Dieselaffäre Autokonzernen droht neue Rückrufwelle

Volkswagen und Mercedes stehen im Visier der Behörden, den Transportern T6 und Vito droht ein amtlicher Rückruf. Für den Porsche Macan droht das Kraftfahrt-Bundesamt sogar den Entzug der Typgenehmigung an.

VW T6
Volkswagen

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Die Bundesregierung und die Autokonzerne, das war lange Zeit eine harmonische Beziehung: Die Politik brauchte den Jobmotor und die Steuereinnahmen, dafür hielt sie den Autobauern lästige Umweltauflagen und Kontrollen vom Leib. Doch in diesen Tagen ist das Verhältnis äußerst angespannt: Grund ist das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig kommenden Donnerstag zu den Fahrverboten für Dieselfahrzeuge. Berlin will von den Autokonzernen, dass sie Hardwarenachrüstungen für alle Modelle entwickeln, die derzeit auf der Straße sind, doch die Unternehmen weigern sich bislang. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

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Heft 8/2018
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Vor diesem Hintergrund erhöht die Bundesregierung den Druck auf die Autokonzerne und traktiert sie nach Informationen des SPIEGEL in Sachen Abgasmanipulationen mit einer neuen Welle von Rückrufen. Den Auftakt dürfte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) bei Daimler machen. Für kommende Woche plant es einen amtlichen Rückruf von Fahrzeugen des Mercedes-Transporters Vito. Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, ist die Behörde offensichtlich auf eine neue Manipulationstechnik gestoßen: Die Motorensteuerung soll so programmiert sein, dass die Einspritzung von Harnstoff ("AdBlue") in den SCR-Katalysator reduziert wird, damit die Reinigungsflüssigkeit nicht vor dem nächsten Serviceintervall nachgefüllt werden muss.

Die Folge: In vielen Fahrsituationen stößt der Wagen trotz vorhandener Abgasreinigung offenbar mehr Stickoxide aus. Dabei soll es sich um ein illegale Abschalteinrichtung handeln, heißt es aus Ministeriumskreisen. Außerdem glaubt man dort, diese Art der Manipulation auch anderswo zu finden. Daimler widerspricht auf Anfrage: "Ein kausaler Zusammenhang zwischen Serviceintervall und AdBlue-Verbrauch besteht nicht", erklärt ein Sprecher und droht dem KBA mit "allen rechtlichen Mitteln", sollte die Behörde den Vorwurf einer illegalen Abschalteinrichtung tatsächlich erheben.

Rückkauf von tausenden Fahrzeugen droht

Auch dem VW-Konzern droht weiterer Ärger: Gegenüber Firmenvertretern wurde die Möglichkeit ins Spiel gebracht, dem Porsche-Geländewagen Macan die Typgenehmigung zu entziehen. Bis zu fünf fragwürdige Softwarefunktionen haben die Prüfer des KBA in dem Wagen gefunden. Würde die Zulassung erlöschen, müsste der Stuttgarter Hersteller Tausende Wagen zurückkaufen. VW hält dagegen, man würde mit dem KBA an Lösungen arbeiten.

Darüber hinaus ist nach Informationen des SPIEGEL ein weiteres Fahrzeug des Wolfsburger Konzerns im Visier der Behörden: der legendäre Transporter T6 von VW. Beim Verbrauch des Wagens und somit auch dem Ausstoß von Kohlendioxid sollen den Zulassungsbehörden zu geringe Werte angegeben worden sein, was VW bestreitet. Treffen die Vorwürfe zu, müsste der Konzern die Wagen wohl zurückkaufen, der Fiskus könnte entgangene Kraftfahrzeugsteuer einfordern.

Im Video: Abgastricks beim Porsche Cayenne Diesel?

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Nach SPIEGEL-Informationen liegen erstmals auch Messungen über die Stickoxidkonzentration im Regierungsviertel vor. Drei Messsonden hatten die Grünen etwa in der Dorotheenstraße platziert, dort, wo viele Abgeordnetenbüros liegen. Eine davon lag mit 45 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft deutlich über dem Grenzwert, zwei weitere lagen knapp darunter. Grünen-Verkehrsexperte Oliver Krischer fordert deshalb, der ehemalige Verkehrsminister Dobrindt solle ein Zimmer direkt an dieser Straße von der Bundestagsverwaltung zugewiesen bekommen: "Als Abgeordneter muss er das Recht haben, wenigstens ein bisschen des Drecks selbst einzuatmen, für den er durch sein Nichtstun als Verkehrsminister die Verantwortung trägt", sagte er dem SPIEGEL.

