Neues Mercedes-Modell Daimler plant Bau eines Pick-ups

Modelle, Modelle, Modelle! Weil Daimler weiter wachsen will, bauen die Schwaben jetzt sogar einen Pick-up. Die größte Kundengruppe für das neue Modell schließen sie aber erst mal aus.

Daimler

Bentley baut einen Geländewagen, BMW einen Pampers-Bomber, und Porsche verkauft mittlerweile mehr SUV als Sportwagen - der Wunsch nach Wachstum treibt in der Autoindustrie immer seltsamere Blüten. Jetzt geht so eine Blüte auch bei Mercedes auf. Denn um die "globalen Wachstumsziele unseres Unternehmens" zu unterstützen, hat Daimler-Chef Dieter Zetsche heute die Produktion eines Pick-ups bestätigt.

Weil der Anteil privat genutzter Pick-ups stetig wächst und gewerbliche wie private Kunden zunehmend nach Fahrzeugen mit Pkw-typischen Eigenschaften fragen, wollen die Schwaben bis zum Ende des Jahrzehnts als erster Premiumhersteller selbst einen Pritschenwagen an den Start bringen. Aus dem Mund von Zetsche klingt das dann so: "Wir werden auch in diesem Segment mit einem unverwechselbaren Markengesicht und allen markentypischen Fahrzeugattributen in puncto Sicherheit, Komfort, Antriebsstrang und Wertigkeit antreten."

Als Vorbild gilt Mercedes dabei nach eigenen Angaben nicht zuletzt die M-Klasse, die mit ihrem Debüt vor 20 Jahren den Aufstieg des schmutzigen Geländewagens zum noblen SUV beflügelt hat.

Kein Boom-Markt, aber solides Wachstum

Die Schwaben zielen in das sogenannte Midsize-Segment mit einer Nutzlast von etwa einer Tonne, in dem auch Fahrzeuge wie der Toyota Hilux, der Mitsubishi L200, der Nissan Navarra und nicht zuletzt der VW Amarok zu Hause sind. Diese Klasse ist groß und hat solide Wachstumsprognosen, ist aber trotzdem kein Boom-Markt: Wurden dort im vergangenen Jahr weltweit 2,34 Millionen Autos verkauft, sollen es bis 2020 etwa 2,83 Millionen sein, meldet das Analyseunternehmen IHS Automotive.

Weil der Wagen irgendwo zwischen Lastesel und Lifestyle platziert wird, hat Zetsche das Projekt bei der Van-Sparte von Mercedes aufgehängt. Die ist den Platz zwischen den Stühlen bereits gewohnt. Denn auch Transporter wie der Citan und vor allem das Doppel aus V-Klasse und Vito sprechen sowohl gewerbliche als auch private Kunden an.

Wer spendet die Basis?

Völlig offen ist allerdings noch, auf welcher technischen Basis Mercedes die neue Baureihe auflegt. Aber an Möglichkeiten dafür mangelt es nicht:

• Da ist zum einen die Architektur der Geländewagen GLE und GLS aus der Fabrik in Tuscaloosa. Allerdings könnte es bei dieser Variante etwas knapp werden mit der Nutzlast von einer Tonne, und mit der vornehmen Pkw-Technik könnten womöglich die Preise aus dem Ruder laufen.

• Der Pick-up könnte auch auf Basis der G-Klasse entstehen, deren Leiterrahmen stabil genug für alle Traglasten wäre. Allerdings sind die Produktionskapazitäten bei Magna in Graz nicht beliebig zu steigern, und auch die G-Klasse wäre eine ziemlich teure Basis.

• V-Klasse und Vito bieten sich ebenfalls als Teilespender an. Ihre Architektur ist für starke Lasten ausgelegt, und Allradantrieb wäre verfügbar.

• Genau wie Mercedes Vans den Kleintransporter Citan vom Renault Kangoo abgeleitet hat, könnte der Pick-up auch in einer Kooperation entstehen. Als Partner dafür würde sich Renault-Schwester Nissan mit Modellen wie dem Navarra in Europa oder dem Frontier in den USA anbieten, zumal Daimler-Chef Zetsche und Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn bei jeder Gelegenheit betonen, wie gerne sie zusammenarbeiten.

Zu klein für die USA

Als unwahrscheinlich gilt dagegen eine komplette Neuentwicklung auf einer eigenen Plattform, weil dafür die Stückzahlen zu gering sein dürften.

