Kennen wir uns nicht? Auf den ersten Blick sieht die Studie namens Brivido, die der italienische Designer Giugiaro auf dem Genfer Autosalon zeigt, ein wenig aus wie der Lamborghini Espada aus den siebziger Jahren. Ein langer, flacher Sportwagen - mit vier echten Sitzen. Allerdings hat der Neuankömmling gigantische Flügeltüren, die hauptsächlich aus Glas bestehen und so weit zurück in den Fond reichen, dass man auch als Hinterbänkler bequem aus- und einsteigen kann.
Das Auto ist ein Traum - und wird es auch bleiben. An eine Produktion denkt niemand, es ist vielmehr eine Fingerübung für das an VW angedockte Designstudio Giugiaro und eine Spielwiese für die Entwickler des VW-Konzerns. Die Form mag von Früher sein, der Antrieb mit einem 360 PS starken V6-Kompressor samt Hybridmodul ziemlich gegenwärtig, viele technische Details weisen aber weit in die Zukunft.
Die Scheinwerfer zum Beispiel sind stolze 2,60 Meter lange LED-Leuchtbänder, die sich über die halbe Flanke der Flunder ziehen. Und innen gibt es jede Menge berührungsempfindlicher Flächen und Displays anstelle konventioneller Schalter sowie eine Docking-Station für das iPad vor dem Beifahrer und vom Bordsystem bespielte 3-D-Brillen für die Passagiere im Fond.
Der Autosalon in Genf war immer schon die Showbühne für automobile Eskapaden. Designstudien, die den Messebesuchern den Atem raubten - und danach in der Versenkung verschwanden. Visionen und futuristische Designs, die zu gewagt waren, als dass sie ihren Weg auf die Straße gefunden hätten. Auch dieses Jahr sind die Ufos in Genf gelandet - und weil sich die großen Hersteller mit exklusiveren Stücken zurückhalten und stattdessen vor allem handelsfertige Gebrauchsautos zeigen, fallen sie noch mehr auf.
Canale Grande im Auto
Bertone beispielsweise feiert seinen diesjährigen 100. Geburtstag mit der Studie Nuccio. Benannt mit dem Spitznamen von Giuseppe Bertone, der die Firma in den fünfziger Jahren zu einem angesehenen Dienstleister der internationalen PS-Branche gemacht hat, sieht das Auto aus wie ein Tarnkappenbomber auf Rädern. Dazu passen auch die Fahrleistungen: Immerhin ist hinter den Sitzen ein 4,3 Liter großer V8 mit 450 PS montiert, der in der Theorie locker für 300 km/h gut sein sollte.
Bei Pininfarina dreht sich der Cambiano im Rampenlicht. Der Luxusliner, eine Coupé-Version mit einer Tür und eine Limousine mit zwei gegenläufig angeschlagenen Portalen, lockt nicht nur mit einem Design, das den nächsten Maserati Quattroporte vorwegnehmen könnte. Die Studie geht auch bei Antrieb und Ambiente neue Wege. Innen ist der Wagen ausgeschlagen mit Holzpaneelen, die aus ausgemusterten Eichenpfählen in den Kanälen von Venedig gewonnen werden.
Noch verrückter aber ist der Antrieb: Ähnlich wie beim Jaguar CX-75 fungiert im Cambiano eine Jet-Turbine als Range Extender für den Elektroantrieb. Befeuert von ganz gewöhnlichem Diesel springt sie immer dann an, wenn die Akkus für die vier E-Motoren von zusammen mehr als 800 PS leer sind. So kommt der 275 km/h schnelle Wagen auf eine rein elektrische Reichweite von 200 Kilometern und muss im Ernstfall erst nach 800 Kilometern an die Box.
Opfergabe für ein bezauberndes Ufo
Die mit Abstand attraktivste Kreation auf dem Laufsteg der automobilen Eitelkeiten ist aber der Disco Volante der Carozzeria Touring aus Mailand. Die "Fliegende Untertasse" fußt auf einem legendären Oldtimer und zitiert nicht nur dem Namen nach den Alfa 1900 C52, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert und als Vorbild für Autos wie den Jaguar E-Type galt. Genau wie der Rennwagen von einst, ist auch der neue Disco Volante von fast außerirdischer Schönheit und erinnert mit seinem kuppelförmigen Aufbau und der betont waagrechten Gürtellinie tatsächlich an ein Ufo.
Die Technik des Schmuckstücks aus Aluminium und Karbon stammt ganz wie früher von Alfa Romeo: Unter dem neuen Kleid stecken die Plattform und der 470 PS starke V8-Motor des Supersportwagens 8C, von dem auch das Interieur weitgehend übernommen wurde. Anders als die Studien von Giugiaro, Pininfarina, Bertone und IED schafft es der fast 300 km/h schnelle Disco Volante sogar auf die Straße.
Denn genau wie bei dem vor zwei Jahren vorgestellten Bentley-Kombi Flying Star wollen die Italiener vom Disco Volante tatsächlich eine Kleinserie auflegen. Allerdings brauchen die Kunden bei einer Umbauzeit von etwa 4000 Arbeitsstunden und einem Preis von angeblich fast 500.000 Euro nicht nur acht Monate Geduld und ein gut gefülltes Bankkonto. Sondern sie müssen sich auch von einem anderen, ziemlich seltenen Auto trennen: Ohne einen Alfa 8C als Spenderfahrzeug kann das Ufo aus Italien nicht abheben.
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