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insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
c.PAF 16.02.2018
1.
Was bitte ist an dem T6 legendär? Aber wenigstens scheinen die Damen und Herren Beamte wenigstens mal ansatzweise aktiv zu werden...
MisterD 16.02.2018
2. Sollte das Bundesverwaltungsgericht...
tatsächlich der de facto Enteignung von Millionen Dieselbesitzern zustimmen, wird es eine sehr ungemütliche Anfangsphase für unsere neue GroKo... dann muss man sich nämlich entscheiden, ob man die Automobilindustrie gegen sich aufbringen will oder Millionen Wähler, die ihre Hardwarenachrüstung selbst bezahlen dürfen... ich kann Merkel und Komplizen nur dringend raten die Zeichen der Zeit zu erkennen... denn dass man seinen alten Diesel verkaufen und viele tausende EURO in einen Benziner stecken musste, das vergisst man nicht bis zur nächsten Wahl in 3 Jahren... angesehen davon kann ich nur jedem raten in diesem Fall seinen neuen Benziner beim Asiaten zu kaufen...
mr.strahlemann 16.02.2018
3. Es wäre das erste Mal
Das wäre schon wirklich ein Wunder, wenn endlich etwas passiert. Gerade der 3,0 Liter Diesel von VW ist nicht nur im Macan sondern in diversen Audis und großen VW's verbaut. Wann passiert da endlich mal was. Und es ist schon ein Armutszeugnis, dass unsere Raute Nimmersatt als Kanzlerin am Dobrindt festhält. Ich frage mal bei einem Wettanbieter an, ob es eine Wette auf Dobrindts Wechsel zu Mercedes oder VW gibt. Aber wahrscheinlich sind die Quoten zu gering :-)
arrogist 16.02.2018
4. Neuwagen auf Staatskosten und Freisprit für alle!
Wenn schon die Hardware-Nachrüstung vom Steuerzahler bezahlt werden soll - warum nicht auch gleich einen Neuwagen für jeden auf Staatskosten? Immer dieses Rumdoktern an Symptomen, der ganz große Wurf muß her, die Abwrackprämie XXXL sozusagen, damit endlich ein Ruck durch dieses Land geht. Besser verspätet als nie! Für die notleidende und am Hungertuch nagende deutsche Automobilindustrie industrie pfeifen wir sogar auf die schwarze Null, denn hier geht es ganz klar um ein vorrangiges öffentliches Interesse - und da ist ein Neuwagen auf Staatskosten das Minimum und natürlich völlig alternativlos, ganz klar! Und weil das nicht reicht, gibt es auch noch Freibier, äh Freisprit für alle, wie in Venezuela. Das hat doch da auch prima funktioniert. Sicher kann man da auch noch irgendwie EU-Fördermittel beantragen, denn es dient ja alles der Umsetzung von EU-Recht zur Luftreinhaltung. Und was diese EU so vorschreibt, da hatten wir ja keinerlei Einfluß drauf, sondern wurden gezwungen. Ganz eindeutig, wie beim Glyphosat. Findet diesen Vorschlag etwa irgendjemand nicht sinnvoll oder gar abwegig? Nach den Vorschlägen der letzten Tage zu kostenlosem ÖPNV und der Hardware-Nachrüstung auf Staatskosten ist das nur noch eine Frage der Zeit.....
blackcathh 16.02.2018
5.
@2: Ich verstehe bis heute nicht, was die Leute immer von "Enteignung" sprechen. Das Fahrzeug wird niemandem weggenommen. Wenn man damit nicht mehr in bestimmte Städte fahren darf, dann darf man anderswo noch fahren. Eine Nutzungseinschränkung wäre der passendere Begriff. Sofern die Typzulassung entzogen wird, hat der Hersteller den Schaden zu ersetzen. Das ist wieder ein typisches Beispiel davon, dass Dieselfahrer unbedingt ganz viel Power und Drehmoment haben möchten und dabei wenig für Treibstoff ausgeben wollen. Anstelle dessen hätte man sich gleich einen vernünftigen Benziner kaufen können. Hinsichtlich CO2 gibt es bei modernen Fahrzeugen kaum noch einen Unterschied bei vergleichbaren Leistungswerten. Dann hat eben der 3.0TDI nur 150PS und keine 250PS, dafür ist er dann sauber.
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