EU-Abgaskompromiss: Deutschland lässt Abstimmung über CO2-Grenzwerte scheitern

A9 bei München: Der Abgaskompromiss ist vorerst gescheitert Zur Großansicht
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A9 bei München: Der Abgaskompromiss ist vorerst gescheitert

Deutschland hat die Abstimmung über den EU-Abgaskompromiss platzen lassen. Auf Antrag der Bundesregierung hat Brüssel die Entscheidung über neue CO2-Grenzwerte verschoben. Verbraucherschützer sind entsetzt - zwei deutsche Autohersteller dürften sich dagegen freuen.

Hamburg/Brüssel - Deutschland hat die Verabschiedung von strengeren CO2-Grenzwerten für Neuwagen in der Europäischen Union verhindert. Eigentlich war vorgesehen, dass die Botschafter der 27 EU-Staaten an diesem Donnerstag über den Abgaskompromiss entscheiden - doch die Bundesregierung hat in der Sitzung im letzten Moment eine Verschiebung der Abstimmung bewirkt.

Hintergrund der geplatzten Abstimmung war offenbar das erfolgreiche Zustandebringen einer Sperrminorität. Demnach schaffte es die Bundesregierung in den vergangenen Tagen, eine Reihe von anderen Mitgliedstaaten hinter sich zu bringen und damit genügend Stimmen zu vereinen, um den Kompromiss scheitern zu lassen. Diesem Druck gab die irische EU-Ratspräsidentschaft jetzt nach. Die Entscheidung über die Grenzwerte ist damit auf Herbst verschoben.

Die Bundesregierung hat der EU damit den Willen deutscher Autohersteller wie Mercedes und BMW aufgezwungen: Ihnen waren die Eckpunkte des am Montag beschlossenen Abgaskompromisses ein Dorn im Auge. Die Vereinbarung vom Montag sah vor, das Limit für den CO2-Ausstoß für Neuwagen von 2015 bis 2020 von 130 Gramm je Kilometer im Schnitt auf 95 Gramm zu senken. Die Vorgaben sind für italienische oder französische Hersteller kleiner Autos leichter zu erreichen als für die deutschen Produzenten schwerer Oberklassewagen.

Knackpunkt des Kompromisses waren aber vor allem die sogenannten Supercredits: Der am Montag getroffenen Vereinbarung zufolge können Elektrofahrzeuge im Jahr 2020 bei der Ermittlung der gesamten Flottenwerte doppelt angerechnet werden, bis 2023 sinkt der Faktor dieser Credits auf eins. Die deutsche Autoindustrie hatte einen viel höheren Anrechnungsfaktor gefordert. Die Bundesregierung setzte sich zudem dafür ein, die vor 2020 produzierten Autos bereits mitzuzählen und ab 2020 anrechnen zu lassen. Diese Vorhaben waren jedoch nicht berücksichtigt worden.

Geschäftsstrategien wichtiger als Verbraucherinteresse

Durch die geplatzte Abstimmung kann die Bundesregierung nun einen erneuten Anlauf nehmen, ihre Forderungen doch noch durchzusetzen. Denn in der zweiten Jahreshälfte führt nicht mehr Irland die Geschäfte im Europäischen Rat, sondern Litauen. Außerdem sitzt das EU-Neumitglied Kroatien ab Juli mit am Tisch im Ministerrat. Beide Neuerungen sorgen nach Ansicht von Experten dafür, dass Deutschland für seine Anliegen mehr Gehör findet und den Kompromiss nach seinen Vorstellungen ändern kann.

Otmar Lell von der Verbraucherzentrale Bundesverband ist empört über das Vorgehen der Bundesregierung. "Die im Kompromiss beschlossenen Grenzwerte hätten bedeutet, dass der Verbrauch von Autos bis 2020 auf im Schnitt rund vier Liter sinken muss", sagt er. Durch die von der Autolobby geforderten Supercredits wird dieses Ziel seiner Meinung nach verwässert. "Die Bundesregierung hat damit deutlich gemacht, dass sie die Geschäftsstrategien von BMW und Mercedes über das Verbraucherinteresse stellt."

In Brüssel war zu hören, Deutschland habe massiven Einfluss auf die anderen EU-Staaten ausgeübt, um eine Verzögerung der Entscheidung zu erreichen. Ein EU-Diplomat sagte, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) persönlich habe zum Hörer gegriffen und unter anderem Irlands Premierminister Enda Kenny angerufen.

