Cin King Motors Smart löst Rätsel um Juxfirma auf

Die Frage stellt sich derzeit jeder Autointeressierte: Wer steckt hinter Cin King Motors? Die Gaga-Firma mit den Modellen Slim Jim, Naked Wonder und Circular 360 ist Teil einer clever eingefädelten PR-Aktion - die Urheber sitzen beim Kleinstauto-Hersteller Smart.

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Es hätte so spannend werden können: Da verlässt endlich einmal ein Unternehmen die ausgetretenen Pfade der Automobilentwicklung und entwirft mit ganz und gar unkonventionellen Ideen "das perfekte Fahrzeug für die Stadt". Leider wird es den 4,75 Meter langen, aber nicht einmal 80 Zentimeter breiten Slim Jim, das Pedalauto Naked Wonder und den im Stau rotierenden Circular 360 ebenso wenig zu kaufen geben wie das Full Power Flagship, das mit Raketenantrieb auf 500 km/h kommen sollte.

Denn morgen platzt der Traum von der automobilen Revolution. Cin King Motors ist ein Fake, das seit ein paar Wochen durchs Internet geistert, mit teuren Anzeigen beworben wird und längst die gesamte Autobranche infiziert hat. Allerdings stecken dahinter keine bekifften Ingenieure, sondern der zum Daimler-Konzern gehörende Autohersteller Smart.

Wer ab Dienstag auf die Website www.cin-king.com klickt, wird Zeuge einer flashanimierten Explosion, sieht den Traum von Cin King Motors buchstäblich platzen und landet auf einer speziellen Internetseite des Kleinstwagenherstellers. "Wir müssen nicht auf Autos wie den Slim Jim warten, um sauber und schlau in die Zukunft zu fahren. Wir haben schon den Fortwo", sagt Markenchef Anders Jensen, der mit dieser ungewöhnlichen Aktion vor allem auf den Smart mit Start-Stopp-Generator und die Elektroversion des Zweisitzers aufmerksam machen möchte.

Der Vorteil der Internetwerbung: sie ist billig

Hätte es eine konventionelle Anzeigen- und TV-Kampagne nicht auch getan? Die Guerilla-Taktik ist nicht nur charmant und unterhaltend, sie ist obendrein auch noch viel billiger. "Denn eine solche Aktion kostet höchstens 20 Prozent des Preises einer konventionellen Kampagne", sagt der Smart-Chef. "Wir wollten die Leute neugierig machen, einen Spannungsbogen aufbauen, und ganz bewusst mit etwas Ironie unterhalten."

Zwar ist Smart immer mal wieder eigene und bisweilen auch unkonventionelle Wege in der Kommunikation gegangen. Doch wegen sinkender Absatzzahlen und steigendem Schuldenstand waren die Werber für Benzens Benjamin relativ still geworden. Erst seit die Marke enger unter das Dach des Daimler-Konzerns gerückt ist, das neue Modell auf dem Markt kam und die Kunden wieder kaufen, investieren die Schwaben wieder mehr.

Wie kann man Leute erreichen, die kaum fernsehen?

Mit dem neuen Konzept sucht Smart auch einen neuen Weg zu seinen Kunden. "Aus vielen Untersuchungen wissen wir, dass ein großer Teil der Smart-Käufer von TV-Reklame nur bedingt erreicht wird, weil sie einfach zu wenig fernsehen. Stattdessen holen wir sie dort ab, wo sie zu Hause sind: Im Internet", sagt Jensen.

Für den eher konservativen und etwas behäbigen Großkonzern Daimler kommt derart virales Marketing fast einer Kulturrevolution gleich. Allerdings könnte sich Jensen ähnliche Ansätze durchaus auch für Mercedes vorstellen. Aber darüber entscheiden seine Kollegen bei der großen Schwester.

Etliche Kultspots im Internet haben übrigens Mercedes zum Thema, auch wenn sie nicht von der Stuttgarter Zentrale in Auftrag gegeben wurden. Der offizielle Werbespot zur Einführung des Allradantriebs 4Matic im letzten Jahr mit den vier Synchronsprechern im Herbstwald wurde von einer bayerischen Parodie auf Youtube begleitet. Auch die Vorstandssitzung im Todesstern Stuttgart ist ein Webklassiker.

Virale Kampagnen als Sympathiebeschleuniger

"Unsere klassische Mercedes-Benz-Zielgruppe können wir auf diesen Kanälen sicher nicht erreichen", gibt Mercedes-Sprecher Christoph Horn zu. Doch ein paar sonst schwer greifbare Neukunden könnten auf diese Weise durchaus aufspringen. "Und selbst wenn man nicht direkt einen Käufer anspricht, haben solche Kampagnen einen entscheidenden Vorteil", ergänzt Smart-Chef Jensen. "Die Marke wirkt sympathisch, man sieht die Produkte mit einem Augenzwinkern und draußen auf dem Parkplatz bei unseren Kunden sorgt die Kampagne für noch mehr gute Laune."

Obwohl Smart mit Cin King sicher einen gehörigen Sympathie-Bonus eingefahren hat, wird das Thema vorerst nicht weiter vertieft. Jensen: "So schnell wie Cin King da war, wird das Phantom nach dem 4. März auch wieder verschwunden sein." Eine baldige Wiederkehr hält der Smart-Chef für unwahrscheinlich. Doch ganz ausschließen will er sie auch wieder nicht. Die Markenrechte an Cin King jedenfalls haben sich die Schwaben vorsorglich schon einmal gesichert.

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