CO2-Ausstoß: Bundesregierung gibt 95-Gramm-Ziel auf

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Sportwagen: USA in Sachen CO2-Ausstoß bald besser als Europa

Kommunen kämpfen gegen die Schadstoffbelastung - auf die Autoindustrie können sie dabei nicht zählen. Deren Lobby arbeitet mit Unterstützung aus Berlin intensiv an der Aufweichung des Umweltstandards. Die geplanten CO2-Grenzwerte könnten faktisch um fast 30 Prozent überschritten werden.

Berlin - Volkswagen trommelt für den Umweltschutz. Am riesigen Firmenstand auf dem Genfer Autosalon handeln Filme vom Regenwald in Südamerika und von Fabriken, die ihren Strom zum großen Teil mit regenerativen Energien decken und weniger Abfall produzieren. Volkswagen werde, so kündigte Konzernchef Martin Winterkorn an, den CO2-Ausstoß der in Europa verkauften Flotte bis 2015 um 30 Prozent senken. Mehr als 40 Milliarden Euro will er bis 2016 allein in umweltgerechte Technologien stecken. Auch die Klimaziele der EU würden früher erfüllt als gefordert.

Das klingt prima. In Wirklichkeit sind die Ziele jedoch weit weniger ambitioniert. Denn in der Diskussion um die Festsetzung der CO2-Grenzwerte haben die Unterhändler des Verbands der Automobilindustrie VDA in Brüssel mit tatkräftiger Unterstützung der Bundesregierung eine spürbare Aufweichung der Grenzwerte erreicht. Nach offizieller Lesart darf die Fahrzeugflotte jedes Herstellers bis 2020 zwar im Durchschnitt immer noch nur 95 Gramm pro Kilometer ausstoßen. Doch der Wert steht nur noch auf dem Papier.

Auf die Formel kommt es an

Einem internen Papier zufolge, das der Umweltorganisation Greenpeace vorliegt, rechnen Experten der EU-Kommission damit, dass der Flottenverbrauch tatsächlich je nach Szenario um 4 bis 28 Gramm höher liegen würde, wenn die Initiative von Bundesregierung und Autolobby Erfolg hat. Berlin selbst räumt eine Steigerung von 1 bis 4 Gramm ein, wie Greenpeace-Expertin Franziska Achterberg erklärt: "Die Bundesregierung ist im Begriff, ihre selbst gesetzten Ziele unter der Hand regelrecht auszuhöhlen".

Die entscheidende Frage ist nämlich, welche Formel man der Berechnung zugrunde legt. Anfang Februar hatte die Bundesregierung eine kleine Detailänderung angeregt, eine Art Sauberkeitsbonus für Elektroautos. Danach soll jedes zugelassene Auto, das weniger als 65 Gramm CO2 ausstößt - solche Werte erreichen nur die Stromer - gleich mehrfach in die Berechnung des Durchschnittsverbrauchs einfließen. Als Anregung zum Bau der Sauberwagen soll auch eine Art Konto dienen, das die Hersteller ab 2016 füllen können. Jedes verkaufte Elektroauto wird dort gutgeschrieben und hilft so, ab 2020 den Wert für den Flottenverbrauch herunterzurechnen. Über den gesamten Zeitraum hinweg, in dem die Bonusregelung gelten soll, zählt jedes Elektroauto so viel, als wären zweieinhalb verkauft worden.

Amerikaner holen auf

Die Unterschiede in den Berechnungen von EU-Kommission und Bundesregierung hängen mit den Prognosen über den Verkauf von E-Mobilen zusammen. Eine geringe Zahl würde den Flottenverbrauch weniger senken als eine hohe. Bemerkenswert an der Rechnung der Deutschen ist in diesem Zusammenhang, dass sie die Verkaufschancen von E-Mobilen weit skeptischer beurteilen als noch vor wenigen Monaten. Noch im Herbst hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel noch einmal betont, dass das Ziel, bis 2020 eine Million Elektroautos auf die Straße zu bringen, unverändert gelte.

Sollte die Bundesregierung den Sonderbonus für Elektroautos durchsetzen, dann würde sie speziell den deutschen Premium-Herstellern das Leben massiv erleichtern. Deren schwergewichtige Hochleistungsautos haben nämlich große Probleme mit den Grenzwerten. Gleichwohl zweifeln Experten nicht daran, dass auch der 95-Gramm-Grenzwert zu erreichen ist - auch ohne Krücken. In den USA haben die Autohersteller sich schon bereit erklärt, wesentlich anspruchsvollere Ziele zu erreichen. Bis 2025 soll dort ein Grenzwert gelten, der nach der europäischen Formel rund 93 Gramm CO2 pro Kilometer betragen wird. Damit wäre das Land der Spritsäufer plötzlich besser unterwegs als die nach eigener Anschauung so umweltbewussten Europäer.

