Daimler-Pilotversuch Car2Go Autos mieten im Minutentakt

Ein Leihwagen an jeder Ecke: Sieht so die Zukunft der urbanen Mobilität aus? Der Daimler-Konzern startet in Ulm demnächst das Projekt Car2Go, bei dem Verkehrsteilnehmer Zugriff auf 50 Smarts haben. Die Idee ist gut - nur neu ist sie nicht.


Frühmorgens am Flughafen, mittags am Bahnhof oder abends in der City - überall steht ein Auto bereit. Jedermann kann einsteigen, losfahren und das Fahrzeug dort abstellen, wo es ihm passt. Das ist die Vision von Daimler-Manager Robert Henrich, die der Autokonzern demnächst in einem Pilotversuch umsetzen will.

"Das eigene Auto ist für viele Städter bereits zur Last geworden", sagt Henrich, "und als Statussymbol hat es vor allem bei jungen Menschen relativ wenig Bedeutung." Trotzdem wolle niemand auf die individuelle Mobilität verzichten. Deshalb hätten Car-Sharing-Netzwerke seit Jahren gewaltigen Zulauf. "Doch dieses System ist vielen zu unflexibel." Daimlers Projekt Car2Go will es besser machen.

Kern der Idee ist eine Flotte von Smart-Modellen, die großflächig über die gesamte Stadt verteilt werden. In jedem Parkhaus, am Straßenrand, vor Einkaufszentren – überall sollen die Car2Go-Autos bereit stehen. Wer einen Wagen braucht, hält lediglich einen codierten Führerschein ans Lesegerät, schon öffnet sich die Tür. Der Zündschlüssel liegt im Handschuhfach, dann tippt man noch eine Pin-Nummer ein, und schon kann's losgehen. "So weit Sie wollen, so lange Sie wollen und wohin Sie wollen", sagt Henrich, "unkomplizierter geht es nicht."

Eine Minute Autofahren für 19 Cent

Anders als beim Car-Sharing gibt es weder eine Grundgebühr, noch ist eine Mitgliedschaft nötig. "Abgerechnet wird einfach pro Minute. Kilometer, Sprit und Versicherung inklusive." Damit werde "Autofahren so einfach wie mobil telefonieren". Für den ersten Probelauf kalkulieren die Schwaben mit 19 Cent pro Minute, eine Stunde soll maximal 9,90 Euro kosten, und für einen ganzen Tag sollen 49,90 Euro berechnet werden. Ob sich die Preise halten lassen, kann Henrich nicht versprechen. "Dazu fehlt uns jede Erfahrung. Deshalb müssen wir sehen, was beim Pilotprojekt herauskommt."

Die größten Stolperfallen sind bereits ausgeräumt: Falls man kein Auto findet, hilft ein Blick ins Internet oder ein Anruf im Callcenter, wo die Standorte der nächsten Wagen abgefragt werden können. Weil Daimler zwischen Führerscheinchip und Zündschlüssel unterscheidet, kann man den Smart beim Mittagessen oder Einkaufen gefahrlos parken, ohne dass ein anderer Kunde ihn entführt.

Wer falsch parkt, muss das Knöllchen zahlen

Auch die Frage nach Strafzetteln ist geregelt. "Wie bei einem Mitwagen trägt die Verantwortung immer der aktuelle Nutzer, auch wenn er den Wagen am Ende im Parkverbot abstellt", sagt Henrich. Oft passieren sollte das allerdings nicht. "An neuralgischen Punkten werden wir spezielle Parkflächen ausweisen, die nur für diese Smart-Typen reserviert sind." So einfach wie das Parken soll auch das Tanken sein. "In der Regel übernimmt man unsere Smarts mit genügend Sprit. Sobald die Reichweite zu klein wird, blockieren wir das Auto, bis unser Serviceteam den Wagen aufgetankt hat", sagt der Projektleiter. Geht der Kraftstoff unterwegs aus, füllt der Fahrer mit einer von Car2Go vorausbezahlten Tankkarte nach.

Auf der Suche nach den idealen Städten für solche Dienste kommen einem zuerst Metropolen wie Berlin, London oder Paris in den Sinn. Doch beim Testlauf sind die Schwaben vorsichtiger: In Ulm, mit gerade einmal 200.000 Einwohnern, soll die urbane Revolution beginnen. Und auch dort darf anfangs nicht jeder mitmachen: Zunächst bleibt die Ad-hoc-Mobilität ausschließlich den 500 Mitarbeitern der Konzernforschung samt ihren Angehörigen vorbehalten. Für sie werden 50 Smart-Modelle bereitgestellt. Erst wenn alles rund läuft, dürfen alle Ulmer mitfahren.

