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Citroën 2CV: Neun PS für eine Legende

Von , Paris

Eine Hängematte auf Rädern, ein Fahrgefühl wie auf hoher See, eine damals hochmoderne Technik und ein Äußeres, das seinem Spitznamen alle Ehre machte: Die Ente feiert ihren 60. Geburtstag - das Pariser Wissenschaftsmuseum widmet dem klappernden Kultmobil eine Rückschau.

Ente hieß das klappernde Einfachmobil bei uns – die Franzosen nannten den Wagen "Deux-Chevaux" oder zärtlicher "Deudeuche". Das Fahrzeug im Blechdach-Look, das 1990 in Portugal zum letzten Mal vom Band lief, ist derzeit in einem halben Dutzend Modellen zu besichtigen: In der Pariser "Cité des Sciences" hat Hersteller Citroën einige der historischen Modelle aufgereiht, dazu zeigen Filme und Schaubilder die bewegte Vergangenheit des schwankenden, schnarrenden Autos, das in der futuristischen Umgebung des Wissenschaftsmuseums ein bisschen aussieht wie ein industrieller Dinosaurier.

Ein weinroter 2CV lädt gar ein zum Sitzen – und das weiche Rollen und Stampfen erinnert sofort an gemächliche Fahrten über Frankreichs Nationalstraßen und die zockelnden Aufstiege über Passstraßen. Denn wie der deutsche VW-Käfer oder der italienische Fiat 500 Topolino gehört der 2CV mit seinem unverkennbaren Äußeren und seinem ebenso eindeutigen Geröhre zu den Legenden der europäischen Nachkriegszeit. Damals, als der bescheidene Wohlstand auch wachsende Reiselust bedeutete, waren die Modelle im schlichten – aber durchaus pfiffigen – Design die Symbole der anbrechenden Mobilität.

"Toute petite voiture"

Und ein Symbol französischer "Art de vivre" wie Baskenmütze, Baguette und Beaujolais. Denn mit seinen pfiffigen Details wie dem Rolldach, der Spazierstockschaltung, dem Klappfenster und den leicht herausnehmbaren Sitzbänken verkörperte der 2CV alternativen Lebensstil, noch lange bevor der Begriff geprägt war.

Dafür nahm man gerne in Kauf, dass die Luftzufuhr des Motorraumes bei kühl-feuchtem Wetter mit einer Schürze oder einem Stück Pappe abgedeckt werden musste oder das Klappfenster gerne mal auf den lässig herausgeschobenen Ellenbogen krachte.

Ausgedacht hatte sich André Citroën einen einfachen, populären Wagen schon zu Beginn der zwanziger Jahre, doch erst 1922 legt Reifenhersteller Michelin einen Wettbewerb für eine Art französischen Volkswagen vor. Die Abkürzung umschrieb das Programm: TPV, "Toute petite voiture" – ganz kleines Auto. Zu den Auflagen gehörten geringer Verbrauch, vier Türen und Platz für eine Weinkiste und eine Zuladung von 50 Kilo – das entsprach dem Gewicht eines Kartoffelsacks.

Schon das erste Modell 2CV-A, 1939 in einer Serie von 250 Prototypen für den Autosalon gebaut, vereinte revolutionäre Technik mit damals modernen Fertigungsmethoden: Eine schlichte Karosserie aus wenigen Teilen, die besondere Federung, einen Mittelscheibenwischer und hängende Sitze wie in einer Hollywood-Schaukel.

Auto für den Acker

Der Krieg machte der Produktion einen Strich durch die Rechnung; erst 1949 begann die Serienfertigung des 2CV – die zwei PS ("deux chevaux vapeur") stehen dabei für die Steuerklasse, tatsächlich hatte schon das erste Modell neun Pferdestärken. Dazu einen Vorderradantrieb und eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 60 Stundenkilometern.

