Weltpremiere Citroën C4 Cactus Eine Ente mit Stacheln

Citroën rüstet ab. Beim neuen Kompaktwagen C4 Cactus hat der Hersteller an Gewicht gespart - aber auch an überflüssiger Technik und Leistung. Der wunderbar clevere Enten-Erbe steht für eine neue Entwicklung: mehr Kundennutzen, weniger Firlefanz.

Aus Paris berichtet Jürgen Pander

Jürgen Pander

Höher, länger, breiter, mehr Leistung und Elektronik - das sind die üblichen Kernbotschaften bei der Vorstellung eines neuen Autos. Dass es auch radikal anders geht, zeigt jetzt Citroën mit dem C4 Cactus. Weltneuheiten an diesem Auto sind mit Luftpolstern ("Airbumps") bestückte Polyurethan-Planken an der Karosserie, ein Beifahrerairbag im Dach, und vor allem: eine erfrischend pragmatische Herangehensweise an das Thema Auto.

"Der C4 Cactus ist das Manifest der Neuausrichtung unserer Marke", sagt Citroën-Chef Frédéric Banzet. "Wir möchten wieder ein Auto für die breite Masse anbieten - so, wie einst den 2CV." Man kommt an dem Vergleich mit der Ente tatsächlich nicht vorbei, wenn man die Eigenwilligkeiten des C4 Cactus beschreiben will - denn das neue Modell ist ähnlich simpel und nonkonform.

Es gehe um das, "was wirklich zählt", sagt Anne Ruthmann, die Projektleiterin des C4 Cactus. Zum Beispiel ein neuartiges Design. Dafür sorgen vor allem die Airbumps, die es in vier Farben gibt. Zudem sind sie praktisch und robust, schlucken kleine Parkrempler und verhindern Kratzer in engen Parkhäusern, und sie lassen sich bei Bedarf rasch auswechseln.

Airbag von oben

Noch unkonventioneller ist die Gestaltung des Innenraums mit einer flachen Armaturentafel. Die nur deshalb so gestaltet werden konnte, weil der Beifahrer-Airbag nun hinter der Sonnenblende im Dach untergebracht ist. Es gibt außerdem nur ganz wenige Bedienelemente und zwei Bildschirme - einen als Cockpit hinterm Lenkrad, den anderen als zentralen Touchscreen. Bei den Modellen mit Automatikgetriebe lässt sich ein Sitzpolster so aufklappen, dass eine durchgehende vordere Sitzbank entsteht. Im Wagen herrscht eine Mischung aus lässiger Bequemlichkeit und unaufgeregtem Chic.

Citroën hat mit dem C4 Cactus also ein Auto gebaut, das sich nicht so wichtig nimmt, aber trotzdem auf den Punkt perfektioniert ist. Beispiel Gewicht: Der durchaus geräumige Wagen von 4,20 Meter Länge wiegt lediglich 965 Kilogramm. Gespart wird zum einen durch eine Motorhaube aus Aluminium, zum anderen durch einfachen Verzicht. So können die hinteren Seitenscheiben nicht versenkt, sondern nur ausgestellt werden. Das bringt elf Kilo weniger. Sechs Kilo Gewichtsersparnis ergeben sich durch eine Rücksitzlehne, die sich nur im Ganzen umklappen lässt. Eine Kundenbefragung habe ergeben, dass 85 Prozent der Autofahrer eine geteilt umklappbare Rücksitzlehne noch nie genutzt haben, sagt Ruthmann.

Schlaue Mäßigung

Generell geht es beim C4 Cactus um die Kunst der intelligenten Mäßigung, das wird besonders beim Antrieb deutlich. Angeboten werden je zwei Benzin- und Dieselmotorisierungen mit einem Leistungsvermögen von 82 bis 110 PS. Keines der kleinen und leichten Aggregate beschleunigt den Wagen auf mehr als 200 km/h, was dem entspannten Grundansatz des Autos entspricht und es zudem ermöglicht, Fahrwerk und Bremsen entsprechend dezenter zu dimensionieren. Citroën hat beim C4 Cactus die Abrüstungsspirale in Gang gesetzt - mit dem Ergebnis, dass der sparsamste Diesel lediglich 3,1 Liter je 100 Kilometer konsumiert und der flotteste Benziner 4,6 Liter.

