Motorradumbau als Ausbildungsprojekt Vom barocken Chopper zum coolen Bobber

20 Jahre verstaubte die Suzuki in einem Motorradladen als Ausstellungsstück. Bis ihr sechs Auszubildende in einer Projektwoche neues Leben einhauchten. Der Chopper ist nicht wiederzuerkennen.

Jochen Vorfelder

Es ist ein winterlicher Montagmorgen, typisch für Hamburg: halbdunkel und grau und feucht, die Temperaturen um null Grad. Joachim Grube-Nagel flüchtet sich in die warme, lichte Motorradwerkstatt im Industriegebiet Allermöhe, im Zentrallager von Detlev Louis.

Joachim Grube-Nagel ist Geschäftsführer von Detlev Louis, dem größten deutschen Motorradbekleidungs- und Zubehörhändler. Ein Zahlenmann eigentlich, aber er sagt, der Werkstattbesuch sei beileibe kein Pflichttermin: Grube-Nagel begrüßt herzlich sechs Lehrlinge, drei Männer, drei Frauen, die für die Teilnahme an der dritten Customizing-Woche ausgewählt wurden. Fünf Tage in Hamburg, an denen Louis-Azubis aus einem alten Motorrad ihr Customizing-Schmuckstück fertigen sollen.

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Motorradumbau als Ausbildungsprojekt: Die schicke Suzi

Beim gemeinsamen Mittagessen in der Firmen-Kantine fragt Grube-Nagel nach der Motivation seiner Azubis; woher sie kommen, und was sie sich von der Woche versprechen. Es geht locker zu, es wird viel gelacht. "Die Einladung zur Customizing-Woche ist zuallererst natürlich ein Ausbildungs-Highlight für die Teilnehmer," sagt Grube-Nagel. "Aber Louis profitiert auch davon. Wir senden als Firma wichtige Signale aus: 'Engagement lohnt sich' und "Teamarbeit ist wichtig'."

"Die Suzuki schreit geradezu nach Caféracer"

Auf kollegiale Zusammenarbeit müssen sich die Nachwuchs-Louisianer schon in den ersten Stunden der Umbau-Woche verständigen: Wie soll das Motorrad nach fünf Tagen aussehen? Die Aufgabe ist kein leichtes Unterfangen: Umgebaut werden soll eine Suzuki GZ 125 Marauder. Unter diesem sperrigen Namen wurde der kleine Chopper mit 125 Kubik-Viertaktmotor 1998 von Suzuki verkauft.

Das Kleinmotorrad hat nur vier Kilometer auf dem Tacho, aber zwanzig Jahre als Schaustück und Sitzprobenmotorrad in einer Louis-Filiale gestanden. Es ist ein typisches Kind seiner Zeit mit schweren, ausladenden Schutzblechen, halbhohem Lenker und viel Chrom. Sehr barock, sehr verbaut.

Die Vorstellungen gehen auseinander. Melissa ist neunzehn, seit 2016 Einzelhandels-Azubi im Louis Shop Emsbüren. Zuhause im Emsland fährt sie eine KTM 390 Duke. Melissa hat sich mit einem Photoshop-Entwurf für einen Umbau mit schlankem Heck und Stummellenkern beworben. Sie ist überzeugt: "Die Suzuki schreit geradezu nach Caféracer."

Sitzt, passt, wackelt und hat Luft

Sechs Teilnehmer, sechs Meinungen; Melissa setzt sich nicht durch, aber nach kurzer Diskussion einigt sich das Sextett. Ein Bobber soll es werden, mit gekapptem Heck, seitlichem Kennzeichen, einem breiten Dragbar-Lenker, mattschwarzem Auspuff und verkürzten Federbeinen. Farbgebung? Braun-Weiß soll das Gesellenstück werden.

