Mehr als 300 Bleche von bis zu fünf Metern Länge, 3722 Nieten und 160 Meter Klebstoff pro Auto: die 328 Roboter in der riesigen Halle haben gut zu tun. Menschen sieht man in der nagelneuen Fertigungsstraße nur noch an den Kontrollmonitoren, funkensprühende Schweißanlagen gibt es auch nicht mehr, und trotz aller Geschäftigkeit der Maschinen herrscht eine fast gespenstische Ruhe.
Wie von Geisterhand schiebt sich der Produktions-Lindwurm an hängenden Bändern voran und spuckt alle paar Minuten eine Rohkarosserie aus, die im Kunstlicht glänzt. Willkommen in Solihull, der Heimat des neuen Range Rovers.
Nur selten gewähren Autohersteller solche Einblicke in die Produktion. Erst recht, wenn das betreffende Auto noch gar nicht präsentiert wurde, geschweige denn im Handel ist. Dass Land Rover in den letzten Wochen trotzdem ins Stammwerk vor den Toren von Birmingham bat, hat folgenden Grund: Die Briten platzen fast vor Stolz auf die Karosserie ihres neuen Flaggschiffs, das Ende des Monats auf dem Autosalon in Paris Weltpremiere feiern wird.
Der leichteste Weg zu geringerem Verbrauch
Der massive Trend zum Leichtbau hat, Land Rover ist der beste Beweis, nun auch jene Hersteller erfasst, die sich in scheinbar abgeschottenen Marktnischen tummeln. Das liegt nicht zuletzt an der EU-Vorgabe, bis 2020 den durchschnittlichen CO2-Ausstoß der Neuwagenflotte eines Herstellers auf 95 Gramm CO2 je Kilometer zu senken. Um diesen Wert mit einem Auto mit Verbrennungsmotor zu erreichen, muss der Durchschnittsverbrauch auf zirka 4 Liter Benzin (oder 3,6 Liter Diesel) je 100 Kilometer gedrosselt werden. Und das funktioniert am besten durch einen radikalen Leichtbau.
Die Faustregel besagt, dass pro hundert Kilogramm eingespartem Gewicht der Verbrauch um etwa 0,3 Liter je 100 Kilometer sinkt - und zwar ohne weitere Sparmaßnahmen am Antrieb oder bei der Ausstattung. Kein Wunder, dass alle Hersteller plötzlich Leichtbauwerkstoffe wie Aluminium oder Kohlefaser oder Magnesium entdecken. Oder dass verstärkt Bauteile aus hochfestem Stahl verbaut werden, weil die steifer sind als aus normalem Stahl, und daher dünner und damit leichter sein können. Denn natürlich muss die Crashsicherheit gewahrt bleiben. Leichtbau auf Kosten von Komfort oder Sicherheit hätte keine Chance.
Der neue Range Rover ist nun der erste Geländewagen, dessen Karosserie komplett aus Aluminium gefertigt wird. Kofferraumklappen oder Motorhauben aus Alu, das kennt man. Aber beim neuen Range bestehen auch die Träger und der Rahmen aus dem Leichtmetall - das gab es bislang nur bei Luxuslimousinen wie Audi A8 oder Jaguar XJ.
Allein die Karosserie wurde dank Alu um 280 Kilogramm leichter
Vom Jaguar Know-How profitierte nun auch Land Rover. Beide britischen Marken gehören zum indischen Tata-Konzern, der rund 1,3 Milliarden Euro investiert, um die beiden Autobauer fit für die Zukunft zu machen.
Etwa 280 Kilo wiegt die neue Karosserie des Allrad-Ungetüms. "Das sind 39 Prozent weniger als früher", sagt Karosseriebauer Mark White und protzt mit ein paar weiteren Referenzwerten. "Der deutlich kleinere Audi Q5 zum Beispiel wiegt in diesem Produktionsstadium 85 Kilo mehr, der BMW 3er ist um 23 Kilo schwerer und ein Mini Countryman lediglich um 12 Kilo leichter." Für ein Auto vom Format des Range Rovers, das in der Länge jetzt 4,99 Meter misst, ist das kein schlechtes Ergebnis.
Mit der leichten Rohkarosse ist es aber nicht getan, auch an anderen Stellen wird gespart. Die Heckklappe und die Kotflügel sind aus Kunststoff. Auch beim Fahrwerk achteten die Entwickler auf jedes Gramm. Dazu kommt eine neue, leichtere Ölwanne und Motorlager aus Alu statt, wie bislang, aus Stahl. Allein diese Änderung bringt zehn Kilo Gewichtsersparnis. Insgesamt summieren sich die Diätmaßnahmen an Karosserie und Fahrwerk auf 350 Kilogramm.
Damit wiederum wird eine Schwelle unterschritten, so dass auch beim Antrieb gespart werden kann: Im Einstiegsmodell ist daher - ohne Einbußen bei den Fahrleistungen - ein Sechszylindermotor statt eines Achtzylinders. Das spart noch einmal 70 Kilo. So kommen beim Einstiegsmodell 420 Kilogramm Gewichtsvorteil zusammen, der sich in 22 Prozent Kraftstoffersparnis niederschlägt.
Trotz der Erleichterung bleibt der Range Rover ein dickes Ding
Die Gewichtsersparnis ist beeindruckend, ein Leichtgewicht ist der Range Rover dennoch nicht. Auch nach der Fastenkur ist der SUV mindestens 2160 Kilogramm schwer. Und als Öko-Auto wird ein derartiger Brocken mit 3-Liter-V6-Dieselmotor und 250 PS auch nicht durchgehen. Andererseits ist ein Normverbrauch von 7,5 Liter je 100 Kilometer ziemlich ordentlich angesichts eines solchen Koloss. Ein Diesel-Hybrid-Antrieb übrigens soll im kommenden Jahr Range-Rover-Fahren noch effizienter machen, das Auto soll mit 6,4 Liter klarkommen. So wenig braucht kein anderer Luxus-SUV.
Land Rover feiert den neuen Rang Rover überschwänglich als modernsten SUV. Dabei kehrt die Marke letztlich nur zurück zu ihren Wurzeln. Schon beim Ur-Modell aus dem Jahr 1948, dem ersten Land Rover Defender, wurde die Karosserie zu großen Teilen aus Duralminium gefertigt, einer besonders festen Aluminiumlegierung. Der Grund damals: Es gab in der kargen Nachkriegszeit einfach mehr davon als von sonst üblicherweise im Autobau verwendeten Stahl.
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