Für die Marke Citroën ist der Wagen die Blaupause für alle künftigen Autos, die nicht der eher luxuriös-avantgardistisch positionierten DS-Linie angehören. Noch spricht keiner der Verantwortlichen über den Preis des Autos, das ab September in Deutschland angeboten wird, aber dass die Einstiegsversion "deutlich unter 15.000 Euro" kosten soll, sickert doch durch.

"Der Ansatz, moderne Basismobilität anzubieten, erscheint mir vielversprechend", sagt Automobilwirtschaftler Stefan Bratzel von der Hochschule Bergisch Gladbach. "Mobilitätskosten werden zunehmend zu einem zentralen Thema für Autokäufer, denn diese Kosten sind zuletzt im Vergleich zu den anderen Lebenshaltungskosten überproportional gestiegen." Überhaupt sei es überfällig, "Innovationen endlich danach zu bewerten, welchen Nutzen sie für den Kunden haben", sagt Bratzel. Viel zu oft stecke in modernen Autos Technologie nur deshalb, weil er sie eben gibt.

Müssen Autos alles bieten, was machbar ist?

Diese Erkenntnis gibt es unter Marktbeobachtern schon länger. In einer Studie der Managementberatung Oliver Wyman aus dem vergangenen Herbst heißt es: "Auch in der Autoindustrie muss künftig die Faszination des technisch Machbaren klar zugunsten von Kundennutzen und Kundenerlebnis weichen." Die Autoren warnen, dass "immer komplexere technische Neuerungen" bei den Kunden "kaum noch auf Gegenliebe" stoßen. Ernüchterndes Fazit: "Die Fahrzeuge werden immer teurer, die Bandbreite an Produkten und Features ist kaum mehr zu überblicken und Zusatzoptionen werden oftmals als überflüssig empfunden."

Der Cactus wirkt so, als hätten die Citroën-Entwickler diese Studie als Anleitung für die Konzeption des Wagens genutzt. Citroën-Chef Banzet betont, die legere Einstellung zum Auto habe die Marke schon früher ausgezeichnet, dafür stehe die legendäre Ente. "Wir wollen uns auf diese Grundwerte besinnen. Und das wird zu Autos führen, die sich vom Rest des Marktes abheben." Zu Autos wie dem stacheligen Entlein.

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insgesamt 321 Beiträge
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Seite 1
widower+2 06.02.2014
1. Geht doch
Das ist der richtige Ansatz. Endlich mal wieder Gewichtsreduzierung statt noch das tausendste Feature mehr. Einzig der Touchscreen stört mich. So ein Ding hat in so einem Auto nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Zudem sollte der Einstiegspreis mehr als deutlich unter 15.000 Euro liegen.
z_beeblebrox 06.02.2014
2. Klasse Ding
Zitat von widower+2Das ist der richtige Ansatz. Endlich mal wieder Gewichtsreduzierung statt noch das tausendste Feature mehr. Einzig der Touchscreen stört mich. So ein Ding hat in so einem Auto nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Zudem sollte der Einstiegspreis mehr als deutlich unter 15.000 Euro liegen.
Doch, gefällt mir sehr gut! Hat ein eigenständiges Design und ein bissl was von Crossover. Ja, den finde ich auch völlig unpassend. Alleine den eingespart und man wäre wohl dicht an die 10 k€ gekommen.
vogel0815 06.02.2014
3. Grandios!
Zitat von sysopCitroen Citroën rüstet ab. Beim neuen Kompaktwagen C4 Cactus hat der Hersteller an Gewicht gespart - aber auch an überflüssiger Technik und Leistung. Der wunderbar clevere Enten-Erbe steht für eine neue Entwicklung: mehr Kundennutzen, weniger Firlefanz. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/citroen-c4-cactus-ein-kompaktwagen-nach-dem-prinzip-weniger-ist-mehr-a-951847.html
Wird mein nächster, wenn das Automatikgetriebe gescheit ist.
GSYBE 06.02.2014
4. Schlaue Mäßigung
Um nicht zu sagen genial. Werde nächste Woche einen vorbestellen. Mal schaun wie lange es dauert, bis VW das nachäfft.
Coolman 06.02.2014
5. Galaktisches Raumfahrzeug
Selten so ein hässliches Auto gesehen, das Ding wird wohl nur noch vom Sechs-Augen-Fiat Multipla übertroffen. Von innen sieht die Karre aus wie ein missglückter Spielsalon. Andre wird sich im Grabe umdrehen. Oder kotzen.
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