Es wird ein Auto für viele Menschen und außerdem zu einem erschwinglichen Preis. Und deshalb vereinte der 2CV durchaus revolutionäre Technik mit einfachen Fertigungsmethoden. Zustande kam ein Gefährt mit einer sagenhaften Federung, mit der man "einen gepflügten Acker überqueren konnte, ohne dass der Eierkorb vom Beifahrersitz fiel", wie Hersteller Citroën seinerzeit lobte.

Natürlich wurde mit jeder Modellreihe fleißig Innovation betrieben - beim PS-stärkeren 2CV Azam von 1966 etwa bekamen die Wischer einen Elektromotor und die Benzinuhr ersetzte die präzise, aber etwas umständliche Peilstange, die direkt im Tank steckte. Und natürlich zierten rostfreie Radkappen und die chromglänzenden Stoßhörner das Luxusmodel.

Bald mauserte sich das Entchen zur Modellreihe mit verschwenderischer Vielfalt: Es gab den 2CV als Transporter und Lieferwagen, in Cross- oder Sahara-Version und sogar mit einer Karosserie aus verstärktem Plastik. Mit Rallyes quer durch Afrika, mit Expeditionen durch Lateinamerika und bis in den Norden der USA bewies das 500-Kilo-Entchen, dass es durchaus leistungsfähig war.

Mit 5,1 Millionen Exemplaren gehört es – nach dem Renault 4L (8 Millionen) zu den beliebtesten Automodellen Frankreichs. Mit einem Verbrauch von zunächst gerade mal fünf Litern Normalsprit auf 100 Kilometer war der 2CV schon ökologisch korrekt, als weder Autofahrer noch Vorstände der Autoindustrie an Umweltschutz dachten. Gefertigt wurde weitgehend in Handarbeit, wobei es nicht mehr als zweier Monteure bedurfte, um die Leichtbaukarosserie zu tragen.

So gehörte der 2CV zum Straßenbild der Vierten und Fünften Republik – erst Statussymbol, dann wahrer Volks-Wagen und dank der eindeutigen Silhouette in französischen Filmen bisweilen ein röhrender Charakterdarsteller: Mit Komiker Louis de Funès in der Rolle des überdrehten Gendarmen gehört das wendige Entchen zum Star von "Le Gendarme de St. Tropez":

Ein Auto, das Schmunzeln hervorruft und zudem ein erschwingliches Vehikel für ganze Generationen von Franzosen. Und manchmal gar eine automobile Liebe für das ganze Leben.

"Meinen ersten 2CV bekam ich 1961, damals hatte ich gerade meinen Mann kennengelernt", erinnert sich Michèle, 62, vor dem grau-glänzenden Ausstellungsstück in der "Cité des Sciences": "Und natürlich habe ich auch das Fahren auf einem 2CV gelernt – mit älteren Freunden." Für die Erziehungsberaterin an einer Pariser Schule blieb es das "einzige Auto, mit dem ich gerne gefahren bin. Das letzte, 1985 gekauft, ging gerade im Januar in Flammen auf.

"Ein fürchterlicher Verlust", sagt Michèle, die sich seither vergebens um Ersatz bemüht. "Ein anderes Auto kommt nicht in Frage. Nur die Fortbewegung im 2CV ist ein wahres Plaisir."

