Design-Experte auf der IAA: "Das hier ist Styling-Horror"

Von Jürgen Pander, Frankfurt am Main

Seit Autohersteller das Design als Thema entdeckt haben, wird drauflos getüfelt: emotionale Skulpturen, dynamische Bodys, Tornadolinien. Bei einem IAA-Rundgang bewertet Design-Professor Paolo Tumminelli die Neuerungen. Fazit: So viel Hässlichkeit war selten.

IAA-Design-Rundgang: "Sportlichkeit ist der Sex des Automobils" Fotos
Jürgen Pander

"Können Sie sich vorstellen, dass Frau Merkel aus diesem Auto aussteigt?" Paolo Tumminelli, Professor an der Köln International School of Design, gibt auch gleich die Antwort: "Natürlich geht das nicht." Wir stehen vor dem Mercedes F 125 in der Festhalle auf dem Messegelände in Frankfurt. Das Auto, 4,99 Meter lang und mit zwei überdimensionalen Flügeltüren ausgestattet, ist eine Designstudie und soll laut Mercedes einen formalen Ausblick "auf die S-Klasse der übernächsten Generation" geben. Und die S-Klasse, das ist traditionell jenes Modell von Mercedes, mit dem Regierungschefs, Konzernlenker oder A-Promis chauffiert werden.

Dass dereinst ein Typ wie das Forschungsfahrzeug F 125 als S-Klasse auf die Straße rollen könnte, scheint völlig illusorisch. "Das Innenraumkonzept ist nicht praktikabel", sagt Tumminelli, "außerdem ist es schwer, bei diesem Auto eine Markenidentität zu erkennen." Der Wagen sei typisch für den gegenwärtigen Trend im Autodesign, Karosserien wie Körper zu Formen. Es gebe keine klare Front- oder Seitenpartie mehr, einzig die Ansicht von schräg vorne lasse die Proportionen stimmig und harmonisch erscheinen. "Das aber ist nicht unbedingt die Formensprache der Zukunft", sagt Tumminelli, "denn bei dieser Art von Karosseriegestaltung wird enorm viel Platz verschwendet."

Wir wechseln in die Nachbarhalle 3, wo unter anderem der neue Porsche 911 präsentiert wird. "Man fragt sich als erstes, warum alles neu designt werden musste, wenn man so wenige Unterschiede zum Vorgängermodell erkennt", sagt Tumminelli. Beim näheren Hinschauen dann entdeckt der Design-Experte eine "irritierende Inkongruenz zwischen Front- und Heckpartie". Vorn folge der neue 911er der klassischen, Muschel-artigen Optik, hinten jedoch wird es plötzlich geometrisch mit Sicken und Kanten. Tumminellis Urteil: "Das ist unporschig."

Sportlichkeit? "Sportlichkeit ist der Sex des Automobils"

Nebenan, auf dem Stand von VW, knöpft sich der am Gardasee aufgewachsene und heute in Köln lebende Tumminelli zuerst den Beetle vor. "Dieses Auto ist eigentlich ein Beetle Coupé. Der Wagen wurde auf Teufel komm' raus auf Sportlichkeit getrimmt, denn Sportlichkeit ist der Sex des Automobils", erklärt der Designer. "Ich glaube allerdings nicht, dass das im Fall des Beetle funktioniert. Und über die Rücklichter werden sich die Fans des alten Käfers garantiert ärgern. Waren wirklich keine runden Rückleuchten möglich? Aus Kostengründen offenbar nicht", sagt Tumminelli. Überhaupt erkenne man sehr oft, dass der Zwang zu einer billigeren Produktion gute Designlösungen verhindere. Tumminelli: "Deshalb kritisiere ich nicht die Designer, sondern ausdrücklich nur das Autodesign." Dann legt er die Hand bis zum Gelenk in den Schacht zwischen Frontscheibe und Motorhaube und sagt: "Das hier ist Design-Horror."

Vor dem VW Up, dem neuen Kleinwagen aus Wolfsburg, der für viele Fachbesucher der Star der IAA ist, wundert sich Tumminelli "dass man um dieses Auto einen derartiges Brimborium machen muss". Optisch allerdings sei der Wagen gelungen. "Das Auto strahlt Klarheit, Substanz und Seriosität aus, und genau das ist die richtige Botschaft für Automobile dieser Größe. Dem Kunden wird signalisiert: 'Hey, diesen Kleinwagen nimmst du bitte ernst, das ist kein Spielzeug.'"

Glanzoberflächen? "Ich fahre doch kein iPhone"

Genervt ist Tumminelli jedoch von dem mit Glanzlack überzogenen Armaturenbrett. "Schon aus Sicherheitsgründen, wegen der Reflexe auf der Frontscheibe, sollte das verboten werden", sagt er. "Ich nenne das den iPhone-Trend, aber ich fahre nun mal kein iPhone." Man wisse ja, dass durch derartige Oberflächenveredelung billigster Kunststoff kaschiert werde. Im Grunde würden daher die Autokäufer durch diese Hochglanz-Spielerei für dumm verkauft.

Auch beim Probesitzen im neuen Fiat Panda ärgert sich Tumminelli über die glänzenden Flächen im Cockpit. Das Außendesign des Autos sei jetzt ebenso schrill wie das vieler anderer Kleinwagen, und im Innenraum gebe es einen Hang zum "Overdesign, weil das grafische Element des Quadrats praktisch allgegenwärtig ist". Man erkenne hier einen Hauch Citroën bei Fiat, und das sei "nicht positiv gemeint, denn auch Citroën neigt dazu, die Grafik von Autos zu stark zu betonen".

