SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

28. Dezember 2012, 09:14 Uhr

Vollautomatische Reifentestanlage

Die Stopp-Automatik

Von

Bevor neue Reifen auf den Markt kommen, müssen sie intensiv geprüft werden. Doch Witterungseinflüsse auf dem Versuchsgelände und Schwankungen durch den Tester verfälschen die Ergebnisse. Das will der Reifenhersteller Continental ändern - und nimmt eine vollautomatische Indoor-Bremsanlage in Betrieb.

Bis ein neuer Reifen fertig entwickelt ist, vergehen ungefähr vier bis fünf Jahre. In dieser Zeit wird vor allem getestet, getestet, getestet. Eine der wichtigsten Eigenschaften der Pneus ist ihr Verhalten beim Bremsen - der Reifen hat entscheidenden Einfluss auf den Bremsweg. Unerlässlich sind deswegen Tests auf typischen Straßenbelägen wie zum Beispiel Asphalt, bei unterschiedlichen, aber jeweils konstanten Bedingungen. Genau das ist ein Problem - zumindest bis jetzt.

Denn nur genaue Messergebnisse liefern den Entwicklern die richtigen Erkenntnisse über die Wirkung des Reifens. Um möglichst exakte Daten zu erhalten, müssen die Tester immer mit exakt definierten Geschwindigkeiten mit dem gleichen Druck auf das Bremspedal treten. Für einen Menschen fast unmöglich.

Deshalb hat der Hannoveraner Reifenhersteller Continental jetzt nach eigenen Angaben die weltweit erste vollautomatische Indoor-Bremstestanlage in Betrieb genommen. Mit ihr wird der Fehlerfaktor Mensch genauso eliminiert wie die zweite große Quelle für Varianzen bei den Messergebnissen: das Wetter. Denn natürlich hat nicht nur die Beschaffenheit des Untergrunds, also Nässe oder Glätte, einen Einfluss auf die Messungen, sondern auch die Temperatur. Schon Unterschiede von wenigen Grad können gewaltige Abweichungen produzieren.

Von null auf 120 km/h in 100 Metern

Die Anlage ist in einer 300 Meter langen Halle auf dem Contidrom bei Celle untergebracht. Dort wird ein Wagen mit den zu testenden Reifen auf bis zu 120 km/h beschleunigt, und ein Bremsroboter leitet automatisch den Verzögerungsvorgang ein. "Damit konnte die Reproduzierbarkeit um 70 Prozent verbessert werden, so dass wir die Entwicklungsfortschritte mit höchster Präzision messen können", sagt David O'Donnell, Leiter der Forschung und Entwicklung für Pkw-Reifen von Continental.

Kernstück der Anlage ist eine rund 250 Meter lange, gerade Leitschiene, wie sie auch bei modernen Achterbahnen zum Einsatz kommt. Sie ist die Führung für den Testwagen, der mit einer speziellen Halterung am vorderen Stoßfänger ausgerüstet ist.

Am Start der Piste rollt das Auto auf einen im Boden verbauten Beschleunigungsschlitten mit einer Leistung von 1600 PS - er beschleunigt das Fahrzeug innerhalb von 100 Metern auf bis zu 120 km/h. Der eigentliche Bremstest durch den Roboter findet auf einer 75 Meter langen und 120 Tonnen schweren Platte statt.

Per Schiebepuzzle zum perfekten Pneu

Insgesamt stehen fünf Platten mit verschiedenen Untergründen zur Verfügung, die durch Elektromotoren, ähnlich wie bei einem Schiebepuzzle, in die richtige Position gebracht werden. Wann der Roboter in die Eisen steigt, bestimmen Lichtschranken und Sensoren an der Leitschiene.

Neben der Apparatur im Fußraum, die das Bremspedal immer mit der gleichen Kraft drückt, ist der Wagen mit zahlreichen Mess- und Sicherheitssystemen ausgerüstet. Nach erfolgtem Test befördert der Caddy den Wagen zum Ende der Strecke auf einen weiteren Drehteller und die Prozedur kann von vorn beginnen.

Nach Angaben von Continental variieren die Messergebnisse, wenn ein menschlicher Testfahrer fährt, in der Regel um fünf Prozent. Durch den automatisierten Ablauf konnte das Unternehmen die Abweichung auf ein Prozent reduzieren. Neben der Präzision beim Beschleunigen und Bremsen liegt das auch an den konstanten Temperaturen.

Weil die sich im Laufe des Tages recht stark verändern, testet etwa Conti-Konkurrent Dunlop seine Winterreifen schon mal nachts - weil dann die Bedingungen beständiger sind. Die Hannoveraner hingegen können die Halle auf dem Contidrom einfach auf die gewünschte Temperatur zwischen 10 und 25 Grad einstellen und rund um die Uhr testen. Pro Stunde lassen sich 15 Prüfzyklen durchführen.

Für das Unternehmen sind die Vorteile klar: Conti bekomme schneller genauere Ergebnisse und kann neue und sichere Produkte rascher auf den Markt bringen, sagt ein Unternehmenssprecher. Und somit hat auch der normal Autofahrer etwas von davon.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH