Steigende CO2-Emissionen Das Problem sind die Autofahrer

Schlecht fürs Klima: Statt zu sinken, steigt der CO2-Ausstoß von Autos wieder. Schuld ist die Dieselkrise. Und die Industrie, klar. Oder?

Autoliebe (Symbolbild)
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Geht es um den Autokauf, scheinen die Deutschen Sieger der Vernunft zu sein. Bei den wichtigsten Kriterien bei einem neuen Wagen standen im vergangenen Jahr Zuverlässigkeit, Qualität, Kaufpreis und Kraftstoffverbrauch weit oben. Wenn die Deutschen so handeln würden wie sie denken, hätten die Städte kein Luft- und Abgasproblem.

Doch die Vorsätze halten nur wenige Kilometer. Spätestens mit Betreten des Autohauses setzt offenbar der Verstand aus. Umgeben von strahlendem Blech, gemütlichen Massagesitzen für Urlaubstouren oder ansprechenden 19-Zoll-Felgen können die Deutschen gar nicht genug vom Auto bekommen. Größer, schneller, protziger: Sie wählen den modischen SUV statt den Familienkombi, ordern komfortablen Schnickschnack wie Sitzheizung und Einparkhilfe statt sparsameren Motor.

Dafür gibt es jetzt die Quittung: Der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) ist im vergangenen Jahr um 0,4 auf 118,5 Gramm gestiegen. Besonders Deutschland registrierte Neuwagen mit hohen CO2-Werten. Ursache ist der gestiegene Verkauf von schweren SUV und Benzin-Modellen als Folge des Dieselskandals, um Fahrverboten in den Städten zu entgehen.

Sie haben die Wahl

Trotzdem sind sich viele Autofahrer sicher: Die Industriebosse sind schuld. Weil ihre Ingenieure bei den Abgaswerten manipulierten, wurden erstmals seit 2010 in der EU mehr Benziner als Diesel verkauft. Fahrzeuge mit Selbstzünder sind zwar meist sparsamer als Benziner, stoßen aber weniger CO2 aus. Dafür blasen sie mehr Stickoxid als Benziner in die Luft, das zu Atemwegserkrankungen führen kann. Doch selbst der CO2-Vorteil fällt irgendwann weg, wenn - wie aktuell - immer stärkere Dieselaggregate in größere Fahrzeuge verbaut werden.

Doch es wäre zu simpel, die Industrie und ihre Betrügereien allein verantwortlich zu machen. Nicht nur Konzernbosse sind das Problem, sondern Millionen von Gelegenheitsautofahrern oder Dauerpendlern. Kurz: (fast) alle!

Denn niemand wird gezwungen, sich zwischen einem gesundheitsschädlichen SUV oder einem klimaschädlichen SUV mit Benzinmotor zu entscheiden. Es gibt genug vernünftige Alternativen. Trotzdem ist weltweit jeder dritte Neuwagen ein SUV. Die beste Maßnahme, klima- und gesundheitsschädliche Abgase zu reduzieren, wären kleinere Autos, leichtere Autos, im besten Fall: weniger Autos, mehr Fahrrad- und Fußverkehr.

Das Problem wird nur verlagert

Laut der Forschungsgruppe Transport and Environment stößt der Durchschnitts-SUV 132 Gramm CO2 je Kilometer aus, auf 118 Gramm je Kilometer kommt ein vergleichbarer Mittelklassewagen. Allein der Anstieg des Gewichts der Autos um 124 Kilo von 2000 bis 2016 ließ die Emissionen im Schnitt um zehn Gramm je Kilometer steigen. Im Umkehrschluss ließe sich extrem viel sparen, wenn Mittel-, Kompakt- und Kleinwagen auf Allradantrieb und unnötige Höherlegung verzichten.

Stattdessen befeuert die Autoindustrie den Wunsch der Kunden nach neuen SUV-Modellen und feiert diese als ökologisch, wenn statt eines Verbrennungsmotors ein E-Motor unter der Haube arbeitet. Tatsächlich verlagert sie damit nur das CO2-Problem - von der Straße zu den Kohlekraftwerken.

Und trotzdem werden die meisten Hersteller die schärferen CO2-Vorgaben der EU von 2021 an erfüllen. Nicht etwa, weil ihre gesamte Flotte nur noch auf sparsame Fahrzeuge setzt. Ihre positive Ökobilanz basiert auf einem Rechentrick: Modelle mit E-Motor an Bord hübschen die Bilanz auf, weil sie für die Hersteller vorteilhaft angerechnet werden. Das hilft nur dem grünen Gewissen, nicht aber der Umwelt.



insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
stabat 24.04.2018
1. Da seid Ihr doch selbst Schuld dran!
Nun melde sich bitte jeder der von dieser Meldung überrascht ist! In den letzten Jahren hat man sich so gierig und gehässig auf die Diesel Fahrzeuge gestürzt und mit unsinnigen und nicht einhaltbaren Vorschriften gepiesackt, dass man die Benziener und ihr CO2 völlig ausser Acht gelassen hat! Bitte schön Ihr falschliberalen Ökoterroristen, die nichts besseres zu tun haben als vollkommen unmögliches und unsinniges zu fordern! Ich sehe schon die kommenden Wochen vor mir, in denen möchtegern Spezialisten fordern, als nächstes die Benziner bis 2031 abzuschaffen! Dann können sie ja auf Ihrem Audi-fahrrad zum Bundestag radeln!
migratist 24.04.2018
2. Na herzlichen Glückwunsch SPON
Und mitten im dem Artikel ist die Werbung für den SUV eines großen ehemals amerikanischen jetzt italienischen Herstellers der das Auto auf asphaltierten Wegen von Hochhäusern zeigt - also genau dort, wo nach der Meinung der Werbestragtegen so eine Spritschleuder hin muss - nämlich als Zweitwagen, damit die Kinderchen wohlbehütet die 500 Meter in die Kita gerollt werden können! Nein - erstaunen kann diese Entwicklung niemanden! Ich arbeite slber in einem Autohaus und entweder die Leute sind - nach einem etwa eineinhalb jährigen Hick Hack in der die Politiker nur eine Diätenerhöhung durchgesetzt haben! - so verunsichert, dass sie gar keinen Diesel mehr wollen (nicht mal mehr mit Euro 6d-Temp!!) und einen Benziner kaufen (dann aber mit der größeren Maschine!) oder - alerdings deutlich weniger - die Kaufentscheidung bis zu einer hoffentlich bald mal getroffenen Entscheidung der Politik aufschieben! Das sind unhaltbare Zustände!!
nobronski 24.04.2018
3. Ja klar....
.... fahre ich eben die 23 km jeden Tag hin- und wieder zurück - mit dem Rad. Bei Wind und Wetter. Oder ich warte eben mal 55 Minuten, bis der nächste Zug fährt, um dann noch wieder 15 Minuten mit dem Rad vom Bahnhof nach Hause zu fahren. Oder ich nehme den Bus und gondele 1:20 (EINE Strecke!) durch die Gegend. Scheiß auf meine Freizeit, hätte ich eben nicht im Umland (Speckgürtel) um die Stadt herum Wohneigentum schaffen, sondern lieber horrende Mieten direkt in der Stadt berappen sollen. Ihr Politiker seid schon immer tolle Schwätzer gewesen, aber es hat sich nichts geändert: Wasser predigen - und Wein saufen.
AZ1 24.04.2018
4. finde ich falsch
Ich besitze selber kein Auto (mehr), fahre Fahrrad und ÖPNV. Aber den Autofahrern die Schuld am steigenden CO2-Ausstoß zu geben, finde ich falsch. Grundsätzlich ist es eine Überforderung des Verbrauchers, von ihm zu verlangen, dass er seine Kaufentscheidungen optimiert für Klima, Umwelt, Ressourcenverbrauch, Sozialstandards, dritte Welt, etc. Es sollte aber keine Überforderung sein für hauptberufliche Politiker, dementsprechend geschicktere Rahmenbedingungen zu setzen. Bedingungen, unter denen Bürger einfach häufiger die ökologisch-moralisch erwünschten Entscheidungen treffen. Konkret sind fette Autos, insbesondere SUVs, aus mehreren Gründen attraktiv für Käufer: * im Falle eines Unfalls ist der andere platt, nicht man selber * im Inneren ist man Alleinherrscher (das Problem am ÖPNV sind laute und riechende Menschen, zT sogar im eigenen Nahbereich) * man sitzt wie ein König auf dem Thron (viele brauchen das wohl für ihr Selbstwertgefühl) * man hat innen viel Platz * als Mann demonstriert man (gefahrlos), was für ein rebellischer Kerl man ist * durch Größe und Masse des Autos kann man sich im Straßenverkehr leichter durchsetzen * man stellt finanzielle Potenz zur Schau Solange diesen Vorteilen kein wesentlicher *persönlicher* Nachteil gegenübersteht, werden die Leute weiter SUVs kaufen wie geschnitten Brot.
einstweiliger 24.04.2018
5. Nö, das Problem ist ein anderes
Nämlich die romantische Vorstellung von einer klinisch reinen, von jeglichen Zivilisationsspuren befreiten Umgebung. Kuhdorf-Idylle. Würde morgen weltweit die Verbrennung fossiler Rohstoffe eingestellt wäre es aus dieser sicher sympathischen Perspektive ein ästhetischer Gewinn. Aber die objektivierbarere Parameter, etwa die Lebenserwartung, würden sich selbst dann nicht wesentlich verbessern, wenn man die auf ihnen basierenden Zivilisationstechnologien adäquat ersetzen könnte.
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