Streit um CO2-Grenzwerte: Bundesregierung setzt sich in Brüssel für Autolobby ein

VW eco up!: Der Kleinwagen mit Erdgasantrieb ist besonders sparsam Zur Großansicht
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VW eco up!: Der Kleinwagen mit Erdgasantrieb ist besonders sparsam

Im Streit um strengere CO2-Grenzwerte hat die Bundesregierung einen Kompromissvorschlag in Brüssel vorgelegt, der die Regelung aufweichen soll. Das ist vor allem für die Autolobby ein Erfolg.

Berlin - Im EU-Streit über Klimaschutzvorgaben für Autos hat Deutschland einen neuen Kompromissvorschlag vorgelegt. Wie aus einem der Nachrichtenagentur Reuters vorliegenden Dokument hervorgeht, macht sich die Bundesregierung in Brüssel für eine größere Flexibilität bei der Anrechnung schadstoffarmer Fahrzeuge wie Elektroautos stark.

Demnach sollen die Autobauer die für die Produktion solcher Wagen anfallenden Bonuspunkte, sogenannte Supercredits, aufsparen und sich erst nach 2020 anrechnen lassen können, wenn die EU-Kommission den CO2-Ausstoß von Neuwagen im Durchschnitt auf 95 Gramm pro Kilometer weiter begrenzen will. Nur so könne verhindert werden, dass die EU bei der Entwicklung effizienterer und schadstoffärmerer Fahrzeuge keine Zeit verliere, heißt es im Kompromissvorschlag.

Genau das aber kann man auch anders sehen: Denn erst die aktuell geltenden Abgasvorschriften haben zu einem Boom der Spritspartechnologien geführt. Ein Aufschub der von der EU geplanten Grenzwerte könnte sich auch als Innovationsbremse entpuppen.

So oder so übernimmt die Bundesregierung mit ihrem Kompromissvorschlag die Position der deutschen Autolobby. Bereits auf einer Konferenz zur Elektromobilität Ende Mai hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel den Pkw-Herstellern Unterstützung bei der Umsetzung ihrer Pläne zugesichert.

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Umweltschützer kritisierten den Vorstoß als Versuch, die Schadstoffvorgaben aufzuweichen, damit die Autobauer die Fertigung ihrer großen Spritschleudern nicht drosseln müssen. Der Vorschlag für Supercredit-Konten sei ein alter Rechentrick, der bereits von der EU-Kommission und anderen Mitgliedstaaten abgelehnt worden sei. "Es ist der verzweifelte Versuch Deutschlands, die Interessen seiner Oberklasse-Autobauer zu schützen", sagte Greg Archer vom Umweltschutzverband Transport & Environment.

Denn mit unbegrenzten Supercredits für E-Autos könnten die Hersteller genauso viele schadstoffreichere Fahrzeuge auf die Straßen bringen wie bisher. BMW, Audi und Daimler, die vor allem größere Wagen verkaufen, wollen die sauberen Elektroautos besonders stark über Supercredits angerechnet bekommen, um das CO2-Ziel zu erreichen.

Dies würde gleichzeitig die E-Autos besonders fördern. Der europäische Automobilverband ACEA argumentiert, dies sei ein auch in anderen Bereichen übliches Vorgehen, um Innovation zu fördern. Die irische EU-Ratspräsidentschaft hofft, noch in diesem Monat eine Einigung zwischen den Mitgliedstaaten, dem EU-Parlament und der Kommission zu erreichen.

