Stadtauto AWS Shopper: Das Krisenmobil

Von Lasse Hinrichs

Kleinstauto AWS Shopper: Lass stecken Fotos
B. Bergmann / Glas Automobilclub International

Anfang der siebziger Jahre stellte der KFZ-Mechaniker Walter Schätzle ein revolutionäres Auto vor: den AWS Shopper. Das Gefährt sollte die Städte erobern. Tatsächlich war es seiner Zeit weit voraus - dass es trotzdem floppte, lag nicht nur am seltsamen Design.

Die abenteuerliche Konstruktion, die der Kfz-Mechaniker Walter Schätzle vor 40 Jahren präsentierte, sah aus wie eine Laubsägearbeit im Großformat. Dabei war sein Stadtmobil AWS Shopper einfach seiner Zeit voraus. Das Fahrzeug bot schon damals jene Qualitäten, die trendige Großstädter von modernen Autos verlangen: Es war praktisch, sparsam und auf eigenwillige Weise ziemlich auffällig.

"Hier ist das neue Einkaufs-, Hobby-, Junge-Leute-heute-, Großstadtverkehr-, Kleintransport-, Freizeit-, Zweit- und Dritt-Auto", pries der Werbeprospekt die Vielseitigkeit des Kastenwagens. Der Hersteller, die Autoteile Walter Schätzle GmbH (AWS) versuchte gar nicht erst, die Optik schönzureden - das Design war im besten Fall funktional. Stattdessen wurde die "unkomplizierte Technik und wohldurchdachte Gesamtkonzeption" hervorgehoben. Außerdem verwies Schätzle auf die "parkgerecht günstigen Außenabmessungen" sowie die "geringfügig anfallenden Kosten für Steuer, Versicherung und Kraftstoff".

Tatsächlich war der in Eigenregie entwickelte Zweisitzer einfach und zweckmäßig: Fahrwerk und Motor stammten vom Goggomobil T 250. Dessen Ersatzteilgeschäft hatte Schätzle Ende der sechziger Jahre vom ehemaligen Goggo-Hersteller Glas übernommen. Der luftgekühlte Zweitakt-Zweizylinder des Gefährts leistete 13,6 PS, mobilisierte 22 Nm Drehmoment und gab die Kraft über ein Viergang-Schaltgetriebe an die Hinterräder ab. Am 2. Januar 1973 startete in Berlin-Rudow die Produktion. Der Verkaufspreis betrug 5700 Mark.

Montage mit dem Hammer

In einem Nachhaltigkeits-Ranking würde das AWS-Schnäppchen wohl vielen heutigen Stadtautos Konkurrenz machen. Mit 2,89 Metern war der Shopper beispielsweise 19 Zentimeter länger als der Smart, aber mit 415 Kilo nur halb so schwer. Beim Verbrauch würden die beiden Modelle heute etwa gleichauf liegen - beide benötigen 4,4 Liter auf 100 Kilometer.

Die Karosserie des Shoppers bestand aus einer Vierkantrohr-Konstruktion aus Aluguss, die mit Stahlblech und Kunststoff verkleidet wurde. Der ganze Aufbau basierte auf einem Stecksystem. Um die Leichtbaukonstruktion zusammenzudengeln, waren nur drei Werkzeuge nötig: Hammer, Bohrmaschine und Nietzange. "Wenn man nicht die Mittel zu mehr hat, dann muss man sich eben etwas einfallen lassen", sagt Schätzle bei einem Telefongespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die simple Bauweise ging allerdings auf Kosten des Designs. Heute räumt auch der inzwischen hochbetagte Schöpfer des Fahrzeugs ein: "Wir wollten nie einen Schönheitswettbewerb gewinnen. Was wir wollten, war ein Auto für den kleinen Mann - ein einfaches und praktisches Modell für wenig Geld." Aus der Hoffnung auf ein Massenmobil sollte jedoch nichts werden. Schätzles Vision endete stattdessen im Fiasko.

Der falsche Zeitpunkt

Zum Verhängnis wurde dem Sparmobil ausgerechnet die Ölkrise von 1973, die das Benzin knapp und teuer machte. In Deutschland war man unter diesen Umständen äußerst zurückhaltend bei der Anschaffung eines neuen Fahrzeugs. Experimente mit einer völlig unbekannten Marke kamen da erst recht nicht in Frage.

