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Daimler-Projekt Car2Go: Ulm steigt um

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Beim Ulmer Leihauto-Pilotprojekt Car2Go drohen Daimler, die Smarts auszugehen: Sieben Wochen nach dem Start haben sich bereits deutlich mehr Nutzer registriert als erwartet. Der Clou ist das einfache Mietmodell - einsteigen, 19 Cent pro Minute, überall abstellen.

In der Ulmer Car2Go-Zentrale herrscht Hochbetrieb. Alle paar Minuten tritt jemand ein, um sich registrieren zu lassen. Wer sich hier anmeldet, bekommt ein kleines Siegel auf seinen Führerschein geklebt. Darin befindet sich ein Funkchip, der die Türen zu 200 weiß-blau lackierten Smart-Modellen öffnet, die Daimler für das Projekt Car2Go in der Stadt verteilt hat.

Mit dem Slogan "Autofahren so einfach wie Mobiltelefonieren" werben die Schwaben für ihr Konzept, bei dem jeder registrierte Nutzer für 19 Cent pro Minute im gesamten Stadtgebiet einfach einsteigen, losfahren und das Auto jederzeit und überall wieder abstellen kann.

Nachdem Daimler im Herbst einen Probelauf mit 50 Autos für Hausmitarbeiter gestartet hatte, wurde die Flotte Ende März erweitert. Seitdem kann sich zudem jeder interessierte Konsument registrieren. "Seitdem rennen uns die Leute fast die Bude ein", sagt Projektmanager Robert Henrich. "Wir hatten mit 5000 Nutzern bis zum Jahresende gerechnet. Doch nach nicht einmal zwei Monaten haben sich schon mehr als 7000 angemeldet", sagt der Daimler-Manager. An manchen Tagen registrieren sich 200 Neukunden. "Wenn das so weitergeht, hat schon Ende Mai jeder zehnte Ulmer Führerscheinbesitzer den Car2-Go-Aufkleber auf dem Papier."

Ein Car2Go-Nutzer der ersten Stunde ist Frank Müller. Der Entwickler beim Elektronik-Spezialisten Harman-Becker erfuhr im Radio von der Smart-Aktion, meldete sich sofort und erhielt als Pilotkunde ein Startguthaben von 50 Euro. "Das hat kaum drei Wochen gereicht", sagt der 30-Jährige. Denn seit er nicht eines, sondern 200 Autos nutzen kann, bleibt Müllers privater Fiat Seicento werktags stehen. "Ich fahre mit dem Smart vor allem die paar Kilometer zur Arbeit", sagt Müller. Bislang absolvierte er die Strecke zu Fuß oder mit dem Stadtbus. "Jetzt kann ich jeden Abend aufs Neue entscheiden, ob ich laufen oder fahren will, ob ich zwischendurch noch mal in die Stadt gehe oder im Supermarkt etwas einkaufe."

Die Verteilung der Autos funktioniert ganz von alleine

Gerade diese Spontaneität und Ungebundenheit sei es, weshalb Car2Go bei den Ulmern so gut ankomme, glaubt Projektleiter Henrich. Mehr als 80 Prozent der Kunden buchten das Auto spontan am Parkplatz, nur wenige reservierten über Telefon oder Internet. Außerdem ende kaum eine Fahrt dort, wo sie begonnen hat. "Die meisten Nutzer fahren das Auto nur One-Way und lassen es am Ziel einfach stehen."

Anfangs hatte das Projektteam befürchtet, dass es so überall im Stadtgebiet zu Klümpchenbildung kommen werde und die Autos von Mitarbeitern ständig neu verteilt werden müssten. "Doch das klappt auch von alleine sehr gut", sagt Henrich. "Nur in Ausnahmefällen wird eines der Autos binnen 24 Stunden nicht bewegt." In der Regel jedoch hat jeder Smart zehn, oft sogar 15 Einsätze am Tag, so dass allein im April eine sechsstellige Kilometer-Laufleistung zusammen kam.

Manche nutzen den Smart auch als Reisefahrzeug

Müller fährt mit dem Car2Go-Smart fast ausschließlich auf Kurzstrecken, zahlt also meist nur wenige Euro. Die Stundenpauschale von 9,90 Euro oder der Tagessatz von 49 Euro kommen für ihn kaum in Frage. Projektleiter Henrich dagegen weiß, dass manche Nutzer die Wagen sogar für längere Touren ins Umland nutzen, das Auto als Ersatzwagen fahren, wenn das eigene Modell in der Werkstatt ist oder - das ist schon vorgekommen - mit einem Leih-Smart bis nach Leipzig rollen.

