Chip-Tuning Bis der Rußfilter schmilzt

Beim Motor-Tuning mit dem Laptop sind nicht nur Experten am Werk. Laut ADAC kommt es immer wieder zu Problemen. Besonders die Rußpartikelfilter bei Diesel-Fahrzeugen sind durch den Eingriff gefährdet.


Hannover/Saarbrücken - Sie sind klein, meist unauffällig, und sie finden sich in fast allen großen Auto-Zeitschriften: Anzeigen, in denen in der Regel kaum mehr als der Begriff Chip-Tuning und eine Telefonnummer zu finden sind. Mehr allerdings brauchen die Interessenten auch nicht. Denn die angepeilte Kundschaft weiß, dass sich hinter den Inseraten eine in der Regel recht günstige Möglichkeit steckt, einem Auto zu merklich höherer Leistung zu verhelfen. Da kann mancher kaum widerstehen.

Anzeigen für Chip-Tuning: Schraubenzieher und Spezialwerkzeug sind nicht mehr nötig - ein Laptop genügt
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Anzeigen für Chip-Tuning: Schraubenzieher und Spezialwerkzeug sind nicht mehr nötig - ein Laptop genügt

Vergessen wird, dass Chip-Tuning nicht nur von wirklich seriösen Tunern angeboten wird und dass gerade die Partikelfilter moderner Dieselmodelle nicht wirklich die geeigneten Objekte für eine grobschlächtige Art der Leistungssteigerung sind.

Motor-Tuning war in der Vergangenheit eine höchst aufwendige Sache. Mit dem Einzug der Elektronik in das Auto und vor allem in die Motorsteuerung hat sich die Sache geändert: Statt mit Schraubendreher und Spezialwerkzeug wird heute vorwiegend mit dem Laptop hantiert. Die Leistung wird in der Regel nicht durch mechanische Eingriffe erhöht, sondern durch Anpassung der Daten in der Motorsteuerung. Man spricht vom Chip-Tuning.

Das alles mag sich zunächst als Breiten-taugliche Art des Auto-Tunings anhören. Und wenn es richtig gemacht wird, kann die Sache auch funktionieren. Für Experten jedoch ist gerade der Leistungszuwachs über die Kontakte aus dem Kleinanzeigenteil alles andere als der richtige Weg: Mit der Elektronik ist das Auto insgesamt eben auch viel komplexer geworden, alle Teile sind genau aufeinander abgestimmt. "Wir raten grundsätzlich dazu, die Finger von unseriösem Chip-Tuning zu lassen", sagt Andrea Gärtner, Motor-Expertin im ADAC-Technikzentrum in Landsberg (Bayern). "Es kommt dabei immer wieder zu Problemen."

Nicht nur mehr PS, sondern auch höhere Temperaturen

Eine der größten Schwierigkeiten ist laut Gärtner, dass die Leistungssteigerung bei den einfachen Eingriffen meist durch erhöhte Einspritzdrücke erreicht wird. Das bringt jedoch nicht nur zusätzliche PS mit sich, sondern auch erhöhte Temperaturen im Motor und dessen Umfeld. Auch ein eventuell vorhandener Turbolader kann durch die zusätzliche Arbeit schnell Schaden nehmen - die Lader müssen ohnehin schon extrem hohe Drehzahlen absolvieren. Wenn dann aber noch mehr von ihnen verlangt wird, überschreiten die Anforderungen nicht selten die Grenzen des Materials.

Das aber sind nur jene Schwierigkeiten, mit denen bei jedem Auto zu rechnen ist. Tatsächlich wird Chip-Tuning recht häufig bei Diesel-Fahrzeugen angewendet - und die sind bekanntlich zunehmend mit Rußpartikelfiltern ausgerüstet, um ihre Abgase sauber zu halten. "Beim Chip-Tuning wird die Leistung oft dadurch geholt, dass gerade bei Volllast und mittleren Drehzahlen die Einspritzmenge erhöht wird", erklärt Bert Korporal, Sachverständiger des TÜV Nord in Hannover. Das wiederum führt im Endeffekt zu mehr Rußpartikeln im Kraftstoff, die sich in den engen Kanälen des Partikelfilter ablagern.

Auch im Normalfall füllt sich ein Partikelfilter - irgendwann werden die Rückstände dann aber kontrolliert "abgebrannt". Im Tuning-Fall kann das ganz anders aussehen. Ein Grund dafür sind große Rußmengen im Abgas beim fortwährenden Gas geben. "Es kann im Abgas dann zu wenig Sauerstoff zum kontrollierten Abbrennen vorhanden sein", so Gärtner. Geht der Fahrer aber plötzlich vom Gas, bahnt sich statt Ruß reichlich Sauerstoff den Weg zum Rußfilter.

Das Innenleben des Rußpartikelfilters beginnt zu schmilzen

"Dort kann es schlagartig zur Verbrennung der Rückstände kommen." Was dann passiert, hat die Zeitschrift "Auto Bild" kürzlich getestet: Die Temperaturen liegen in so einem Fall weit über den gewünschten Werten - das Innenleben des Filters beginnt zu schmelzen.

Das allerdings bedeutet nicht, dass Leistungssteigerung und Rußpartikelfilter komplett unvereinbar sind. "Beide Dinge müssen nur wirklich zusammenpassen, aufeinander abgestimmt sein", sagt Klaus Osterhaus vom Partikelfilter-Hersteller HJS in Menden. "Man muss so etwas gemeinsam entwickeln." Bei HJS will man sich nun auch des Themas verstärkt annehmen. Das Unternehmen arbeitet bereits mit einem Anbieter von Chip-Tuning zusammen - weitere sollen folgen.

Bei wirklich stimmigen Kombinationen aus zusätzlicher Leistung und ungefährdetem Rußpartikelfilter sind die beliebten Mini-Preise für das Tuning kaum mehr machbar. "Das Tuning mit einem Partikelfilter ist nicht unmöglich, aber technisch aufwendiger", meint Hans-Jörg Köninger, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Automobiltuner (VDAT) in Essen - und damit eben im Endeffekt auch teurer.

Wer Wert auf eine seriöse Tuning-Maßnahme legt, sollte sich im Falle des Partikelfilters auch nicht von Ankündigungen extremer Leistungszuwächse blenden lassen - die gibt es nämlich eher nicht. "Einen Leistungszuwachs von 20 oder 30 Prozent darf man nicht erwarten, realistisch sind eher 12 bis 15 Prozent", so Köninger. Um wirklich sicher zu gehen, sollten Interessenten sich außerdem versichern, dass es für das Tuning ein gültiges Gutachten gibt.

Heiko Haupt, gms



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