Combat T-98 Panzer statt Perestroika

An diesem Auto beißen sich sogar die Panzerknacker die Zähne aus. Damit Manager, Minister und wohl auch Mafiosi heil durch Russland kommen, baut der Armeelieferant Combat in St. Petersburg einen zivilen Panzerwagen. Das Mobil wird nun sogar im Ausland verkauft.


Russland ist offensichtlich ein gefährliches Pflaster. Deshalb verkaufen nicht nur Mercedes, BMW und Audi in der ehemaligen Sowjetunion viele gepanzerte Fahrzeuge, die gegen ballistische Gewalt gewappnet sind. Vielmehr boomt auch das Geschäft russischer Firmen mit der Produktion ziviler Panzerwagen. Eines der spektakulärsten Fahrzeuge dieser Art ist der T-98 der Combat Armoring Group aus St. Petersburg, der mit einer Breite von 2,10 Metern, einer Höhe von gut 2 Metern und einer Länge von mehr als 5 Metern zumindest Kleinkriminelle schon auf den ersten Blick das Fürchten lehrt.

In einer Linie mit Geldtransportern, Polizei- und Armeefahrzeugen montieren die Experten in einer Militärfabrik am Rande der ehemaligen Zarenmetropole aus deutschem Spezialstahl, amerikanischen General-Motors-Komponenten und fast 20 Jahren eigener Erfahrung ein Sonderschutzfahrzeug, an dem sich sogar die Panzerknacker die Zähne ausbeißen dürften. Denn der gewaltige Geländewagen, der entfernt an den US-Giganten Hummer erinnert, ist mit armdickem Spezialglas, armierten Unterboden sowie einer Sandwichkarosserie aus mehreren Lagen Panzerstahl und Keramik gegen nahezu alle gängigen Schusswaffen gewappnet, versprechen die Hersteller.

Selbst Minen sollen dem T-98 in der sichersten Ausführung nichts anhaben können. Je nach Gefährdungspotential und Bestellumfang liefern die Russen den T-98 in den Schutzklassen B2 bis B7 und erfüllen damit nach eigenen Angaben dieselben Normen, wie sie etwa Mercedes für das gerade vorgestellte Guard-Modell der S-Klasse garantiert.

Allerdings ist die Konstruktion des T-98 mit solchen Autos nicht zu vergleichen, sagt Produktmanager P. Dmitry. "Während die meisten anderen Hersteller einfach eine normale Limousine aufrüsten, haben wir den T-98 von Anfang an als Sonderschutzfahrzeug konzipiert und die Bauweise von echten Panzerwagen abgeleitet", erläutert der Entwickler.

Das globalisierte Panzerauto, gebaut in St. Petersburg

Unter der harten Schale bauen die Russen auf Technologie des ehemaligen Klassenfeindes. Denn zumindest in der zivilen Version des T-98 kommt vor allem Technik aus dem Baukasten von General Motors zum Einsatz. So stammen nicht nur die Achsen, der Allradantrieb und die Armaturentafel aus den USA, sondern auch die Motoren. Zur Wahl steht dabei ein 6,6 Liter großer V8-Diesel mit 300 PS und mehr als 700 Newtonmeter sowie ein 8,1 Liter großer Benziner mit ebenfalls acht Zylindern. Er kommt auf 340 PS und rund 620 Nm und macht den als viertürigen Pick-up oder als Station-Waggon lieferbaren T-98 zum "schnellsten gepanzerten Geländewagen der Welt", verspricht Dmitry. Obwohl das zulässige Gesamtgewicht bei mehr als fünf Tonnen liegen kann, "erreicht er eine Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h. Als Reisegeschwindigkeit empfehlen wir 170 bis 180 km/h. Darauf sind Bremsen, Fahrwerk und Lenkung ausgelegt".

Zum standesgemäßen Motor gibt es zumindest für die VIP-Version eine glamouröse Ausstattung: Leder und Holz sind ebenso Standard wie zwei Airbags, einige elektronische Fahrhilfen und ein Tempomat. Auf Wunsch gibt es zudem CD-Wechsler, Navigationssystem, DVD-Player, Fernsehgerät, eine Trennscheibe zum Fond und eine Hausbar im Handschuhfach mit silbernem Flachmann für den kleinen Wodka zwischendurch. Die Preise für den Combat T-98 hängen stark von der Schutzklasse und der individuellen Ausstattung ab und beginnen bei etwa 130.000 Euro.

Exporte nach Nahost und auch in die USA

Wer die sicherste Variante haben möchte, muss allerdings mindestens 230.000 Euro anlegen und ein halbes Jahr Geduld haben. Denn bei einer jährlichen Produktionskapazität von etwa 20 zivilen und 60 T-98 für den Polizeieinsatz sind Lieferfristen vorprogrammiert. Das aber schreckt die Kunden selbst im Ausland nicht ab. Immerhin hat die Armoring Group bereits einige Autos in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Saudi Arabien, nach Estland und nun sogar in die USA geliefert.

Zwar steht das Unternehmen heute vor allem für Militär- und Polizeifahrzeuge, doch ist seine Geschichte nicht durchgehend martialisch geprägt. Glaubt man der Website, wurde die Firma 1985 direkt von Michael Gorbatschow im Geiste der Perestroika als unabhängiges Entwicklungsstudio gegründet. Das erste Auto war auch keine Sonderschutzlimousine, sondern ein rassiger Möchtegern-Ferrari mit Lada-Technik, dem zwei Jahre später ein Kompaktvan im Stil des Opel Zafira folgte. Erst 1993 begann die Produktion von gepanzerten Werttransportern und Polizeifahrzeugen, aus denen im Jahr 2000 die ersten Prototypen des T-98 hervorgingen.

Dabei brechen die Russen allerdings mit einer ehernen Regel, die etwa ihre Berufskollegen bei Mercedes in Stuttgart aufgestellt haben. "Eine der besten Waffen in der Gefahrenabwehr ist die Unauffälligkeit der Fahrzeuge", sagt Mercedes-Manager Rainer Gärtner. Für den T-98 gilt das sicher nicht. Dort setzt man viel eher auf optische Abschreckung – und wohl auch auf das Geltungsbewusstsein der Kundschaft.



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