Dach ab für den Taxidienst Cabrio-Kapriolen auf Capri

Das waren noch Zeiten. Rudi Schuricke ließ die Sonne im Meer versinken, Heinz Erhard alberte durchs Wirtschaftswunder-Kino, und Capri war das Traumziel der Besserverdiener. Der Jetset ist längst weiter gezogen, aber die wohl verrücktesten Taxis Europas fahren noch.


Paolo de Gregorio ist auf Capri ein gefragter Mann. Ganz gleich welchen Reiseführer man aufschlägt oder auf welcher Website man stöbert: Fast immer stößt man irgendwann auf den sonnengebräunten Herrn und sein rotes Fiat-Taxi, mit dem er Gäste der Ferieninsel vor der italienischen Amalfi-Küste zu einer ganz besonderen Zeitreise einlädt. Schließlich ist sein Auto schon fast 50 Jahre alt und er selbst auch einige Jahrzehnte auf der Insel unterwegs.

Signore de Gregorio kennt sie deshalb alle, die heißen Geschichten aus den bunten Tages des Jetsets und der Zeit, als Sophia Loren, Aristoteles Onassis oder Brigitte Bardot sich unter der Sonne aalten und dem Felsen im blauen Golf von Neapel die deutschen Sehnsüchte galten.

Fiat Marea Capri-Taxi: 30 Autos wurden von diesem Modell für bis zu sechs Fahrgäste gebaut

Fiat Marea Capri-Taxi: 30 Autos wurden von diesem Modell für bis zu sechs Fahrgäste gebaut

Aber nicht nur der Soundtrack für die Fahrt im Geist des "dolce vita" ist beeindruckend - auch das Fahrzeug selbst. Schließlich steuert Paolo de Gregorio einen Ferrari-roten Fiat Präsident aus dem Jahr 1960, der als eine der letzten Original-Taxen aus der guten alten Zeit gilt und wie beinahe alle Mietdroschken auf der Insel ohne festes Verdeck auskommt. Denn wo die Sonne – zumindest bis sie im Meer versinkt - scheint, auf Capri nämlich, da sind sogar die Taxen Cabrios. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Neben den wenigen hundert Autos, die auf der Insel zugelassen sind, übernehmen vor allem Busse und Taxen den Personentransport. Und weil die Taxen, anders als auf dem Festland, aus dem gängigen Rahmen fallen, gehören sie mittlerweile zur Insel wie die Prominenz, die Touristen und die Sonne.

Logisch, dass Fiat den Taximarkt auf Capri beherrscht

Glaubt man einschlägigen Chroniken im Internet, kamen die ersten Taxen bereits vor dem Zweiten Weltkrieg auf die Insel und waren natürlich fast ausnahmslos umgebaute Fiat-Modelle. In den Fünfzigern wurden sie dann ähnlich wie die Blaue Grotte zu einem Symbol der Sonneninsel, und die Fahrer waren plötzlich fast so prominent wie ihre Passagiere im Fond, die so schnell zu Stammkunden wurden.

Fiat 500: Eine Art Capri-Buggy mit Sitzen aus Korbgeflecht

Fiat 500: Eine Art Capri-Buggy mit Sitzen aus Korbgeflecht

Fiat hat über die Jahre eigens für Capri eine ganze Reihe von Cabrios bauen lassen. So weist die Firmenchronik neben dem offenen Fiat 500 mit Korbstühlen und einer bunten Markise auch Umbauten auf Basis des Fiat 1400, des 131 Mirafiori oder des alten Croma aus. Eines der letzten Autos, das von Turin aus auf den Weg ins Mittelmeer geschickt wurde, war der Fiat Marea, den die Italiener einem besonders umfangreichen Umbauprogramm unterzogen hatten. Die insgesamt 30 Autos wurde nicht nur enthauptet, sondern auch noch um 70 Zentimeter gestreckt, so dass Platz für bis zu sechs Fahrgäste entstand.

Über dem Fond eine Markise im Stil einer Gelateria

Falls weniger Kunden einsteigen, kann die mittlere Sitzbank zugunsten einer besseren Beinfreiheit eingeklappt werden. Damit der Wind sanft durch die Haare fährt, gibt es über dem Fahrer ein großes Schiebedach. Und damit weiter hinten die Sonne nicht das Haupthaar bleicht, lässt sich der offene Fond mit einem Stoffverdeck beschatten, das es mit der Markise jeder Gelateria aufnehmen kann. Natürlich hat der Marea lange nicht so viel Charme wie Paolos Presidente, zumal der auffällig rote Lack nun dem bei Taxifahrern in ganz Europa offensichtlich so beliebten Cremegelb gewichen ist. Doch gemessen an einer aktuellen Mercedes E-Klasse vor dem Hamburger Hauptbahnhof oder einem VW Passat am Flughafen München ist das Capri-Taxi ohne Zweifel beeindruckend.

Außerdem gibt es ja auch noch Signore de Gregorio. Man kann ihn, so heißt es immer wieder auf den einschlägigen Internetseiten, nicht gut im Voraus buchen. Doch finden werde man ihn auf jeden Fall: entweder auf dem zentralen Platz in der Hafenstadt Marina Grande, wo die Fähren vom Festland ankommen, oder in einem der Cafés drum herum, wo der gute Mann seinen Espresso schlürft. Aber selbst wenn Paolo einmal nicht da sein sollte, ist das kaum ein Problem – denn auf der Piazza warten ganz sicher ein paar andere Capri-Cabrios.



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