Show der abgerockten Oldtimer Schrott sei Dank

Schäbig ist schick, zumindest beim Concours de Le Mons. Das närrisch-bizarre Oldtimer-Treffen in Kalifornien ist das Gegenstück zur Luxus-Veranstaltung in Pebble Beach - und versammelt Menschen, die Autos auf ihre sehr eigene Art lieben.

Aus Seaside berichtet

Tom Grünweg

"Bitte nicht berühren!" Tevie Smith wird speiübel, wenn er so einen Hinweis an einem Oldtimer sieht. "Autos sind zum Fahren da, da wird man sie wohl auch anfassen dürfen", sagt der 80-jährige Kanadier. An seinem Chrysler Town & Country von 1947 hat er den unübersehbaren Hinweis angebracht: "Bitte anschauen und anfassen - mich kümmert das nicht!"

Ein wenig Umsicht sollten Neugierige dennoch walten lassen, denn die Karosserie der Limousine ist zu großen Teilen aus Holz gefertigt. "Das Zeug ist schon so alt und modrig, dass schnell ein paar Brocken abfallen können", sagt Smith. Ihm sei das egal, aber er wolle keine Klagen hören, wenn sich jemand durch einen Splitter verletzt oder sich die Klamotten einsaut.

Heute fällt der automobile Provokateur kaum auf, denn er ist unter seinesgleichen. Sein Karren parkt nämlich nicht beim vornehmen Concours d'Elegance im Millionärsrefugium Pebble Beach ein paar Meilen weiter, sondern beim Concours de Le Mons im etwas heruntergekommenen Vorort Seaside. Hier bildet sein Auto gemeinsam mit ungefähr hundert anderen automobilen Skurrilitäten auf einer mit Gänsedreck gesprenkelten Wiese einen bizarren Widerpart zum elitärsten Oldtimertreffen der Welt gleich nebenan.

Grundsätzlich wäre auch sein Woodie eine Wertanlage. "Perfekt restauriert würde der sicher ein paar Hunderttausend Dollar bringen", schätzt Smith und tätschelt die stumpfe Mahagoni-Täfelung im Innenraum, während er sich auf einer mit Klebeband geflickten Sitzbank räkelt. "Selbst für dieses Wrack wurden mir schon 75.000 Dollar geboten."

Le Mons wurde aus einer Bierlaune heraus als Gegenveranstaltung zum Concours d'Elegance gestartet. Mit der sechsten Auflage in diesem Jahr ist die Veranstaltung längst etabliert. Ausschließlich Rostlauben stehen dort, Design-Unfälle wie AMC Pacer oder Ford Pinto, Technik-Pleiten wie ein elektrisch angetriebener Datsun aus den Achtzigern und Verkaufsflops wie Yugo oder Renault 21.

"Ich bin der, der eine Komplett-Restaurierung bräuchte"

Und es wimmelt hier vor Spaßvögeln, wie dem irren Kalifornier, der seinen Lamborghini Gallardo freiwillig in der Klasse der "nutzlos komplexen Italiener" gemeldet hat und für diese Selbstironie sogar einen Preis bekommt. Während auf dem makellosen Grün in Pebble Beach Champagner geschlürft und Hummer geknackt werden, erfreuen sich die Le Mons-Teilnehmer und Besucher an Büchsenbier und Chips. Neuerdings jedoch sieht man auch beim Schaulaufen der Absurditäten ziemlich viele gut erhaltene und liebevoll gepflegte Oldtimer wie beispielsweise einen 02er BMW oder einen Tatra, der tags zuvor noch beim Millionärstreffen in "The Quail" ausgestellt war.

Hätte Tevie Smith das früher gewusst, hätte er sich die tausend Meilen von seinem Wohnort Vancouver nach Seaside vielleicht gespart. Denn automobile Anarchie, so wie er sie mag, sieht anders aus. Andererseits: Für Smith sind solche Fahrten ohnehin nur Kurztrips. Denn der PS-Pensionär und sein Woody haben schon ganz andere Touren hinter sich. 15.000 Meilen beim "Great American Race" bis hinunter nach Mexiko, 10.000 Meilen durch Kanada, die Route 66 oder den Lincoln Highway - es gibt in Nordamerika kaum eine Langstrecke, die Smith mit seinem alten Taxi noch nicht unter die Räder genommen hat. Und selten hat er dafür mehr gebraucht, als reichlich Benzin (gut 30 Liter auf 100 Kilometer) und ein paar Ersatzteile.