Nicolas Hayek: "Bravo, Herr Zetsche!"

Neu ist die Idee vom urbanen Mobilitätskonzept nicht. Im Gegenteil: Genau diese Lösung schwebte damals den Smart-Erfindern vor, sagt Uhrenikone, Swatch-Gründer und Smart-Vater Nikolas Hayek. "Der Abschied vom Statusdenken war eine Zutat im Erfolgsrezept von Swatch, und diese Idee hatten wir damals auch schon für den Smart, leider ein paar Jahre zu früh."

Ganz zufrieden ist er mit der aktuellen Lösung aber nicht. "Schließlich haben wir vom ersten Tag an auf Elektroautos gesetzt, und jetzt läuft das Projekt – hoffentlich nur vorläufig – wieder mit konventionellen Verbrennern", klagt der Schweizer.

"Was nicht ist, kann ja noch werden", erklärt Henrich dazu. "Aber für das Pilotprojekt haben wir den Smart CDI gewählt. Er hat von allen aktuellen Fahrzeugen den niedrigsten Verbrauch."

Wenn das Mobilitätskonzept im zweiten Anlauf klappen sollte, ist das Smart-Erfinder Hayek nur recht. Den lang ersehnten Erfolg des Autos empfindet er als späte Genugtuung. "Dann ist der Smart endlich dort, wo wir ihn schon von Anfang an gesehen haben: an jeder Straßenecke. Bravo, Herr Zetsche - besser spät als nie!"



insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
asterisc 21.10.2008
1. Minutentakt verleitet
Kann das sein, daß dann jeder versucht ist, sein Ziel so schnell wie möglich zu erreichen??? Ich würde eine Kombination zwischen Zeit und Kilometer (Entfernung) vorschlagen: 1/3 zu 2/3. Die Entfernung könnte ja durch GPS erfasst werden.
sonnenfluesterer 21.10.2008
2. Minutentakt kumulieren
Natürlich darf nicht jede einzelne Fahrt abgerechnet werden sondern es muß eine Art Bonus am Jahres Ende geben. Sinnvoll wird diese Art der Mobilität natürlich dann, wenn die Politik noch mitspielt und bevorzugte Parkplätze anbietet die in Zukunft mit einer Ladestation(Tankstelle wäre sicherlich falsch) verbunden ist.
Mocs, 21.10.2008
3. Rechenexempel
Eigentlich ja eine brillante Idee - die über den Preis dann wieder "kaputtgewirtschaftet" wird. "Für den ersten Probelauf kalkulieren die Schwaben mit 19 Cent pro Minute, eine Stunde soll maximal 9,90 Euro kosten, und für einen ganzen Tag sollen 49,90 Euro berechnet werden." "Mein" Privatmodell : Autokauf 500 EUR (prognostizierte Nutzungsdauer 3 Jahre) Steuern p.a. 211 EUR Versicherung p.a. 100 EUR Benzin (Monat) 20 Liter für 400 km = 30 EUR Instandhaltung p.a. 100 EUR ---- Summe : 937,67 EUR p.a./78,14 EUR Monat (incl. 400 km) - für ein jederzeit verfügbares Automobil in dem ich auf den Teppich aschen darf und es niemanden stört, wenn die Mädels mal wieder Amaretto verschütten oder ich lustige Bilder mit dem Edding auf den Kotflügel male. Und in das ich die ganze Woche vom gelben Sack bis zu den Pfandflaschen alles reinschmeissen kann, was mich in der Wohnung nervt und irgendwann mal irgendwohin weggefahren werden muss. Wie, in aller Welt, soll da der Pilotversuch für mich attraktiv sein/werden ??
silenced 21.10.2008
4. Gut gut ...
Irgendwann ist das "private" Auto sowieso nur noch Luxus, bzw. wird man als "innerstädtischer" kein eigenes mehr benötigen. Ein Schritt in die richtige Richtung, mal sehen was draus wird.
asterisc 21.10.2008
5. Schöne Idee aber...
Wir habe bei uns in der Fa. mehrere Kombis, die keinem Fahrer zugeordnet sind. Diese Wägen sind am schmutzigsten (innen wie aussen)! Will sagen: Diese armen geliehenen Fahrzeuge werden sehr bald aussehen, daß der sprichwörtlichen Sau graust - woraus folgt, daß der Verleiher bald keine Lust mehr hat und die Sache sein läßt. Oder würden Sie so einfach auf die Idee kommen jemanden "Wildfremdes" sein Auto zu leihen??? Ich nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.