cst/dpa

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insgesamt 458 Beiträge
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1. Und nach uns die Sintflut
ulrich_frank 27.06.2013
eine kleine radikale Minderheiten-Lobby setzt sich einmal mehr gegen das allgemeine Interesse durch. Und hat nicht vor, sich an irgendwelche Kompromisse und Spielregeln zu halten. Deutschlands Führungsklasse ist kein Vorbild sondern ein trampelnder und egoistischer Riese.
2. Co2
Quagmyre 27.06.2013
Zitat von sysopDPADeutschland hat die Abstimmung über den EU-Abgaskompromiss platzen lassen. Auf Antrag der Bundesregierung hat Brüssel die Entscheidung über neue CO2-Grenzwerte verschoben. Verbraucherschützer sind entsetzt - zwei deutsche Autohersteller dürften sich dagegen freuen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/co2-abgas-grenzwerte-deutschland-laesst-abstimmung-scheitern-a-908190.html
Verbraucherschützer düften nur dann entsetzt sein, wenn CO2-Einsparung tatsächlich eine wissenschaftlich bewiesene Auswirkung auf das Klima hätte. Hier wird auf Grund eines unbewiesenen und mehr und mehr in Frage gestellten Dogmas großer Wind gemacht. Also mal nicht so aufregen.
3. ...über das Verbraucherinteresse ?
Jonny_C 27.06.2013
Also in meinem "Verbraucher"-Namen redet der Mensch nicht.
4. 4l Autos gibt es nicht
purple 27.06.2013
Zitat von sysopDPADeutschland hat die Abstimmung über den EU-Abgaskompromiss platzen lassen. Auf Antrag der Bundesregierung hat Brüssel die Entscheidung über neue CO2-Grenzwerte verschoben. Verbraucherschützer sind entsetzt - zwei deutsche Autohersteller dürften sich dagegen freuen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/co2-abgas-grenzwerte-deutschland-laesst-abstimmung-scheitern-a-908190.html
4 liter Autos gibt es nicht. Mit realistischen Messverfahren und bei normaler Fahrweise brauchen alle Benzin Autos über 8 und Diesel um die 7l und das hat sich seitdem ich Auto fahre (1975) nicht wesentlich geändert. Der größte Quatsch sind diese Hybridautos Porsche Panamera 3.9l und iin Wahrheit zwischen 15 und 20.
5. optional
Korken 27.06.2013
Ja, mal wieder schaffen es nur die Deutschen nicht, ihre benachteiligten "Oberklassewagen" weniger CO2 ausstoßen zu lassen, während es andere (außereuropäische) Hersteller - und ich meine jetzt nicht die Mittelklassenationen wie im Artikel zitiert - schon heute schaffen, gleichwertige Wagen nur halb soviel CO2 ausstoßen zu lassen. Aber das ist Kor... ähm, Politik und Lobbyismus wie er leibt und lebt.
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CO2-Ausstoß - Die Fakten
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2009 hat die EU einen CO2-Grenzwert für Pkw festgelegt. Nach der gültigen Richtlinie darf der CO2-Ausstoß der Neuwagen-Flotte eines Herstellers ab 2020 durchschnittlich 95 Gramm je Kilometer nicht überschreiten. 2012 lag dieser Durchschnittswert in Europa bei 136,1 g/km, in Deutschland bei 141,8 g/km. Die EU-Regelung sieht Strafen vor, wenn die Autos ab 2020 mehr als 95 g/km ausstößen - und zwar 95 Euro je Gramm und Fahrzeug. Läge dann der durchschnittliche CO2-Ausstoß aller Autos eines Herstellers bei 105 g/km, würden pro verkauftem Auto 950 Euro fällig.

Nicht nur in Europa, auch für andere Weltregionen wurden CO2-Grenzwerte ab 2020 festgelegt. In den USA etwa 121 g/km (ab 2025 dann 93 g/km), in China 117 g/km und in Japan 105 g/km. Die deutsche Autoindustrie erklärte, der europäische Richtwert sei "sehr ambitioniert" und nur durch "erhebliche Mehrkosten" erreichbar.

Welche Typen von Elektroautos gibt es?
Reiner Elektroantrieb
Diese Fahrzeuge haben keinen klassischen Antriebsstrang mehr, der vom Motor die Bewegungsenergie auf die Räder überträgt. Stattdessen sind in den Radnaben Elektromotoren, die Energie kommt aus einem Akku, der an der Steckdose aufgeladen werden kann. Weil die Speicherkapazität der Batterien noch nicht mit einem klassischen Automobil vergleichbar ist, haben einige Elektromobile einen sogenannten Range Extender an Bord - einen kleinen Generator, der die Elektromotoren mit Energie versorgt, wenn der Akku leer ist.

Beispiele: Tesla Model S, VW E-Up, VW E-Golf, Renault Zoe, BMW i3, Ford Focus Electric, Nissan Leaf, Mercedes B-Klasse E-Drive
Hybridantrieb
Hybridautos haben zusätzlich zum klassischen Verbrennungsmotor einen Akku an Bord. Wenn der leer ist, springt der Benziner an. Eine Variante sind sogenannte Mild-Hybrid-Systeme, bei denen der Stromantrieb nur parallel unterstützend läuft, um den Benzinverbrauch zu reduzieren. Der Akku wird in der Regel durch Bremskraftrückgewinnung und einen Dynamo geladen. Zukünftige Hybridfahrzeuge sollen aber auch an der Steckdose aufladbar sein.

Beispiele: Toyota Prius, Toyota Prius+, VW Golf GTE, Porsche Panamera S E-Hybrid, Porsche 918 Spyder, Volvo V60 PiH, BMW i8
Brennstoffzellenantrieb
Bei diesen Fahrzeugen tankt man statt Benzin flüssigen Wasserstoff. In einer chemischen Reaktion wird das Hydrogen in der Brennstoffzelle in elektrische Energie umgewandelt, die dann das Fahrzeug antreibt. Anders als bei reinen Elektrofahrzeugen ist die Infrastruktur für den Wasserstoff eine ungelöste Frage. Vorteil der Brennstoffzellenfahrzeuge ist ihre größere Reichweite.

Beispiele: Hyundai ix35, Honda FCX Clarity, Hamburger Nahverkehrsbusse (Mercedes-Benz), Toyota Mirai
Range Extender
Im Gegensatz zu den herkömmlichen Elektroautos haben Range Extender einen Verbrennungsmotor an Bord, der anspringt, wenn die Ladung der Batterie zur Neige geht. Vorteil: Die Reichweite steigt auf das Niveau eines Autos mit konventionellem Antrieb. Vorreiter dieser Spezies ist der Opel Ampera, der die Kraft des Verbrenners aber auch nutzt, wenn die volle Leistung zum Beispiel auf der Autobahn abgerufen wird.

Beispiele: Opel Ampera (baugleich mit Chevrolet Volt), BMW i3 (optional mit Benzinmotor)
CO2-Emissionen

Bei Neuzulassungen 2012 in Deutschland (Flotten-Durchschnitt in g/km):

 

 

Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt

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