Kurze Zeit später steht Tumminelli allerdings vor der Citroën-Studie Tubik und ist hellauf begeistert. "Die Citroën-Designer machen seit zehn Jahren die besten Konzeptautos weit und breit. Da erkennt man Kreativität und Ironie, und das imponiert mir." Interessant am Tubik sei der Gedanke, das Auto als von der Außenwelt nahezu abgeschlossenen Kokon zu gestalten. "In diesem Jahr macht die erste Generation den Führerschein, die von Geburt an im Auto in wuchtigen Sitzen fest gegurtet wurde und die daher den Blick aus dem fahrenden Auto, das Gefühl von Beweglichkeit und vielleicht auch Freiheit, nie richtig erlebt hat."

Schmalspurautos? "Die Leute würden ausflippen"

Was hinführt zu der Frage, wie eigentlich künftige Autos geformt sein werden oder müssten. Tumminelli sieht vor allem drei Trends. "Wenn man über diese IAA streift, dann erkennt man überall die Abkehr von der bislang vorherrschenden Keilform, und das ist durchaus zu begrüßen. Zweitens lässt sich die Tendenz zu mehr Klarheit und weniger Firlefanz ausmachen. Das war nach der Retro-Phase auch dringend nötig. Das Autodesign braucht wieder mehr Wagnis und Seriosität."

Der dritte Trend dieser IAA seien zweifellos die neuen Schmalspurautos. "Die Leute würden 'ausflippen', wenn es solche Autos wirklich gäbe", sagt Tumminelli. Allerdings hätten Fahrzeuge wie VW Nils, Opel RAKe oder Audi Urban Concept nur dann eine Chance, wenn für sie Extra-Fahrspuren in den Städten eingerichtet würden. "In einem Schmalspur-Audi vor einem Q7 herzufahren, das möchte kein Mensch", sagt Tumminelli. "In Sachen Infrastruktur für diese neue und zugleich sehr ursprüngliche Form der Mobilität ist die Politik gefordert."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Es wird grau auf den Straßen
wanderprediger 23.09.2011
Zitat von sysopSeit Autohersteller das Design als Thema entdeckt haben, wird drauflos getüfelt: emotionale Skulpturen, dynamische Bodies, Tornadolinien. Bei einem IAA-Rundgang*bewertet*Design-Professor Paolo Tumminelli die Neuerungen. Fazit: Soviel Hässlichkeit war selten. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,787171,00.html
Um zu dieser Erkenntnis zu kommen , muss man nicht unbedingt Design-Professor sein. Das habe ich bereits im Forum zu -Familienautos auf der IAA: Bieder kommt wieder - Beitrag #8 + #11 - geschrieben. Aber schön, wenn man fachkundig bestätigt wird. Gerade im billig/günstig Segment ist die Hässlichkeit der Autosdurchweg kaum zum Aushalten.
2. Sehr interessant
Leser161 23.09.2011
Sehr interessant einmal etwas über die Hintergründe von Autodesign zu erfahren.
3. Na was denn nun?
freiheit79 23.09.2011
Einerseits beklagt sich der Mann über mangelnde Praktikabilität (Platzverschwendung), andererseits fordert er von der Politik (und somit vom Steuerzahler) die Einrichtung einer neuen Spur für Schmalspurfahrzeuge, was angesichts von Platzmangel, Finanzkrisen und ohnehin leeren Kassen nicht gerade praktikabel ist. Mich bestätigt der Artikel in meiner Meinung, dass die meisten Designer Dampfplauderer sind, deren Blick auf die Wirklichkeit von ihrem Elfenbeinturm aus getrübt ist und die sich viel zu wichtig nehmen.
4. Dynamische Bodies
autocritica 23.09.2011
Zitat von sysopSeit Autohersteller das Design als Thema entdeckt haben, wird drauflos getüfelt: emotionale Skulpturen, dynamische Bodies, Tornadolinien. Bei einem IAA-Rundgang*bewertet*Design-Professor Paolo Tumminelli die Neuerungen. Fazit: Soviel Hässlichkeit war selten. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,787171,00.html
Diese dynamischen Bodies, das Auto als Raubtier und Erweiterung des eigenen Körpers sozusagen, sind ganz schön hässlich. Erinnert mich immer an hässliche Jogging Turnschuhe, welchen wohl eine ähnliche Designfunktion zugedacht ist. Wie hässlich das Design bei vielen Marken in den letzten Jahren geworden ist, gerade bei Oberklasse und Sportwagen, wird einem dann bewusst, wenn man mal ein paar Klassiker aus den 70ern zum Vergleich heranzieht: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Lotus_Esprit_S1_1977_Fed.jpg&filetimestamp=20061223210248 http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Aston_Martin_Lagonda_West_London.jpg&filetimestamp=20091217203827 http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Maserato_4_porte_III_de_Valais_en_France.jpg&filetimestamp=20100716163139 http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:VW_Scirocco_I_orange_hr_TCE.jpg&filetimestamp=20070408103341 http://en.wikipedia.org/wiki/File:Lamborghini_Faena_1978_seitlich.JPG Meine Meinung.
5. Entschuldigung....
kljkl 23.09.2011
Zitat von sysopSeit Autohersteller das Design als Thema entdeckt haben, wird drauflos getüfelt: emotionale Skulpturen, dynamische Bodies, Tornadolinien. Bei einem IAA-Rundgang*bewertet*Design-Professor Paolo Tumminelli die Neuerungen. Fazit: Soviel Hässlichkeit war selten. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,787171,00.html
wer ist der Mann?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles zum Thema IAA 2011
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 68 Kommentare
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Studien auf der IAA: Diese Autos kommen nie auf die Straße
Aktuelles zu

Fotostrecke
Sportwagen auf der IAA: Lass' krachen!

Aktuelles zu