visser nun auf Präsentationen in Göteborg und Berlin - wo er auch das erste Modell der neuen Marke enthüllte. So sieht der Wagen aus:

Lynk&Co 01
LYNK & CO

Lynk&Co 01

Es handelt sich - wie könnte es auch anders sein - um einen SUV. Der Name ist knapp gehalten: 01.

Bei einer Länge von gut 4,50 Metern spielt das Modell in einer Liga mit Audi Q5, Mercedes GLC oder BMW X3. Geht es nach Visser, soll es diesen Konkurrenten in nichts nachstehen. Außer beim Preis.

"Wir werden Komfort, Ambiente und Ausstattung wie ein Premiummodell bieten und dafür nicht mehr verlangen als ein Volumenhersteller", verspricht er. Um das mal kurz festzuhalten: Er möchte einen Audi zum VW-Preis bauen? So würde er es zwar nicht ausdrücken, meint Visser, aber der Vergleich sei "zutreffend".

Die Strategie für diesen kühnen Plan erklärt er so:

  • Mit Volvo zusammen hat Lynk&Co im gemeinsamen Chinese European Vehicle Technology Center (CEVT) eine Produktionsplattform entwickelt, die so variabel ist, dass sie bei Volvo die nächsten Kompaktmodelle und bei Lynk&Co die gesamte Fahrzeugpalette tragen kann. Von Volvo stammen die Drei- und Vierzylinder-Benziner, die in China in Lizenz gefertigt und in die neuen Modelle eingebaut werden, sowie das Know-how für die Elektrifizierung der Lynk&Co-Palette mit Hybrid- und Batterieantrieben. Die Volvo-Ingenieure sollen außerdem dafür sorgen, dass die neuen Modelle aus Fernost sich im Crashtest nicht blamieren.
  • Um den Preis so weit wie angestrebt zu drücken, reicht es allerdings nicht, die Autos billig in China zu produzieren und die Entwicklungskosten zum Teil auf zwei Marken zu verteilen. Visser setzt deshalb auch auf eine für europäische Marken ungewöhnliche Vertriebstruktur. Statt über einen Händler soll man die Wagen direkt beim Hersteller übers Internet oder in kleinen, von Lynk&Co betriebenen Showrooms beziehen - so wie zum Beispiel Tesla das vormacht. "Normalerweise entfallen 25 Prozent der Fahrzeugkosten auf den Vertrieb. Wir halbieren diesen Anteil und geben das zum Teil an die Kunden weiter", sagt Visser.

Carsharing-Funktion ab Werk

Als Alleinstellungsmerkmal will Visser vor allem auf die Möglichkeiten der Vernetzung setzen. "Was für Volvo die Sicherheit, das ist für uns die Connectivity", sagt er. Der Clou beim 01 soll dabei eine Funktion sein, mit der man das eigene Auto zum Carsharing-Fahrzeug macht. Über eine App kann dann jeder den Wagen mieten, und der Besitzer damit Geld verdienen.

Ganz neu ist diese Idee nicht, beispielsweise bietet der Carsharing-Dienstleister Drivy eine Nachrüstlösung für Privatautos an, mit der sich jeder Wagen über eine App mit anderen teilen lässt. Beim Lynk&Co 01 soll diese Funktion aber schon ab Werk verfügbar sein.

Mit diesem Konzept will Visser vor allem Großstadtbewohner im Alter zwischen 25 und 35 Jahre als Kunde gewinnen - Leute, die bislang mehr Wert auf ihr Smartphone legen als auf ein Auto. Bei dieser Zielgruppe sei auch keine große Kannibalisierung mit Volvo zu befürchten, selbst wenn beide Marken die gleichen Fahrzeugplattformen nutzen. "Diese Kunden haben die Schweden bislang ohnehin nicht erreicht", sagt Visser.

Warum es chinesische Hersteller in den Westen zieht

Zu den Marktaussichten will er sich jedoch nicht weiter äußern - momentan sei noch nicht einmal entschieden, ob es den 01 außerhalb Chinas sogar nur mit elektrifizierten Antrieben geben wird. Bei Lynk&Co gibt man sich aber auch noch Zeit zum Überlegen: In China soll der Verkauf Ende 2017 und in Europa erst 2018 beginnen. Mittelfristig soll dann etwa die Hälfte der Produktion nach Europa und in die USA exportiert werden.