rom/Reuters

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1. Wo ist das Problem
Mustermann 07.06.2013
Zitat von sysopDPAIm Streit im strengere CO2-Grenzwerte hat die Bundesregierung einen Kompromissvorschlag in Brüssel vorgelegt, der die Regelung aufweichen soll. Das ist vor allem für die Autolobby ein Erfolg. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/co2-grenzwerte-bundesregierung-setzt-sich-fuer-autolobby-ein-a-904412.html
Dafür werden doch Politiker gewählt, dass sie die Anweisungen von Lobbyisten und Wirtschaftsfunktionären umsetzen.
2.
lennoneales 07.06.2013
Ich wünschte, die Bundesregierung würde sich mal so für die Bürger einsetzen, wie sie es für die verschiedenen Industriebranchen tut. Egal ob Pharma-, Auto-, Unterhaltungsindustrie, die Bundesregierung springt in die Bresche.
3. Interessenvertretung
Schlaflöwe 07.06.2013
Es könnte zum Nutzen der deutschen Automobil-Konzerne sein, wenn sie auf dem Weg zu (sowohl im Benzin-Durst als auch bei der CO2-Produktion) sparsameren Autos von der Politik gedrängt würde (Technik der Zukunft lässt sich erfahrungsgemäß verkaufen). Aber die deutsche Auto-Lobby hat sich immer darauf verlassen können, dass sie von den Konservativen nicht gefordert, sondern auf dem bequemeren Weg von den Konservativen unterstützt wird.
4. Irres Gutmenschentum!
Ron777 07.06.2013
Deutschlands wirtschaftliches Rückgrat bildet die Autoindustrie. Die deutsche Industrie ist dabei insbesondere im Geschäft mit großen und teuren Pkws. Hier sind wir Weltmarktführer. Die Absicht der EU, die Schadstoffausstöße pauschal weiter willkürlich zu begrenzen, bedeutet extreme Gefahr für unseren Wirtschaftsstandort. Wer hier Verständnis zeigt handelt grob fahrlässig. Können zukünftig größere Wagen nicht mehr in Europa produziert werden, wird die Produktion inklusiv der Zulieferindustrie nach China, Indien, Malaysia, Korea, USA und Brasilien abwandern. Global wird das dem Klima nichts nutzen, Europa aber den Todesstoß versetzen.
5. war
truereader 07.06.2013
... war nicht anders zu erwarten. Die deutsche Autolobby ist mächtig. Es gibt kein Tempolimit, es wird keine großartige Senkung des CO2 Ausstosses geben, da die Hersteller hierzulande daran kein Interesse haben. Hier wird man über das definiert, was man fährt und nicht wer man ist. Schade. Arm. Erbärmlich.
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Welche Typen von Elektroautos gibt es?
Reiner Elektroantrieb
Diese Fahrzeuge haben keinen klassischen Antriebsstrang mehr, der vom Motor die Bewegungsenergie auf die Räder überträgt. Stattdessen sind in den Radnaben Elektromotoren, die Energie kommt aus einem Akku, der an der Steckdose aufgeladen werden kann. Weil die Speicherkapazität der Batterien noch nicht mit einem klassischen Automobil vergleichbar ist, haben einige Elektromobile einen sogenannten Range Extender an Bord - einen kleinen Generator, der die Elektromotoren mit Energie versorgt, wenn der Akku leer ist.

Beispiele: Tesla Roadster, Chevy Volt/Opel Ampera, Think City
Hybridantrieb
Hybridautos haben zusätzlich zum klassischen Verbrennungsmotor einen Akku an Bord. Wenn der leer ist, springt der Benziner an. Eine Variante sind sogenannte Mild-Hybrid-Systeme, bei denen der Stromantrieb nur parallel unterstützend läuft, um den Benzinverbrauch zu reduzieren. Der Akku wird in der Regel durch Bremskraftrückgewinnung und einen Dynamo geladen. Zukünftige Hybridfahrzeuge sollen aber auch an der Steckdose aufladbar sein.

Beispiele: Toyota Prius, Honda Civic, Honda Insight
Brennstoffzellenantrieb
Bei diesen Fahrzeugen tankt man statt Benzin flüssigen Wasserstoff. In einer chemischen Reaktion wird das Hydrogen in der Brennstoffzelle in elektrische Energie umgewandelt, die dann das Fahrzeug antreibt. Anders als bei reinen Elektrofahrzeugen ist die Infrastruktur für den Wasserstoff eine ungelöste Frage. Vorteil der Brennstoffzellenfahrzeuge ist ihre größere Reichweite.

Beispiele: Honda FCX Clarity, Hamburger Nahverkehrsbusse (Mercedes-Benz)
Range Extender
Im Gegensatz zu den herkömmlichen Elektroautos haben Range Extender einen Verbrennungsmotor an Bord, der anspringt, wenn die Ladung der Batterie zur Neige geht. Vorteil: Die Reichweite steigt auf das Niveau eines Autos mit konventionellem Antrieb. Vorreiter dieser Spezies ist der Opel Ampera, der die Kraft des Verbrenners aber auch nutzt, wenn die volle Leistung zum Beispiel auf der Autobahn abgerufen wird.

Beispiele: Opel Ampera

CO2-Emissionen

Bei Neuzulassungen 2012 in Deutschland (Flotten-Durchschnitt in g/km):

 

 

Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt

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CO2-Ausstoß - Die Fakten
2009 hat die EU einen CO2-Grenzwert für Pkw festgelegt. Nach der gültigen Richtlinie darf der CO2-Ausstoß der Neuwagen-Flotte eines Herstellers ab 2020 durchschnittlich 95 Gramm je Kilometer nicht überschreiten. 2012 lag dieser Durchschnittswert in Europa bei 136,1 g/km, in Deutschland bei 141,8 g/km. Die EU-Regelung sieht Strafen vor, wenn die Autos ab 2020 mehr als 95 g/km ausstößen - und zwar 95 Euro je Gramm und Fahrzeug. Läge dann der durchschnittliche CO2-Ausstoß aller Autos eines Herstellers bei 105 g/km, würden pro verkauftem Auto 950 Euro fällig.

Nicht nur in Europa, auch für andere Weltregionen wurden CO2-Grenzwerte ab 2020 festgelegt. In den USA etwa 121 g/km (ab 2025 dann 93 g/km), in China 117 g/km und in Japan 105 g/km. Die deutsche Autoindustrie erklärte, der europäische Richtwert sei "sehr ambitioniert" und nur durch "erhebliche Mehrkosten" erreichbar.

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Elektroautos im Aufwind: Modelle und Meilensteine


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