Citroën DS7 Crossback Kasse machen mit Klasse

Frankreichs PSA-Konzern entdeckt den Luxus, der Citroën-Ableger DS wird zur weiteren Premiummarke - und soll Audi und Mercedes herausfordern. Den Auftakt macht ein nach außen biederer SUV, der innen überrascht.

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Xavier Savignac sieht in seiner Technikertracht, dem grauen Kittel, so aus, wie man sich einen Ingenieur vorstellt. Aber was er redet, passt nicht dazu: Savignac spricht so versiert von den Kunstfertigkeiten der Uhrmacher und Goldschmiede, als würde er sein Handwerk bei einem der Juweliere auf der Pariser Prachtmeile Rue du Faubourg Saint-Honore gelernt haben. Leidenschaftlich erklärt er die Technik des Guillochierens, mit der schon Abraham-Louis Breguet vor bald 250 Jahren seine Zifferblätter dekoriert hat.

Nur: Was hat das alles mit Autos zu tun?

Nun, Savignac leitet bei der Citroën-Schwester DS die Entwicklung des neuen DS7 Crossback. Der Wagen soll sozusagen zur Schmuckschatulle der noch jungen Marke werden. Anfang März soll der DS7 seine Publikumspremiere auf dem Genfer Salon feiern, zum Jahreswechsel in den Handel kommen - und dann schnell ein paar Besserverdiener von Mercedes-Benz und Co. weglocken. Das Versprechen von Savignac: Luxus.

Was genau er damit meint, kann er wortreich erklären. Eine Cockpit-Uhr im Reverso-Stil oder Perlennähte am patinierten Leder. Und dann sind da noch die in Uhrmacher-Manier gestalteten Schalter mit ihren gegeneinander verdrehten Dreiecksdekoren, auf die er sichtbar stolz ist.

Für alle, die nicht in den Fünfzigerjahren groß geworden sind, hier noch mal eine kleine Hilfe zur Einordnung: DS war ein von 1955 bis 1975 von Citroën gebautes Auto, das wegen seines einzigartigen Designs und seines dank Hydropneumatik-Aufhängung unvergleichlichen Fahrgefühls die Wahrnehmung der Marke Citroën auf Jahrzehnte prägte. "La Déesse", die Göttin, wurde sie im Volksmund getauft und von Fans der Marke auch bis heute als solche angebetet.

Ein Etikett allein macht noch keinen Erfolg

Klar, dass man bei Citroën an diese Erfolgsgeschichte wieder anknüpfen würde - deswegen wurde vor ein paar Jahren das Sub-Label DS geschaffen. Doch mit der ursprünglichen Strategie gelang der Aufschwung nicht so recht: Bislang tragen das DS-Logo besonders aufwendig aufgehübschte Autos von Citroën, vornehmlich Kleinwagen. Auf weltweit 90.000 Zulassungen kam man damit pro Jahr - nicht schlecht für "Badge Engineering", wie die Amerikaner das Umetikettieren von Autos nennen. Aber zu wenig für die ehrgeizigen Ziele von PSA-Chef Carlos Tavares.

Er will aus dem früheren Anhängsel von Citroën eine selbstständige Marke machen. In der Theorie hat er die Trennung mit einem eigenen Management und den ersten exklusiven DS-Stores schon vollzogen. Die Praxis soll zum Jahresende mit dem DS7 Sportback umgesetzt werden. "Das ist das erste eigenständige DS-Modell ohne einen engen Verwandten bei einer der anderen Konzernmarken", sagt Projektleiter Savignac.

Dem DS 7 sollen bis 2022 fünf weitere Fahrzeuge folgen: Als Nächstes ein kleiner Cross-over in der Liga von Mercedes GLA und Audi Q2, später auch eine repräsentative Fünfmeterlimousine und irgendwann sogar ein Luxus-SUV, bei dem die PSA-Fantasien bereits durch die Decke gehen. Ein französisches Auto mit Leistungswerten auf AMG-Niveau und sechsstelligen Preisen - davon haben sie in Paris bis vor Kurzem nicht mal zu träumen gewagt. 300.000 Zulassungen jährlich sollen mit den neuen Modellen geschafft werden.

Es werde Licht

Angesichts dieser Träume wirkt der DS7 auf den ersten Blick ziemlich fantasielos. Ein SUV auf die Räder zu stellen - das ist im Jahr 2017 kein besonders einfallsreiches Konzept. Die faszinierenden Leuchten mit Hypnose-Effekt im Heck und die Lichtspiele im Geist der alten Citroën-Schwenkscheinwerfer im Bug sind nett. Aber unter einem avantgardistischen Auto stellt man sich etwas anderes vor. Zöge man dem DS7 einen Autopyjama über, würden die meisten Betrachter darunter vermutlich eher Fahrzeuge vom Schlage eines Skoda Kodiaq vermuten.

Wo sich Designer heute austoben: bei den Leuchten.
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Wo sich Designer heute austoben: bei den Leuchten.