Aber warum zieht es die Chinesen überhaupt ins Ausland, wenn sie doch den größten Automarkt mit den rosigsten Wachstumsprognosen direkt vor der Haustüre haben? "Weil China aktuell auch der Markt mit der höchsten Wettbewerbsintensität ist", sagt Analyst Henner Lehne vom Beratungsunternehmen IHS Markit. Nirgends sei das Angebot an Modellen und Herstellern größer.

"Vor allem die westlichen Hersteller investieren massiv in den Ausbau von Produkten und Händlernetzen, die auf die chinesischen Bedürfnisse zugeschnitten seien - und machen heimischen Marken das Leben schwer", argumentiert Lehne. "Daher müssen sich die chinesischen Hersteller nach anderen Absatzmärkten umsehen und expandieren stark nach Afrika, Südamerika oder Ost-Europa."

Ob Vissers Plan tatsächlich aufgeht und Lynk&Co als erste chinesische Automarke weltweit Fuß fasst, wird sich wohl erst in ein paar Jahren zeigen. Die Anforderungen sind laut Marktexperte Lehne jedoch hoch: "Man braucht entweder ein qualitativ hochwertiges Produkt zu einem unschlagbaren Preis oder ein sehr innovatives Produktkonzept, das eine Differenzierung zu den etablierten Marken außerhalb Chinas ermöglicht", sagt er.

Einen traditionellen Händler um die Ecke bedarf es dazu jedoch nicht, sagt Lehne - was gut zu Vissers Vertriebskonzept passt. "Es muss nur gewährleistet sein, dass der Kunde ohne große Probleme ein Auto kaufen und auch warten lassen kann."

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insgesamt 105 Beiträge
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Sugafoot 21.10.2016
1. Kann funktionieren
Seit Monaten exportiert SAIC-GM made-in-China Buicks sehr erfolgreich in die USA. Wir haben es hier mit einer Eigenmarke zu tun, aber woran sollte es scheitern? Mit den verlachten Shuanghuan und Landwind von frueher haben die modernen lokal OEM Fahrzeuge wenig gemeisam. Die bieten Komfort und Austattung wie ein VW (es kommt eh alles vom Zulieferer), sind aber preislich suedlicher angesiedelt.
derdings123 21.10.2016
2. Die nächste Totgeburt
So wird das nichts. Qoros, Borgward, Lync... jedes Jahr wird eine neue Fantasiemarke durch's Dorf getrieben, statt dass die Chinesen mal einen großen Hersteller langfristig und solide aufbauen. Die sollten sich mal die Geschichten von Toyota und Hyundai anschauen, um zu verstehen wie das geht. Randbemerkung: Das mit dem Car Sharing kann man ja wohl nur als Witz auffassen. Das ist vielleicht bei einem billigsten Opel Corsa mit Vollplastikausstattung halbwegs plausibel, aber wer sich ein Auto mit Oberklasse-Ambiente und zum "VW-SUV-Preis" kauft will sich das doch nicht von fremden Leuten vollsiffen lassen.
monolithos 21.10.2016
3. Sollen sie mal machen
Einen "Audi zum VW-Preis" halte ich nicht für ein Konzept, mit dem ein chinesischer Hersteller auf dem westeuropäischen Markt überleben kann. Ein Hyundai zum Dacia-Preis wäre geeigneter. Und ein Fahrzeugmodell, dass einem nicht ganz so strapazierten Segment zuurechnen wäre. Am 1001. SUV wird auch Borgward scheitern. Aber wenn die Chinesen meinen zu wissen, was Europäer brauchen, sollen sie mal machen.
naklar261 21.10.2016
4. gute idee. testfahrt bitte
das konzept hoert sicht gut an.
longdonglarry 21.10.2016
5. wird nicht passieren
die Chinesen werden so schnell keinen Fuss auf europaeischen Boden bekommen. Die Produkte sind einfach zu schlecht. Bin neulich mal in einem nagelneuen Geely Kleinwagen mitgefahren. Comfort und Motorleistung wie ein Fiat Uno 45 vor 25 Jahren. Eventuell lassen sich manchen von den guenstigen Preisen blenden. aber der WVW ist gleich Null. 70% Wertverlust in einem Jahr. Ein absolutes No Go.
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