"Jeden Tag erreichen uns rund hundert E-Mails mit Anregungen, Wünschen, Verbesserungsvorschlägen und Fragen", berichtet Heinrich. Mit dem Preismodell komme jeder auf Anhieb zurecht, doch wie man die Schaltung des Smart bedient oder die Kofferraumklappe öffnet, das muss bisweilen noch erklärt werden. Außerdem wünschen sich die Nutzer mehr als die bislang 130 exklusiven und kostenlosen Car2Go-Parkplätze in der Innenstadt. Müllers Vorschlag: "Nachdem ich mich identifiziert habe, könnte sich im Auto gleich mein Lieblingssender von selbst einschalten."

Verhandlungen über neue Stellplätze laufen bereits

Was die Parkplatzfrage betrifft, verhandelt Daimler bereits mit der Stadt, Kinobetreibern und Kaufhaus-Besitzern. Nutzer Müller hat ein anderes Problem bereits selbst gelöst: Mit einer eigenen Software übermittelt er die Positionsdaten der freien Smarts von der Car2Go-Website direkt auf sein iPhone. Nach ein paar Klicks weiß er, wie weit es zum nächsten freien Auto ist. Alle anderen erfahren das im Internet, am Telefon - oder müssen ein paar Minuten durch die Stadt laufen.

Zwar kommen die meisten Nutzer aus Ulm und Umgebung, doch mehrmals im Monat betreut Heinrich Gäste von weiter weg. Bürgermeister, einige aus internationalen Metropolen, geben sich bei ihm die Klinke in die Hand, weil sie ähnliche Lösungen für ihre Städte wünschen. Woher die Besucher kommen, will der Projektleiter nicht sagen. Nur einen Namen bestätigt er: Austin im US-Bundesstaat Texas. Dort beginnt im Herbst mit 200 Autos und 750.000 Einwohnern das zweite Car2Go-Projekt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ANtriebstechnik?
Bob Brooker 18.05.2009
Schön wär es gewesen, wenn hier auch gleich auf alternative Antriebstechnik gesetzt worden wäre. Wenn due Leute jetzt vom Nahverkehr zurück in die Autos stürmen, ist das nicht unbedingt als Erfolg zu werten.
2. Hat Zukunft
OlafKoeln, 18.05.2009
Zitat von sysopBeim Ulmer Leihauto-Pilotprojekt Car2Go drohen Daimler die Smarts auszugehen: Sieben Wochen nach dem Start haben sich bereits deutlich mehr Nutzer registriert als erwartet. Der Clou ist das einfache Mietmodell - einsteigen, 19 Cent pro Kilometer, überall abstellen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,624828,00.html
Nutze schon seit langem "call a bike" - das Prinzip ist ja identisch. Hat auf jeden Fall Zukunft.
3. Re
Yagharek, 18.05.2009
Geniale Idee und freut mich, dass es so erfolgreich ist. Ich würd mich freuen, wenn es sowas flächendeckend geben würde, am besten mit einem Chip, mit dem man dann bei verschiedenen Anbietern sein Auto leihen kann.
4. Car2Go
Enfo, 18.05.2009
Zitat von sysopBeim Ulmer Leihauto-Pilotprojekt Car2Go drohen Daimler die Smarts auszugehen: Sieben Wochen nach dem Start haben sich bereits deutlich mehr Nutzer registriert als erwartet. Der Clou ist das einfache Mietmodell - einsteigen, 19 Cent pro Kilometer, überall abstellen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,624828,00.html
ich finde das Projekt insofern bedenklich, als dass - sollte sich sowas bundesweit durchsetzen - noch mehr Blech die Innenstädte verstopft, weil fußfaule Menschen sich sagen "oh ja, 19 Cent für 5km - perfekt." Der von Ihnen angeführte Herr Müller tritt dafür prompt den Beweis an. Sinnvoller finde ich da eher eine Tagespauschale oder ein adäquates Preismodell, damit eben diese unnötigen Ministrecken nicht wieder mit Auto gefahren werden. Dasa Ziel muss werden, die Innenstädte von Autos zu befreien - nicht umgekehrt. Ich selbst bin beruflich zwar auf ein Auto angewiesen, aber ich kann meine Termin meistens so legen, dass ich morgens weiß, ob ich auf die Autobahn muss oder nicht. Deshalb fahre ich dann lieber mit dem Rad zur Arbeit. Sind auch nur 3 km. Schadet Auto und Umwelt, solche Strecken per Kfz zurückzulegen.
5. Projekt mit Zukunft...
cekay 18.05.2009
...wenn vorallem wegen den vielen Kurzstrecken endlich Elektroautos zum Einsatz kämen!
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