Immerhin: Wenn man die Tür öffnet, tut sich was. Wer im DS7 Platz nimmt, fühlt sich wie in einer Wendejacke, die außen schlicht und von der Stange ist, aber innen von einem Couturier geschnitten wurde. Die Sitze weit und weich wie daheim im Wohnzimmer, die Formen auf den Konsolen aus scharfen Rechtecken komponiert und das Cockpit eine spannende Mischung aus Handwerkskunst und Hightech. Zwischen den "Clou de Paris"-Schaltern thront ein Touchscreen, der mit seinen zwölf Zoll größer ist als ein Tablet.

Das Auto bietet aber auch eine überraschende technische Substanz: Die LED-Scheinwerfer mit bis zu 90 Grad Schwenkwinkel sollen in Kurven besser sein als das Matrix-Licht der deutschen Nobelmarken, verspricht Savignac. Es gibt zum ersten Mal in diesem Segment ein Nachtsichtsystem, bei dem zum Beispiel Fußgänger in der Dunkelheit auf einem Bildschirm angezeigt werden. Ähnlich wie in der S-Klasse ist zudem das adaptive Fahrwerk mit einer Kamera verknüpft und stellt sich deshalb schon vorausschauend auf Unebenheiten ein.

Der DS7 ist ein Platzhirsch

Außerdem bietet der Crossback überraschend viel Platz. Bei einer Länge von 4,57 Metern hat der DS7 ungefähr das Format eines Audi Q5 oder BMW X3, ist mit einem Startpreis von gut 30.000 Euro aber preiswerter.

Das Nachtsichtsystem im DS7 erkennt Fußgänger auch bei Dunkelheit.
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Das Nachtsichtsystem im DS7 erkennt Fußgänger auch bei Dunkelheit.

Weil Savignac um die Zweifler weiß und um das mäßige Renommee, das die Franzosen genießen, öffnet er schon Monate vor Produktionsbeginn bereitwillig die Türen im Werk Sochaux und zeigt stolz eine Installation, wie man sie als "Meisterbock" vor allem aus Wolfsburg oder Ingolstadt kennt. Zum ersten Mal kontrolliert sein Team in diesem unverrückbaren Gestell auf den Mikrometer genau den Verlauf von Fugen und Falzen aller Komponenten, bevor die Zulieferer ihre Freigabe bekommen.

Verlässt man das Werksgelände von Citroën, schwindet die Zuversicht über den geplanten Aufstieg der Franzosen aber schnell: Zwar sei die Strategie nachvollziehbar, weil PSA am ertragreichen Premiumgeschäft teilhaben möchte und sich von DS eine positive Strahlkraft auf die übrigen Fahrzeuge erhoffe, sagt der Strategieberater Jan Burgard vom Marktanalysten Berylls. "Aber zum Erfolg fehlt DS die Produktsubstanz zum Beispiel beim Design und den Motoren. Und ob in den geplanten DS-Stores ein aufregendes Markenerlebnis erzeugt werden kann, etwa mit exklusiven Events, das wird sich erst noch zeigen."

Eigentlich steht DS für etwas anderes

Einen Joker für PSA hätte Burgard allenfalls in der konsequenten Elektrifizierung der DS-Palette gesehen: "Daraus hätte sich eine interessante Kombination aus Preis und Innovation ergeben. DS hätte zumindest vorübergehend einen Vorteil gegenüber Mercedes oder Audi gehabt." Aber diese Chance haben die Franzosen nicht genutzt. Zwar bekommt DS die elektrischen Innovationen von PSA tatsächlich als erste Marke im Konzern. So wird es den DS7 2018 auch als Plug-in-Hybrid mit 300 PS, elektrischer Hinterachse und 60 Kilometern Akku-Reichweite geben. Das erste rein elektrische Auto aus eigener Produktion wird wohl der nächste DS3. Doch in Genf steht die Neuheit erst einmal mit drei Benzinern von 130 bis 230 PS und zwei Dieseln, die 130 oder 180 PS leisten.

Auch Markenexperte Paolo Tumminelli aus Köln will ungern auf den prognostizierten Erfolg der Marke DS wetten. Grundsätzlich spricht er französischen Marken durchaus eine Luxuskompetenz zu - aber mit einer wichtigen Einschränkung: "Glaubwürdig sind da vor allem Luxuslabel aus der Modewelt oder Anbieter von Schmuck und Parfüm. Weil bei den Autos seit dem Ende von Facel im Jahr 1964 nichts Nennenswertes nachgekommen ist, kann man von einer Luxustradition auf der Straße nicht mehr sprechen", sagt der Experte.

Glaubt man Tumminelli, ist Citroën zudem die falsche Marke, um diesen Faden wiederaufzunehmen. Firmengründer André Citroën habe nie eine elitäre Käuferschicht im Sinn gehabt. Die Ente wurde der Inbegriff des Massenmobils, das superkleine Auto "für den Bauer mit Sandalen". Und die DS, auf die sich Carlos Tavares heute so gern beruft, war intern als "Grande Diffusion" übersetzt, berichtet Tumminelli: "Große Verbreitung."



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