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insgesamt 179 Beiträge
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1. Sehr gut!
geisterfahrer7 28.02.2013
Zitat von sysopKommunen kämpfen gegen die Schadstoffbelastung - auf die Autoindustrie können sie dabei nicht zählen. Deren Lobby arbeitet mit Unterstützung aus Berlin intensiv an der Aufweichung des Umweltstandards. Die geplanten CO2-Grenzwerte könnten faktisch um fast 30 Prozent überschritten werden. CO2-Ausstoß: EU-Kommission rechnet mit Verfehlung des gesetzten Ziels - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/co2-ausstoss-eu-kommission-rechnet-mit-verfehlung-des-gesetzten-ziels-a-886154.html)
Sehr gut. Der CO 2-Wahn muss ein Ende haben. Schließlich brennen in China, Russland und den USA Kohlflöße, die zig mal so viel CO 2 produzieren, wie alle deutschen Autos zusammen. Immer sollen wir Deutsche die Welt retten. Nix da!
2.
bullet69 28.02.2013
das Problem ist, wir haben nur eine und irgendeiner muss und sollte die Vorreiterrolle übernehmen. Und das ist nebenbei auch kein zu vernachlässigbarer erfolgreicher Wirtschaftszweig. Aber wenn man sich schon Geisterfahrer nennt... da kann nix daraus werden als die üblichen Bildzeitungs-Argumente.
3. .
paperbag 28.02.2013
Zitat von sysopKommunen kämpfen gegen die Schadstoffbelastung - auf die Autoindustrie können sie dabei nicht zählen. Deren Lobby arbeitet mit Unterstützung aus Berlin intensiv an der Aufweichung des Umweltstandards. Die geplanten CO2-Grenzwerte könnten faktisch um fast 30 Prozent überschritten werden. CO2-Ausstoß: EU-Kommission rechnet mit Verfehlung des gesetzten Ziels - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/co2-ausstoss-eu-kommission-rechnet-mit-verfehlung-des-gesetzten-ziels-a-886154.html)
Unglaublich dieser Artikel! Was hat die Schadstoffbelastung mancher Kommunen mit dem CO2 Ausstoß europäischer Fahrzeuge zu tun. CO2 ist ein natürlicher Bestandteil der Luft und keine Kommune hat irgendwelche Grenzwerte einzuhalten. Zudem frage ich mich wie 93g/km bis 2025 in den USA besser sein soll als 95g/km bis 2020 in der EU. Schließlich wird der Grenzwert bis 2025 in der EU bereits weit unter 93g/km liegen. Es arbeiten knapp *800000* Menschen in Deutschland für die Autoindustrie welche einen Umsatz von knapp 350 mrd. Euro für unser Land erwitschaftet. Die Regierung soll gefälligst alles mögliche unternehmen, um geschäftsschädigende Regulierungen seitens der EU zu verhindern. Wozu hat man denn diese Volksvertreter sonst gewählt.
4. und ein Zitronenfalter faltet Zitronen...
dr.u. 28.02.2013
Zitat von sysopIn den USA haben die Autohersteller sich schon bereit erklärt, wesentlich anspruchsvollere Ziele zu erreichen. Bis 2025 soll dort ein Grenzwert gelten, der nach der europäischen Formel rund 93 Gramm CO2 pro Kilometer betragen wird. Damit wäre das Land der Spritsäufer plötzlich besser unterwegs als die nach eigener Anschauung so umweltbewussten Europäer. CO2-Ausstoß: EU-Kommission rechnet mit Verfehlung des gesetzten Ziels - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/co2-ausstoss-eu-kommission-rechnet-mit-verfehlung-des-gesetzten-ziels-a-886154.html)
Bis zum abschließenden Beweis der erfolgreichen Umsetzung habe ich da ernste Zweifel..
5. Erbärmlich!
caligus 28.02.2013
Es ist unglaublich, wie dem deutschen "Dickschiff-Wahn" gefolgt wird. Jede Hausfrau meint heutzutage schon ihre Einkäufe im "2-Tonnen-SUV-Monster" unternehmen zu müssen. Die Welt pustet inzwischen jedes Jahr soviel CO2 in die Luft, wie in jeweils 1.000.000 Jahren in den fossilen Brennstoffen gebunden worden sind. Jetzt soll mir hier bitte keiner etwas von unsinnigen CO2-Zielen sagen. In keiner anderen Periode der Erdgeschichte ist der CO2-Pegel derart rasant in die Höhe geschnellt. Die Natur kann dieser Geschwindigkeit nicht folgen - und wir am Ende auch nicht. Das Problem Mensch ist dabei sich selbst zu erledigen.
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