Autodesigner-Porträts: "Wir sind nur Typen mit Bleistiften"

Von Jürgen Pander

Autodesigner-Porträts: "Zeichnen macht mich glücklich" Fotos
Delius Klasing Verlag

Neun Männer sind verantwortlich für das Aussehen von fast 90 Prozent der Autos weltweit. Wer sind sie? Wie kamen sie zu ihrem Job? Antworten gibt ein reich bebildertes, neues Buch über die Designchefs der großen Konzerne.

Der Titel ist eine Zumutung. "Ever since I was a young boy I've been drawing cars" - geht es noch holpriger? Doch zum Glück gibt es noch einen Untertitel. Der ist zwar nicht kürzer, macht aber klar, was einem im Innern des kiloschweren Buches erwartet: "Die besten Autodesigner der Welt. Wie sie wurden, was sie sind." Und dann ist man auch schon drinnen, in der Sphäre der Chefkreativen, die Verantwortung tragen für Autotypen vom mickrigen Smart bis zum majestätischen Rolls-Royce, vom rasanten Porsche bis zum rustikalen Pick-up von Ford oder Chevrolet.

Bart Lenaerts und Lies de Mol, er Autojournalist, sie Fotografin, beide aus Antwerpen und miteinander verheiratet, haben neun der einflussreichsten Autodesigner der Welt besucht, interviewt, fotografiert: Walter de Silva (VW-Konzern), Gorden Wagener (Mercedes-Benz), J Mays (Ford), Lorenzo Ramaciotti (Fiat-Konzern), Laurens van den Acker (Renault), Ed Welburn (General Motors), Peter Schreyer (Hyundai-Kia), Jean-Pierre Ploué (PSA) und Adrian van Hooydonk (BMW Group). Es ist das Who's who der Kfz-Kreativen.

Zu sehen gibt es in dem Buch vor allem Autos. Skizzierte, gezeichnete, aus Ton modellierte und schließlich im Fotostudio schick inszenierte Autos. So etwas kennt man auch aus anderen Büchern, doch in diesem Fall fügen sich die Bilder zu visuellen Lebensläufen der porträtierten Autodesigner. Von den ersten Sportwagenentwürfen, die noch in Schulbücher gekritzelt wurden, bis hin zu perfekt gestylten Computer-Renderings zukunftsweisender Konzeptautos.

Bitte keine Designs, für die man sich schämen muss

"Die Medien haben uns inzwischen zu einer Art Rockstars gemacht. Das sind wir nicht. Designer sind einfach Typen mit Bleistiften", sagt J Mays, einer der Porträtierten und heute Designchef des Ford-Konzerns, davor 14 Jahre lang einer der maßgeblichen Kreativen bei Audi. Chefdesigner bei einem Autohersteller zu sein, bedeutet - zumal in Zeiten technisch immer weiter gehender Annäherung - eine große Verantwortung.

Der Holländer Laurens van den Acker, seit ein paar Jahren Kreativboss bei Renault, drückt es so aus: "Als ich einmal in Frankreich Urlaub machte, bemerkte ich, wie viele Renaults dort unterwegs waren, und dachte mir: Es wäre gescheiter, großartige Entwürfe zu machen, wenn ich mich in den kommenden 20 Jahren nicht schämen wollte."

In den Statements der Designer finden sich zahlreiche Parallelitäten: Alle betonen die oft zermürbende Detailarbeit, alle weisen auf die frustrierenden Erlebnisse hin, wenn Entwürfe abgelehnt werden. Zugleich aber spürt man auch, dass hier höchst unterschiedliche Charaktere über die Ästhetik von Autos bestimmen.

Manch schönes Design entsteht an unschönen Orten

"Automobile sind Kunst, allein schon wegen ihres gewaltigen Einflusses auf die Gesellschaft", sagt zum Beispiel Adrian van Hooydonk, Designchef der BMW-Group. Lorenzo Ramaciotti, Designchef des Fiat-Konzerns, sieht das völlig anders: "Wir sind Teil eines größeren Systems, das Produkte herstellt, die verkauft werden, um Gewinne einzufahren. Das hat nicht viel mit Kunst zu tun."

"Bestimmt sind Autos keine Kunstobjekte, und wir sind auch keine Künstler", erklärt kategorisch Walter de Silva, der Designchef des VW-Konzerns. Und er räumt auch gleich mit dem Mythos auf, um kreativ zu sein, sei eine inspirierende Umgebung hilfreich. "Es war mir nie besonders wichtig, an einem bestimmten Ort zu arbeiten, denn meine besten Projekte wurden an üblen Orten geboren. Den Alfa Romeo 156 habe ich irgendwo am Turiner Stadtrand gezeichnet, den Audi A5 in Ingolstadt, den A6 im Randgebiet von Barcelona und den Polo in Wolfsburg. Kann es schlimmer sein?"

Viel weiter hinten im Buch gibt de Silva auf diese rhetorische Frage selbst eine Antwort: nein. Um sich wohl zu fühlen, braucht er nämlich nicht mehr als ein Blatt Papier und einen Bleistift: "Zeichnen macht mich glücklich."

Bart Lenaerts, Lies de Mol: "Ever since I was a young boy I've been drawing cars. Die besten Autodesigner der Welt - Wie sie wurden, was sie sind." Delius Klasing Verlag, 252 Seiten, 226 Fotos/167 Abbildungen/ 289 Illustrationen, 59.90 Euro.

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1.
dongerdo 21.02.2013
Zitat von sysopDelius Klasing VerlagNeun Männer sind verantwortlich für das Aussehen von fast 90 Prozent der Autos weltweit. Wer sind sie? Wie kamen sie zu ihrem Job? Antworten gibt ein reich bebildertes, neues Buch über die Designchefs der großen Konzerne. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/das-sind-die-wichtigsten-autodesigner-der-welt-a-884357.html
Da musste ich echt lachen - das wird bitterböse Briefe geben ^^ Klingt aber nach einem interressantem Buch.
2.
Baerliner73 21.02.2013
Es sind also nur 9 Schmierfinken für diese optischen Grausamkeiten verantwortlich, na dann besteht ja noch Hoffnung auf Besserung.
3.
bilderwelt 21.02.2013
Zitat von sysopDelius Klasing VerlagNeun Männer sind verantwortlich für das Aussehen von fast 90 Prozent der Autos weltweit. Wer sind sie? Wie kamen sie zu ihrem Job? Antworten gibt ein reich bebildertes, neues Buch über die Designchefs der großen Konzerne. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/das-sind-die-wichtigsten-autodesigner-der-welt-a-884357.html
Das sieht man leider. Vielleicht sollte man mal Leute Autos gestalten lassen, die nicht gerne Autos mit dem Bleistift skizzieren.
4.
dongerdo 21.02.2013
Zitat von Baerliner73Es sind also nur 9 Schmierfinken für diese optischen Grausamkeiten verantwortlich, na dann besteht ja noch Hoffnung auf Besserung.
Na ja - die werden jeweils dutzende Vorschläge pro Wagen gemacht haben. Der Vorstand hat entschieden welcher es werden soll...
5. wenn...
bates/norman 21.02.2013
...9 designer für 90% der verkauften fahrzeuge verantwortlich sind, erklärt das die langeweile auf den straßen und warum sich die fahrzeuge immer mehr gleichen.
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