Deshalb muss erst einmal die komplette Verkleidung weg. Strippen ist angesagt; übrig bleibt das nackte Motorrad-Gerüst auf der Arbeitsbühne. Alle Arbeiten werden nun verteilt, die Neuteile im hauseigenen Katalog ausgesucht und aus dem Lager angefordert. Die Teile sind die erste Hürde für die Werkstatt-Crew: Der Verkaufswert der Anbauten darf 2017 Euro nicht übersteigen; eine realistische Grenze also, wenn der Nachwuchs an einen Umbau geht.

Präzision ist gefragt: Mit der Bohrmaschine werden Halterungen passgenau vergrößert, Spraydosen kommen zum Einsatz, um die weißen und braunen Farbschichten auf Metall und die Sitzbank aufzutragen. Die Elektrik wird umgebaut; eine komplette Lampe inklusive Halterung verbaut. Bridgestone hat einen Satz Reifen gespendet. Probleme machen die neuen Universal-Fußrasten, sie werden nach längerer Beratung mit speziellen Unterlegscheiben eingepasst. Sitzt, passt, wackelt und hat Luft: perfekt.

Der Auspuffkrümmer soll zweifarbig gewickelt werden

Damit das Projekt in der Spur bleibt, begleitet Martin Struckmann, der Louis-Werkstattleiter, die Gruppe an allen Tagen. Er behält die Zeit im Blick, die Technik und die Akteure, wenn geschraubt, gebohrt, gesägt und gesprüht wird. "Das läuft hier sehr gut", sagt Struckmann. "Man merkt, dass einige auch zuhause an ihren Maschinen schrauben."

Aaron ist einer der erfahreneren Nachwuchs-Customizer. Er ist wie Melissa neunzehn Jahre und macht seit Mai 2017 seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Louis Shop Dresden. Das Motorradschrauben liegt in seiner Familie. "Honda, KTM und natürlich Schwalbe, bei uns zuhause ist die Garage gut bestückt. Irgendwas gibt es immer zu basteln."

Aaron hat beim Umbau eine der frickeligsten Jobs übernommen: Der Auspuffkrümmer soll zweifarbig gewickelt werden, ein echtes Novum. Die zwei Bänder parallel zu spannen und den Krümmer passgenau zu ummanteln, erweist sich als echte Herausforderung. Es klappt schließlich nach mehreren Anläufen mit Struckmanns Hilfe: "Vielleicht sollen wir uns zweifarbiges Auspuffband patentieren lassen. Warum haben wir das eigentlich noch nicht im Katalog?", witzelt Aaron und macht sich daran, die Halterung für das Heckschutzblech zu biegen.

Gegen Wegschneiden hat der TÜV selten was

"Das Heck ist sicher eines der Highlights beim Azubi-Bike 2018", sagt Martin Struckmann. "Radikal beschnitten, der Reifen kommt optimal zur Geltung und die Details wie die in die neuen Rahmenenden integrierten LED-Rücklichter passen optimal zusammen." Gelernt haben die Lehrlinge beim Heckumbau: Beim Customizing darf man mit der Säge an den Rahmen ran, gegen Wegschneiden hat der TÜV selten was. Nur Anschweißen ist nicht erlaubt.

Erste Ausfahrt auf der umgebauten Suzuki GZ 125 Marauder
Jochen Vorfelder

Erste Ausfahrt auf der umgebauten Suzuki GZ 125 Marauder

Nach fünf Tagen ist auch Melissa zufrieden, die anfangs noch ihrem Caféracer nachgetrauert hat: "Geiler Bobber." Spricht es, und darf gleich im Hof die erste Runde drehen: Nach zwanzig Jahren Standzeit im Laden erwacht die Lehrlings-Marauder zum neuen Leben. Der kurze Bobber-Auspuff bobbert tatsächlich, das Auspuffband dampft und stinkt gewaltig. So muss es sein, das Azubi-Bike 2018 macht schwer Eindruck.

Auch Geschäftsführer Joachim Grube-Nagel ist happy: "Das machen wir 2018 wieder. Auf den Termin freu ich mich jetzt schon."

Mitarbeit: Tom Pieper



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