Auch nach vierzig Jahren und 300.000 Meilen macht der Wagen mit dem 4,1 Liter großen und 114 PS starken Sechszylindermotor noch einen rüstigen Eindruck. "Fast zwei Tonnen Stahl und eine Tonne faules Holz - damit schwimmt man über den Highway wie mit einem Ozeandampfer", sagt Smith. "Nur das Parken ist eine Plackerei". Da ist es hilfreich, dass er früher Football-Spieler war und ein eigenes Fitnessstudio betrieb.

Auch jetzt muss Smith wieder ordentlich rangieren, damit er die Kurve kriegt und schnell vom Acker kommt. Denn der Mann hat mit seinem Woodie noch Großes vor. "Eine halbe Million Meilen würde ich gerne voll machen - und am liebsten würde ich mit meinem Auto auch mal nach Europa. Ob das klappt? Da ist sich der 80-Jährige nicht ganz sicher. "Das Auto ist mit fast 70 Jahren bestens in Schuss, aber ich bräuchte so langsam mal eine Komplett-Restaurierung."



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Na Sigoreng 20.08.2014
1. Das sind richtige
Alles andere was man heute so sieht sind ja mehr Kunstwerke. Autos, bei denen jede original Schraube gegen ein V4A-Modell getauscht wurde und deren Zustand besser ist, als ursprünglich aus dem Werk, kann man doch nicht als "Oldttimer" bezeichnen. Diese Dinger haben eine gelebte Ausstrahlung, die man sonst vermisst!
fpwolf 20.08.2014
2. typisch Amis!
Immer nur auf Äußerlichkeiten achten! Wo bleiben die inneren Werte? Mein Audi 80 Bj. 1987 hat keinen Rückwärtsgang mehr, Vorwärtsgänge nur mit Zwischengas schaltbar, und ich spare seit anderthalb Jahren auf neue Bremsbeläge!
VoisinAerodyne 20.08.2014
3. Stutz
Meines Wissens nach, wurde der Stutz IV-Porte nicht vom Victoria ersetzt, sondern wurde mehrere Jahre lang parallel angeboten. Es gibt jedenfalls mehrere IV-Porte mit Erstzulassung 1984. Aber vielleicht waren es ältere Modelle, die bis zur EZ "auf Halde" standen. Das ursprüngliche Exner-Design finde ich übrigens extrem gelungen. Ab 1972 und spätestens ab 1981 sind die Autos aber nur noch Karikaturen des 71er-Modells. Bei Interesse, hier der Link zu Peter Madles sehr gelungener Stutz-Seite: http://www.madle.org/estutz.htm
räbbi 20.08.2014
4.
Naja, ich bin auch ein Fan der "gut gealterten" Oldies und habe kaum Interesse an der Abteilung "besser als neu". Die Dinger sind zum fahren da, das ist ihr Sinn und Zweck. Aber dass man gleich wieder ins andere Extrem fallen muß? - umso verranzter, umso besser? Geschmackssache.
Nubari 20.08.2014
5. Kunstwerke und Gebrauchskunst
Was in Pebble Beach ausgestellt und bewundert wird, hat mit dem Fließbandprodukt Auto nichts zu tun, es handelt sich fast ausschließlich um mehr oder weniger geglückte Einzelstücke und Kleinstserien. Da dürfen dann gerne die Reichen unter sich sein und ich sehe mir vielleicht nicht mal die Fotos an, weil die Fahrzeuge in den Katalogen und Bildbänden genauso aussehen. Die Freude an den barocken Formen vergangener Automobiljahrgänge und der Spaß an der Benutzung der antiquierten Technik ist nicht vom Portemonnaie abhängig, der Erhalt des Neuzustandes jedoch nicht finanzierbar. Ich fahre täglich unseren 1961er Ford Fairlane und teile die Bewunderung der ausladenden Karosserie und der Flossen mit den Passanten. Dass die Chromleisten mehr schlecht als recht nachgefertigt sind und die Embleme in Zinn nachgegossen sind, macht den Wagen ebenso einzigartig wie die Kratzer und Beulen, die er im Laufe der Jahrzehnte erhielt. Und dass unter der Haube Toyota-Teile lenken und bremsen, macht den Wagen nur sicherer. P.S.: der deutsche TÜV hätte uns schon vor langer Zeit geschieden, aber wir fahren in Kairo herum, und das hoffentlich noch für sehr, sehr lange Zeit.
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