CO2-Versprechen der Autohersteller Offenbarungseid vor der IAA

Ausgerechnet vor der Internationalen Automobilausstellung: Ein Umweltverband hat errechnet, dass die europäische Autoindustrie ihre freiwillige Selbstverpflichtung zur Senkung des CO2-Ausstoßes verfehlt. Statt den Vorwurf mit eigenen Zahlen zu kontern, setzen die Hersteller auf kreative Statistik.

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Berlin/Brüssel/Hamburg - Manche Versprechen bereut man später. So geht es auch der europäischen Autoindustrie und ihrem Dachverband ACEA: Die Brüsseler Lobbygruppe hatte der Europäischen Kommission 1998 versprochen, den Ausstoß des Klima-Killer-Gases CO2 (Kohlendioxid) bei neu zugelassenen Pkw bis Ende 2008 auf durchschnittlich 140 Gramm je Kilometer zu drücken. Doch dieser Öko-Schwur ist, wie sich jetzt immer deutlicher abzeichnet, kaum mehr einzuhalten.

Greenpeace-Protest vor dem Porsche-Stammwerk (im Juli 2007): Hitzige Klimadebatte
DPA

Greenpeace-Protest vor dem Porsche-Stammwerk (im Juli 2007): Hitzige Klimadebatte

Die Nichtregierungsorganisation Transport & Environment (T&E) in Brüssel hat errechnet, dass die von europäischen Herstellern in der EU verkauften Neufahrzeuge 2006 im Durchschnitt 160 Gramm CO2 pro Kilometer ausstießen. Gegenüber 2005 hätten die Autobauer den Wert damit lediglich um ein halbes Gramm reduziert. "Sie werden das Ziel für 2008 weit verfehlen", prognostiziert T&E-Sprecher Dudley Curtis.

Eigentlich soll die Kommission die Fortschritte bewerten, die im ACEA organisierte Hersteller wie BMW, DaimlerChrysler, Volvo oder PSA Peugeot Citroën bei ihren Klimaanstrengungen machen. Denn sie ist theoretisch ein besserer Schiedsrichter als die Öko-Organisation T&E. Das Problem ist aber, dass Europas wichtigste Behörde sehr langsam rechnet: Die neuesten zum CO2-Ausstoß vorliegenden Kommissionszahlen zur Selbstverpflichtung datieren aus dem Jahr 2004 - bei diesem Tempo wird die Öffentlichkeit frühestens Mitte 2010 erfahren, ob die Autohersteller zweieinhalb Jahre zuvor ihr Versprechen gebrochen haben.

Schweigen und schönrechnen

"Wir sind sehr unglücklich, dass das so lange dauert", beteuert ACEA-Sprecherin Sigrid De Vries. Dennoch müsse man warten, bis die Kommissionsstatistiker fertig gerechnet haben - das sei schließlich der vereinbarte Prozess. Die T&E-Berechnungen will ACEA nicht kommentieren, legt allerdings auch keine eigenen Zahlen vor. Auch zu der Frage, ob die 140-Gramm-Grenze Makulatur ist, möchte De Vries sich nicht äußern.

T&E ist zwar kein neutraler Beobachter, in der Vergangenheit erwiesen sich die CO2-Berechnungen des Öko-Verbandes jedoch als recht präzise. Das liegt vor allem daran, dass die Umweltlobbyisten nach eigenen Angaben auf öffentlich zugängliche Kommissionsstatistiken zurückgreifen. Diese liegen für 2006 bereits vollständig vor. Man habe die gleiche Berechnungsmethodik verwendet wie die Kommission, so ein T&E-Sprecher.

Wer etwas genauer hinschaut, erkennt Anzeichen dafür, dass die Autoindustrie ihr Versprechen von 1998 schon abgeschrieben hat. Erst am Dienstagabend sagte PSA-Chef Christian Streiff in Paris, die von der Kommission geforderte Reduktion des CO2-Ausstoßes auf "130 Gramm im Jahr 2012" sei "nicht erreichbar". "Ich bitte Sie inständig: Geben Sie uns realistische Zielvorgaben" habe der Manager an die Kommission appelliert, berichtet die "Automobilwoche".

Auf der ACEA-Webseite rechnen Experten des Verbandes vor, man müsse auf den CO2-Zielwert von 140 Gramm eigentlich 13 Gramm draufschlagen. Die Begründung: Die Kommission habe den Herstellern in den vergangenen Jahren allerlei neue, strengere Sicherheitsauflagen aufgebrummt. Die machten Autos schwerer und damit durstiger, was den Kohlendioxid-Ausstoß deutlich erhöht und die Bemühungen der Hersteller konterkariert habe.

Folgt man der ACEA-Logik, liegt der 2008er Zielwert plötzlich bei komfortablen 153 Gramm. Das könnte gerade so klappen. Bis Anfang 2008 lässt sich ja vielleicht noch ein bisschen rechnen.

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