Im AWS-Werk häuften sich bald die Probleme. Hohe Kosten, eine schlechte Verarbeitungsqualität der Autos und ein geringes Produktionsvolumen sorgten für Ärger. Schon Ende 1973 kehrte Schätzle seiner Firma den Rücken. Ein Jahr später, nach gerade mal 1400 gebauten Exemplaren, meldete AWS Konkurs an.

Statt zum Inbegriff urbaner Mobilität geriet der AWS Shopper zum Rohrkrepierer. Dabei standen schon weitere Varianten bereit - es gab Schätzles Shopper als Limousine, Pick-up, Industrietransporter, Jagdwagen und als Cabrio in noch schrillerer Optik.

Damit hatten die Tüftler einen weiteren Trend vorweggenommen: das derzeit bei vielen Herstellern beliebte Verfahren der Modell-Diversifikation. So umfasst zum Beispiel die Produktpalette des Mini mehr als ein halbes Dutzend verschiedene Versionen. Letztlich blieb aber das gesamte Unterfangen von AWS ein Kuriosum am Rande der Autowelt.

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insgesamt 117 Beiträge
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1. Der Zeit voraus?
Alternator 13.01.2013
Eine Wiederverwendung eines als veraltet bezeichneten Chassis mit einer aus Sicht der Sicherheit und Ästhetik furchtbaren Aufbaus war also eine Verbesserung gegenüber dem Goggo, der weder schwerer noch durstiger war? -Wohl eher hat der Zeitgeist sich hin zu unsinnigeren Konstruktionen entwickelt, wenn der Shopper den gängigen Autos als fortschrittlicher gegenüber gestellt wird. Der Echte Mini, der, bei bedeutend soliderer Kaorosserie, zu der Zeit ja auch schon seit über einem Jahrzehnt die Straßen bevölkerte, war auch nicht viel durstiger. Im Gegensatz zum New Mini, der mir, obwohl außen größer, innen enger vorkommt als das Original. Wenn der Shopper der Zeit voraus war, sagt das lediglich, dass niemand diese Allroad-Quattro-2-Tonnen-Monster braucht, die heute als Lifestyle verscheuert und gefahren werden, bis die Antarktis nach Cote d'Azur aussieht.
2. optional
wakaba 13.01.2013
Die Produktionsweise ist verlässlich und wird heute noch bei Flugzeugen angewandt. Es lässt auch eine eigenständige Gestaltung zu - das wurde leider bei diesem Model negiert. Die heutige Zulassungs-Gesetzeslage wurde zugunsten der Konzerne verzerrt - 1.5t Feinstaubdreckschleudern, schwierig herstellbare kurzlebige Fahrzeuge mit irrem Verbrauch sind die Folge. 450kg, flach, sortenrein aus Blech aufgebaut, Standardantrieb - das vorgestellte Modell, etwas angepasst, ist immer noch die Zukunft. Bei dem Formfaktor brauchts auch wesentlich weniger Sicherheitsysteme..
3. Das stellt sich mir nur die Frage:
si tacuisses 13.01.2013
Zitat von sysopB. Bergmann / Glas Automobilclub InternationalAnfang der siebziger Jahre stellte der KFZ-Mechaniker Walter Schätzle ein revolutionäres Auto vor: den AWS Shopper. Das Gefährt sollte die Städte erobern. Tatsächlich war es seiner Zeit weit voraus - dass es trotzdem floppte, lag nicht nur am seltsamen Design. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/der-aws-shopper-von-walter-schaetzle-a-876416.html
Warum wurde nicht gleich der Goggo neu aufgelegt ? Als Mini-Kombi z.B. Eine schlechte Kopie taugt nicht zum Ersatz eines Originals.
4. Trabant?
travelfox42 13.01.2013
Der Trabbi des Westens...
5. Ach Du grosser Gott
ebberger 13.01.2013
Wenn wir heute mit der Gurke (das ist schon geschmeichelt, eine Gurke ist eleganter geformt) rumfahren würden, hätten wir mindestens 50000 Verkehrstote im Jahr, und die Städter würden sterben wie die Fliegen (Asthmaanfälle und Lungenkrebs). Seiner Zeit voraus? So ein Schmarrn.
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