Zwar denken beim Stichwort "Pick-up" viele zuerst an den US-Markt. Denn nirgendwo ist der Pritschenwagen im Straßenbild und in der Verkaufsstatistik so präsent wie jenseits des Atlantiks. Nicht umsonst führt zum Beispiel der Ford F-150 mit Stückzahlen von 700.000 Exemplaren und mehr seit Jahrzehnten die Zulassungen an und gilt als Golf der Amerikaner. Doch ausgerechnet diesen Markt spart Mercedes erst einmal aus.

Denn dort sind vor allem die großen, die sogenannten Full-Size-Pick-ups gefragt, das mittlere Pritschenwagen-Segment hat während der Finanzkrise extrem gelitten. Weil sich aber die Giganten unter den Lasteseln im Rest der Welt kaum verkaufen lassen, haben die Schwaben bis zu einer Erholung des Mid-Size-Markts andere Regionen ins Visier genommen: Lateinamerika, Südafrika, Australien und Europa.

insgesamt 68 Beiträge
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monolithos 27.03.2015
1. Mal sehen, was da rauskommt
Wenn noch nicht einmal die Basis feststeht, dann wird das wohl der nächste Dacia mit Mercedes-Gesicht. Der Duster wird auch (derzeit zumindest in Kleinserie) als Pickup gebaut. Da man ja ohnehin nicht eine US-taugliche Größe bauen will (was ich prinzipiell richtig finde), wäre der Duster wohl eine wahrscheinliche Basis, was man nach dem Citan-Desaster derzeit aber nicht kommunizieren will. Womit wir dann wieder den Fall hätten, dass man bei Dacia einen Neuzeitmercedes ohne Stern zum geringeren Preis, dafür mit längerer Garantielaufzeit bekommt.
Dogbert 27.03.2015
2. Mal wieder das
diese Autos werden gekauft weil sie robust und preiswert sind. Beides kriegen weder VW noch Daimler auf die Reihe, daher wird der Erfolg auf diesem Markt noch lange auf sich warten lassen. Aber vielleicht klappt es ja doch, die völlig unsinnigen SUVs haben ja vorgemacht das man auch Autoklassen ohne Mehrwert etablieren kann.
mcgrimm 27.03.2015
3. Der Markt regelt die Nachfrage
Seit Monaten wissen wir ja, dass die ISIS sehr gut mit ihren Toyota Pickups "fährt". Die Krisen werden ja nicht weniger, der Bedarf steigt also für diese Allzweckfahrzuege.
dreamwalker84 27.03.2015
4.
Vor nicht allzu langer Zeit (rund 1,5 Monate) durfte mehfach verschiedene Mercedes E 220 Benziner mit rund 5.000-15.000km fahren. Bei allen Fahrzeugen eines großen deutschen Vermieters waren mir zwei Punkte negativ aufgefallen: Billige Anmutung der Armaturen und Cockpiteinrichtung (überall Plastik, zum Teil billiges "Pseudochrom", wackelige / hakelige Schalter) und die erheblichen Spaltmaße. Verglichen mit den entsprechenden Fahrzeugen von BMW, Audi oder auch VW-Tochter-/Schwester(?)firmen liegen da gefühlte Welten dazwischen. Eine "Wertigkeit" konnte ich bei keinem der vier verschiedenen, gefahrenen Wägen erkennen. Schade.
assiwichtel 27.03.2015
5.
Zitat von dreamwalker84Vor nicht allzu langer Zeit (rund 1,5 Monate) durfte mehfach verschiedene Mercedes E 220 Benziner mit rund 5.000-15.000km fahren. Bei allen Fahrzeugen eines großen deutschen Vermieters waren mir zwei Punkte negativ aufgefallen: Billige Anmutung der Armaturen und Cockpiteinrichtung (überall Plastik, zum Teil billiges "Pseudochrom", wackelige / hakelige Schalter) und die erheblichen Spaltmaße. Verglichen mit den entsprechenden Fahrzeugen von BMW, Audi oder auch VW-Tochter-/Schwester(?)firmen liegen da gefühlte Welten dazwischen. Eine "Wertigkeit" konnte ich bei keinem der vier verschiedenen, gefahrenen Wägen erkennen. Schade.
Sie dürfen nicht vergessen, dass es bei den von Ihnen genannten Marken lediglich die Qualität "Premium" gibt, Sie aber "Gut" bis "Sehr gut" wollen! Das Können Sie aber von Premium-Herstellern nicht erwarten; vor 20 Jahren waren das noch gute Hersteller!
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