Von Tom Grünweg
Es ist ruhig und friedlich an diesem Morgen im Hafen von Cassis. Jenseits der Mole startet gleich eine Segelregatta, und im Bistro am Kai sitzen die Fischer noch beim zweiten Café au Lait. Doch plötzlich zerreißt ein Brüllen die Stille und vom Horizont her schießt ein silbernes Rennboot in die Bucht. Schlank schneidet es durch die Wellen und gibt sich dem Experten als etwas Besonderes zu erkennen: ein Speed-Boat der legendären Cigarette-Werft in Miami. Je näher es kommt, desto deutlicher werden die drei Buchstaben am Rumpf des eigens aus Florida an die Côte d'Azur überführten Bootes, die man sonst nur von der Straße kennt: AMG.
Der Grund ist eine ungewöhnlichen Partnerschaft. Weil beide Unternehmen ihre Produkte schneller machen wollen als die der Konkurrenz und nicht zuletzt, weil der Chef der Cigarette-Werft, Skip Braver, so begeistert vom neuen SLS AMG ist, nahm er Kontakt zur schnellen Mercedes-Marke auf und legte mit den Ingenieuren und Designern in Affalterbach eine spezielle Variante seiner Rennboote auf.
So trägt das rund 14 Meter lang Schiff den gleichen Alubeam-Lack wie die schwäbischen Flügeltürer. Die Instrumente sehen hier wie dort gleich aus, man blickt hinter dem Ruder auf eben so viel blankes Karbon wie am Steuer des Autos, und auch die weißen Ledersitze sind vom Mercedes-Sportwagen inspiriert.
Am liebsten hätte Braver auch den 6,2 Liter großen V8-Motor des SLS ins Heck gepflanzt, doch der wäre mit 571 PS schlicht zu schwach. "Dieses Aggregat für den Einsatz auf dem Wasser flott zu machen, hätte den Finanzrahmen gesprengt", sagt Braver. Also bleib es bei den beiden standardmäßigen und noch viel imposanteren Motoren. Das etwa sechs Tonnen schwere Cigarette-Boot wird von zwei Achtzylinder-Aggregaten des US-Herstellers Mercury angetrieben. Jedes ist fast so groß wie ein Kleinwagen, hat rund neun Liter Hubraum und leistet 1350 PS. "Das ist das Stärkste, was es diesseits echter Rennboote in ordentlicher Qualität zu kaufen gibt", erläutert Bud Lorow, der heute am Ruder steht.
2700 PS - wenn Lorow die beiden Regler nach vorn schiebt, meint man, die See beginne zu kochen. Das Rennboot hebt den langen Bug aus dem Wasser und was dann folgt, ist nicht einmal mit dem Start eines Jumbos zu vergleichen. Als reite man auf einer Rakete, stürmt das Boot über die Wellen und schlägt zwischendurch so hart auf, dass Novizen fürchten, der Fiberglasrumpf breche entzwei. Zum Glück hat Lorow Schwimmwesten verteilt, und zum Glück sind die Sitze dick gepolstert. "Wenn ich richtig Gas gebe, hätte der SLS keine Chance", prahlt der Skipper. Bei der Höchstgeschwindigkeit muss er jedoch passen. Während das AMG-Modell bis zu 317 km/h schnell ist, erreicht das Speedboat etwa 220 km/h. Aber nur wenn das Meer spiegelglatt ist.
Größte Vorsicht ist geboten, sonst ist die erste Welle auch gleich die letzte
Für derartige Tempo-Exzesse brauche man ein geschultes Auge und einen scharfen Blick, sagt Lorow. "Aber wenn man Gas geben will, muss man das Wasser lesen wie ein Rennfahrer die Straße", sagt der Amerikaner. "Sonst kann die erste Welle deine letzte sein." Und ein dickes Fell, denn solche Boote machen ebenso wie die AMG-Autos wenig Sinn. Es geht vor allem um Spaß und Image.
Wer zu den Käufern der rund 50 Cigarette-Boote pro Jahr gehört, die von etwa 75 Mitarbeitern in der Werft in Miami auf Kiel gelegt werden? "Menschen, die es gerne schnell mögen und sonst schon jedes Spielzeug haben, darunter meist auch einen SLS", sagt Braver, als das Boot wieder langsamer wird und man den Motor überbrüllen kann. Vor allem Showstars und Spitzensportler zählt er zu seinen Kunden, und selbst George Bush Senior soll in einem Cigarette-Boot übers Wasser jagen. Andere Namen will der Firmenchef nicht nennen: "Diskretion gehört zum Geschäft."
Das mag auch aus einer Zeit rühren, in der Cigarette einen eher zwielichtigen Ruf hatte. Denn als die Firma 1970 von Speedboat-Weltmeister Donald Aronow gegründet wurde, sollen neben der Polizei auch Drogenkuriere zu den Kunden gehört haben - Miami gilt nicht umsonst als wichtigster Umschlagplatz etwa für Kokain aus Kolumbien. Es waren möglicherweise diese Verstrickungen, die Firmenchef Aronow 1987 bei einer Schießerei den Tod brachten. Seit dem hat Cigarette ein düsteres Image, das Braver sogar kultiviert. "Wir sind auf dem Wasser, was Harley Davidson an Land ist - der Bad Guy."
Das Basismodell des AMG-Speedboats kostet eine Million Dollar
Wer eines der Boote kaufen will, muss tief in die Tasche greifen. Schon das Basismodell des AMG-Renners kostet eine Million Dollar, und dafür gibt es nicht viel mehr als den Rumpf und die Motoren. Schließlich sind die Aggregate mit einem Stückpreis von 400.000 Dollar bereits teurer als je zwei voll ausgestattete Mercedes SLS. Leder, Karbon, eine elegante Kajüte, ein Nachtsichtgerät im Cockpit oder eine Fischkamera unter dem Bug - ruckzuck lässt sich der Preis verdoppeln. Die Kunden scheint das nicht zu stören. "Manche zahlen allein für die Stereoanlage 100.000 Dollar", sagt Braver.
Prinzipiell seien sich daher das Boot und der Flügeltürer näher als vermutet, sagt Braver, während er zurück in den Hafen von Cassis tuckert. Beide gehören zu den schnellsten und begehrtesten Fahrzeugen ihrer Art. "Und mit beiden kann man auch ganz gelassen von hier aus zum Mittagessen nach Saint Tropez cruisen. Um mit einer Cigarette cool auszusehen, muss man keine Rekorde brechen. Es reicht schon, sie am Kai festzumachen."
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