Das Grafikdesign der Rennwagen: Anarchie auf der Karosserie

Von Jürgen Pander

Es gibt viele Bücher über Grafikdesign, noch mehr über Rennwagen - und jetzt das wohl erste Buch über die Gestaltung der Boliden. Geschrieben hat es Sven Voelker, Professor für Kommunikationsdesign in Halle. Dem rasanten Projekt fielen leider 130 Modellautos zum Opfer.

Grafikdesign von Rennwagen: Zweidimensional Vollgas geben Fotos
Gestalten Verlag

Als der US-Amerikaner Briggs Cunningham 1951 mit einem Eigenbau-Rennwagen am 24-Stunden-Rennen von Le Mans teilnahm, raste er zwar nicht auf einen Spitzenplatzierung, doch er veränderte den Rennsport für alle Zeiten. Denn von der Kühleröffnung bis zum Heck waren parallel zueinander zwei blaue Streifen auf das weiße Auto lackiert. Es war das erste Mal, dass ein Rennwagen eine "Kriegsbemalung" trug, wie das spezielle Grafikdesign von Rennautos später genannt wurde. Und die Doppelstreifen gingen als "Cunningham Stripes" oder "Le Mans Stripes" in die Vollgasgeschichte ein.

Natürlich steht diese Begebenheit im Buch "Go Faster. The Graphic Design of Racing Cars" von Sven Voelker, denn erst Cunningham brachte ins Rollen, was Voelker, Jahrgang 1974 und Professor für Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, jetzt auf 144 Seiten eindrucksvoll dokumentiert.

"Als die Rennsportbehörde FIA Ende der sechziger Jahre die bis dahin obligaten Nationalfarben für Rennwagen aufhob und den Motorsport zugleich für Sponsoren öffnete, war das der Startschuss für die größtmögliche Kreativität", berichtet Voelker. Was dann begann, war eine Art zweidimensionale Anarchie auf den dreidimensionalen Karosserien. Rennwagen wurden kunterbunte Unikate, geprägt von einer eigenwilligen, auffälligen und meist sehr coolen Grafik. "Es waren Flower-Power-Autos", sagt Voelker. Und sie waren - eine der wenigen Ausnahme sind die Art-Cars von BMW - allesamt nicht von Profis gestaltet. Meist in der Nacht, hat Voelker recherchiert, wenn die Renningenieure ihre Arbeit erledigt hatten, griffen noch ein paar Mechaniker, Designer oder Mitarbeiter von Sponsoren zu Pinsel und Klebeband.

Warum der Martini-Chef alle Werbeaufkleber entfernen ließ

Wie gut die Wirkung mancher Streifen, Pfeile, Linien, Ecken und Kanten das Auto sozusagen zusätzlich optisch beschleunigt, veranschaulicht Voelker in seinem Buch mit einem ebenso simplen wie genialen Trick. Er bediente sich in seiner rund 130 Fahrzeuge umfassenden Modellautosammlung, die eigentlich in einer Holzkiste auf dem Dachboden schlummerte, und als Spielzeug für seine Söhne vorgesehen war. Daraus wird nun nichts mehr, denn Voelker besprühte die Miniatur-Rennwagen mit weißer Kreidefarbe, so dass matte Skulpturen entstanden, denen die wilde, knallige Rasanz der bunt bemalten und beklebten Pendants völlig abgeht.

Mit diesem Trick zeigt das Buch, wie aus dreidimensionalen Hightech-Maschinen durch eine Form der zweidimensionalen Camouflage Autos entstehen, die zu Ikonen wurden. Etwa der berühmte Porsche 917 aus dem Jahr 1971, der in Fachkreisen als "Die Sau" bekannt ist. Auf dem komplett rosa lackierten Auto waren, wie in einem Lehrbuch für Metzger, die Fleischpartien wie Rüssel, Lende oder Ripple markiert. Count Rossi, Chef von Martini und Sponsor von Porsche, sah den Wagen, war entsetzt und ließ umgehend alle Martini-Aufkleber entfernen. Das Kurzheck-Modell blieb rosa wie es war und startete in Le Mans, erreichte jedoch wegen eines Unfalls kurz vor Rennende nicht das Ziel.

Ein Bilderfest - das nur ein Porsche 917 in Original-Farbe überlebte

Voelker betont, das Buch sei weder ein wissenschaftlicher Leitfaden für ein gelungenes Grafikdesign im Motorsport, noch ein Lexikon erfolgreicher Rennwagen. "Die Auswahl der Autos folgt dem, was ich interessant und besonders finde. Entstanden ist ein Bilderfest für alle, die an Grafikdesign oder an Rennwagen Freude haben", erklärt der Autor. Dem kann man nicht widersprechen. Und wer genau schmökert und hinsieht, findet die Ikonen natürlich doch alle versammelt - die dunkelgrünen Lotus, die hinreißenden Gulf-Porsche, die Marlboro-, Martini-, Jägermeister- oder John-Player-Special-Boliden aus der Hochzeit des Motorsports.

Ein Automodell übrigens verschonte Voelker vor der Kreidestaub-Dusche. Es ist der Porsche 908/3 in hellblau mit zwei orangefarbenen Pfeilen und der Startnummer 12. "Mein Lieblingsmodell", sagt Voelker über den Spielzeugrenner, der den Buchtitel ziert. Das Original des Autos hat der Professor übrigens noch nie gesehen. Es gehört dem US-Fernsehstar Jerry Seinfeld und steht in dessen Großgarage - neben etwa 50 anderen Autoklassikern, die auch geparkt immer noch verdammt schnell aussehen.


Sven Voelker: "Go Faster. The Graphic Design of Racing Cars", Gestalten Verlag, 144 Seiten, Hardcover, 25 Euro.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Mirage statt Porsche
Rainer Girbig 23.03.2010
[Klugscheisser-Modus] Bei dem Bild mit den "beiden" Gulf Porsche handelt es sich bei dem offenen Rennwagen mitnichten um einen Porsche, sondern um einen Mirage mit Ford Cosworth-Motor, den John Wyer nach dem Verbot der Fünfliter-Sportwagen ab 1972 einsetzte [/Klugscheisser-Modus] Aber das Buch wäre genau das Richtige für mich.
2. Cooles Design mit heisser Nadel...
konfusionist 23.03.2010
Ich habe mich sehr gefreut von der Veröffentlichung dieses Titels zu erfahren. Schön, wenn ein sonst sehr einseitig behandeltes Thema wie Motorsport aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird. Das Buch wird von mir daher der gefühlt 1000. Veröffentlichung zum Thema "Porsche in Le Mans" (gerne auch "Ferrari und die Formel1" oder "Silberpfeile vs. Auto Union") vorgezogen und gekauft. Beim Artikel fielen allerdings auch mir die Fehler im Text auf. Während Porsche 908/3 und Gulf - Mirage inzwischen zu ihrem Recht kommen, ist der Belgier Olivier Gendebien immer noch fälschlicherweise als sein Landsmann Paul Frère bezeichnet. Mir ist durchaus bewusst, dass es Schlimmeres gibt, als z.B. ein falsch bezeichnetes Auto. Allerdings lässt mich eine solche Fehlerhäufung bei eigentlich leicht recherchierbaren Informationen schon grübeln: Wenn mir bei fast allen Themen von denen ich ein wenig verstehe, Fehler begegnen, wie soll ich dann den Inhalten bei mir fremden Themenfeldern vertrauen? Leider scheint gerade im Online-Journalismus vieles mit zu heisser Nadel gestrickt...
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