Anmerkung der Redaktion: Die Ente lief nicht 1988 in Frankreich zum allerletzten Mal vom Band sondern 1990 in Portugal. Sie hatte am Anfang nicht zwei PS sondern neun und von Serienbeginn an einen elektrischen Anlasser, nicht erst seit 1966. Die Serienfertigung begann 1949, nicht 1948. Wir bitten, die Fehler zu entschuldigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
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1. Unser erstes Auto
Joachim Baum 20.05.2008
war eine "Kastenente" die ich 1970 für 600 DM gebraucht erstand. Leider etwas (sehr) unbedarft, glaubte ich doch dem Verkäufer, das das Gefährt ohne weiteres über den (bald) fälligen TÜV Termin kam. Mitnichten, mehrere Anläufe brachten immer wieder neue Mängel zu Tage. So "tüvten" wir uns etwa ein Jahr durch, bis ich endlich aufgab. Aber trotzdem, Spaß hat's gemacht, das Fahren. Eine Korrektur zum SpOnbericht sei angebracht: der "manuelle" Scheibenwischer hatte sehr wohl einen mechanischen Antrieb, nämlich über die Tachowelle, nur im Stand musste das Handrad betätigt werden. Der Tacho war demzufolge auch nicht im Armaturenbrett untergebracht, sondern direkt an der Scheibenwischerachse. "Einfach" genial auch die Lüftung, ein Schlitz unter der Windschutzscheibe, die Luftzufuhr konnte mit einem Rändelrad dosiert werden (hat übrigens Renaults R4 auch noch gehabt, wie auch die Krückstockschaltung).
2. Blöde Eierfeile
Jodeljedi, 20.05.2008
Zitat von sysopEine Hängematte auf Rädern, ein Fahrgefühl wie auf hoher See, eine damals hochmoderne Technik und ein Äußeres, das seinem Spitznamen alle Ehre machte: Die Ente feiert ihren 60. Geburtstag - das Pariser Wissenschaftsmuseum widmet dem klappernden Kultmobil eine Rückschau. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,554095,00.html
Weiß nicht, irgendwie fand ich diese Kiste in meiner Jugend immer voll uncool. Das perfekte Gefährt für Ökoweicheier, pickelige Möchtegern- Intellektuelle und Nickelbrillen tragende Pseudoindividualisten. Aber eins ist klar, die Kiste war aus Frankreich und nicht aus Deutschland und damit per se mit hat "Charakter" versehen. Der Käfer war um Längen besser! Gruß Jodeljedi
3. und eine unschlagbare Straßenlage
Emil Ule, 20.05.2008
Gerade eben wieder unter Beweis gestellt. Meine Ente (Baujahr 1990, Made in Portugal) - eben erst wieder in der Toskana über die Dorfstrecken geheizt - ist auch heute noch in den Kurven von nichts und niemand abzuhängen. Je schlechter die Strecke, desto schneller - und komfortabler - die Ente. Während man in den frühen 80er Jahren mit einer Ente grundsätzlich verdächtig war und jede Polizeikontrolle ausgiebig studieren durfte, wird man heute fast überall angesprochen "hatte ich auch mal, war toll." und auf die Frage, warum sie denn verkauft wurde, erntet man wehmütiges Schulterzucken. Das mit den 5 Litern Benzinverbrauch ist allerdings ein Gerücht. Eine flott gefahrene Ente braucht zwischen 6,5 und 7 Litern.
4. Leichtbaukarosserie
joderbaer 20.05.2008
... die hat mich fast das Leben gekostet. Ein relativ harmloser Unfall mit einem Auto, das komplett Knautschzone war -> insgesamt 3 Monate Krankenhaus und eine leichte Behinderung zurückbehalten. Und für die Heizung im Winter hab ich eine aufwendige Zusatzheizung konstruiert. [Citroen-Meister als er die Motorhaube hochklappte: "Wow, eine Ente mit Turbolader!" ;-)) ] Der Marke bin ich allerdings treu geblieben, jetzt fahre ich einen C5 8-)
5. Käfer und Enten (wer frisst wen? :-))
Joachim Baum 20.05.2008
Zitat von JodeljediWeiß nicht, irgendwie fand ich diese Kiste in meiner Jugend immer voll uncool. Das perfekte Gefährt für Ökoweicheier, pickelige Möchtegern- Intellektuelle und Nickelbrillen tragende Pseudoindividualisten. Aber eins ist klar, die Kiste war aus Frankreich und nicht aus Deutschland und damit per se mit hat "Charakter" versehen. Der Käfer war um Längen besser! Gruß Jodeljedi
Na klar, dem Biedermann auf den Leib geschnitten, incl. Blumenvase am Armaturenbrett :-))
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