Ich muss eine Sache vorwegschicken: Mein Auto ist eine Dreckschleuder. Ein amerikanisches Musclecar von 1972 mit 7,2 Litern Hubraum. Katalysator? Fehlanzeige. Wenn ich das Gaspedal durchtrete, rotzt der Big Block durch seine armdicken Auspuffrohre geschätzt so viel CO2 in die Atmosphäre wie 100 neue SUVs zusammen. Zumindest stinkt es so. Warum ich all das erzähle? Damit nachher, wenn ich fertig bin, keiner behaupten kann, ich würde sowieso alles verteufeln, was Benzin verbraucht und wäre ein freudloser Fahrradfahrer.
Mein persönlicher automobiler Tiefpunkt des Jahres 2011 ist nämlich das am 1. Dezember eingeführte Effizienzlabel für Autos. Ab sofort kleben auf allen Neuwagen im Showroom bunte Aufkleber. Man kennt sie schon aus dem Elektrofachgeschäft, dort pappen sie auf Waschmaschinen oder Kühlschränken und verraten in Kategorien von A bis G, wie umweltfreundlich die Geräte sind - eine tolle Orientierungshilfe.
Die neuen Aufkleber für Pkw jedoch strapazieren das logische Verständnis aufgeklärter Autofahrer. Verdient eine M-Klasse von Mercedes und eine Limousine wie der Audi A6 wirklich die gleiche Einstufung wie ein kleiner Smart? Wer den Physikunterricht nicht komplett verpennt hat, dem dämmert doch, dass die Bewegung größerer Massen mehr Energie verbraucht als die von kleinen. Was also ist hier schief gelaufen?
Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe nicht per se etwas gegen große, schwere Autos. Manchmal haben sie ja durchaus ihre Berechtigung, außerdem soll jeder fahren, was ihm Spaß macht. Jedem sollte aber auch klar sein, welche Verantwortung er mit der Wahl seines Autos trägt. Das neue Effizienzlabel bewirkt genau das Gegenteil: Es ist ein Freibrief für Verantwortungslosigkeit.
Wenn ich als Single in einer Großstadt jeden Tag mit einem dicken Geländegänger zur Arbeit fahre, auf dessen vier weiteren Sitzen nur mein Ego Platz genommen hat, gibt es dafür keine guten Gründe. Es ist eine Entscheidung purer Unvernunft. Und damit sind wir wieder beim Anfang der Geschichte. Genauso unvernünftig ist es, mein altes Musclecar nicht zu verschrotten. Nur: darauf klebt eben kein Aufkleber, der mir suggeriert. "Hey, ich bin total okay und gut zur Umwelt!" Deswegen fahre ich ihn sehr selten. Dann aber mit echter Begeisterung.
Die Industrie erfindet sich neu
Begeistert hat mich 2011 auch, was ansonst los war in der Autoindustrie. Dieses Gefühl von Aufbruch! Einer neuen, einer besseren Zeit! Es ist ein bisschen, als hätten die Hersteller das Turbo-Prinzip nicht nur den Motoren, sondern auch sich selbst verordnet. Vor allem den Entwicklungsabteilungen.
Jahrelang, so fühlte es sich zumindest an, tröpfelten die Innovationen eher spärlich aus den Denkfabriken der Hersteller, tuckerte die Entwicklung des Automobils im Schongang vor sich hin. Klar, Komfort-Features wie elektrische Fensterheber, Klimaanlage, Servolenkung et cetera breiteten sich ab Mitte der neunziger Jahre selbst in billigen Kleinwagen aus, auch die Sicherheit stieg dank permanenter Airbag-Aufrüstung stetig. Aber wo waren die echten Revolutionen, die einen mit de Zunge schnalzen ließen? ESP etwa? Oder das iDrive von BMW?
Inzwischen geht es Schlag auf Schlag. Das griffig "Downsizing" genannte TFSI-Prinzip, bei dem aus kleinen Motoren mittels präziser Direkteinspritzung und Turbolaufladung das Maximum an Leistung bei geringem Verbrauch gepresst wird, wurde 2011 erstmals flächendeckend eingesetzt. Endlich gilt die alte Gleichung, dass Leistung großen Durst macht, nicht mehr - zumindest nicht so uneingeschränkt wie früher.
Überhaupt fühlt sich das ganze Auto intelligenter an als noch vor wenigen Jahren. Inzwischen schaltet sich im Motorraum alles, was gerade nicht gebraucht wird, selbstständig aus. Servolenkung, Lichtmaschine, Klimakompressor sparen Energie. All das mündet endlich mal in echten Verbrauchsvorteilen: Wenn es zum Beispiel Mercedes dank innovativer Features schafft, den Verbrauch bei seinem neuen Sportwagen SL um bis zu 29 Prozent zu senken - das ist eine Revolution!
Und über all dem schwebt die Frage: Wie fahren wir eigentlich in zehn Jahren? Rein elektrisch? Hybrid? Oder mit der Brennstoffzelle? Alle Hersteller suchen mit Hochdruck nach ihrer Antwort auf diese Frage. Heraus kommen spannende Zwischenstände, wie zum Beispiel der Opel Ampera. Ob das Auto am Markt durchschlägt? Vielleicht - zumindest aber ist es ein Auto, dass sowohl optisch als auch technisch so was von nach vorne gerichtet ist.
Und das ist nach den letzten, lahmen Jahren, die sich auch in einem Design, das oft nur zurück schaute, manifestierten, extrem erfrischend. Man kann das, was gerade passiert, eigentlich gar nicht überbewerten: Die Automobilindustrie erfindet sich gerade neu. Toll, dass wir dabei zugucken dürfen.
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