Designstudien in Genf: Die Ufos sind gelandet

Aus Genf berichtet Tom Grünweg

Desingstudien auf dem Genfer Autosalon: Auftritt der Kreativen Fotos
Tom Grünweg

Tarnkappenbomber auf Rädern, Holzpaneelen aus venezianischem Eichenholz - die Designstudios von Pininfarina und Co. ziehen in Genf alle Register. Auch Studien mit Jet-Antrieb und im Ufo-Design stellen sie vor. Eine davon könnte tatsächlich bald auf der Straße fahren.

Kennen wir uns nicht? Auf den ersten Blick sieht die Studie namens Brivido, die der italienische Designer Giugiaro auf dem Genfer Autosalon zeigt, ein wenig aus wie der Lamborghini Espada aus den siebziger Jahren. Ein langer, flacher Sportwagen - mit vier echten Sitzen. Allerdings hat der Neuankömmling gigantische Flügeltüren, die hauptsächlich aus Glas bestehen und so weit zurück in den Fond reichen, dass man auch als Hinterbänkler bequem aus- und einsteigen kann.

Das Auto ist ein Traum - und wird es auch bleiben. An eine Produktion denkt niemand, es ist vielmehr eine Fingerübung für das an VW angedockte Designstudio Giugiaro und eine Spielwiese für die Entwickler des VW-Konzerns. Die Form mag von Früher sein, der Antrieb mit einem 360 PS starken V6-Kompressor samt Hybridmodul ziemlich gegenwärtig, viele technische Details weisen aber weit in die Zukunft.

Die Scheinwerfer zum Beispiel sind stolze 2,60 Meter lange LED-Leuchtbänder, die sich über die halbe Flanke der Flunder ziehen. Und innen gibt es jede Menge berührungsempfindlicher Flächen und Displays anstelle konventioneller Schalter sowie eine Docking-Station für das iPad vor dem Beifahrer und vom Bordsystem bespielte 3-D-Brillen für die Passagiere im Fond.

Der Autosalon in Genf war immer schon die Showbühne für automobile Eskapaden. Designstudien, die den Messebesuchern den Atem raubten - und danach in der Versenkung verschwanden. Visionen und futuristische Designs, die zu gewagt waren, als dass sie ihren Weg auf die Straße gefunden hätten. Auch dieses Jahr sind die Ufos in Genf gelandet - und weil sich die großen Hersteller mit exklusiveren Stücken zurückhalten und stattdessen vor allem handelsfertige Gebrauchsautos zeigen, fallen sie noch mehr auf.

Canale Grande im Auto

Bertone beispielsweise feiert seinen diesjährigen 100. Geburtstag mit der Studie Nuccio. Benannt mit dem Spitznamen von Giuseppe Bertone, der die Firma in den fünfziger Jahren zu einem angesehenen Dienstleister der internationalen PS-Branche gemacht hat, sieht das Auto aus wie ein Tarnkappenbomber auf Rädern. Dazu passen auch die Fahrleistungen: Immerhin ist hinter den Sitzen ein 4,3 Liter großer V8 mit 450 PS montiert, der in der Theorie locker für 300 km/h gut sein sollte.

Bei Pininfarina dreht sich der Cambiano im Rampenlicht. Der Luxusliner, eine Coupé-Version mit einer Tür und eine Limousine mit zwei gegenläufig angeschlagenen Portalen, lockt nicht nur mit einem Design, das den nächsten Maserati Quattroporte vorwegnehmen könnte. Die Studie geht auch bei Antrieb und Ambiente neue Wege. Innen ist der Wagen ausgeschlagen mit Holzpaneelen, die aus ausgemusterten Eichenpfählen in den Kanälen von Venedig gewonnen werden.

Noch verrückter aber ist der Antrieb: Ähnlich wie beim Jaguar CX-75 fungiert im Cambiano eine Jet-Turbine als Range Extender für den Elektroantrieb. Befeuert von ganz gewöhnlichem Diesel springt sie immer dann an, wenn die Akkus für die vier E-Motoren von zusammen mehr als 800 PS leer sind. So kommt der 275 km/h schnelle Wagen auf eine rein elektrische Reichweite von 200 Kilometern und muss im Ernstfall erst nach 800 Kilometern an die Box.

Opfergabe für ein bezauberndes Ufo

Die mit Abstand attraktivste Kreation auf dem Laufsteg der automobilen Eitelkeiten ist aber der Disco Volante der Carozzeria Touring aus Mailand. Die "Fliegende Untertasse" fußt auf einem legendären Oldtimer und zitiert nicht nur dem Namen nach den Alfa 1900 C52, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert und als Vorbild für Autos wie den Jaguar E-Type galt. Genau wie der Rennwagen von einst, ist auch der neue Disco Volante von fast außerirdischer Schönheit und erinnert mit seinem kuppelförmigen Aufbau und der betont waagrechten Gürtellinie tatsächlich an ein Ufo.

Die Technik des Schmuckstücks aus Aluminium und Karbon stammt ganz wie früher von Alfa Romeo: Unter dem neuen Kleid stecken die Plattform und der 470 PS starke V8-Motor des Supersportwagens 8C, von dem auch das Interieur weitgehend übernommen wurde. Anders als die Studien von Giugiaro, Pininfarina, Bertone und IED schafft es der fast 300 km/h schnelle Disco Volante sogar auf die Straße.

Denn genau wie bei dem vor zwei Jahren vorgestellten Bentley-Kombi Flying Star wollen die Italiener vom Disco Volante tatsächlich eine Kleinserie auflegen. Allerdings brauchen die Kunden bei einer Umbauzeit von etwa 4000 Arbeitsstunden und einem Preis von angeblich fast 500.000 Euro nicht nur acht Monate Geduld und ein gut gefülltes Bankkonto. Sondern sie müssen sich auch von einem anderen, ziemlich seltenen Auto trennen: Ohne einen Alfa 8C als Spenderfahrzeug kann das Ufo aus Italien nicht abheben.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Klasse!
Sapientia 07.03.2012
Zitat von sysopTarnkappenbomber auf Rädern, Holzpaneelen aus venezianischem Eichenholz - die Designstudios von Pininfarina und Co. ziehen in Genf alle Register. Auch Studien mit Jet-Antrieb und Ufo-Design stellen sie vor. Eine davon könnte tatsächlich bald auf der Straße fahren. Designstudien in Genf: Die Ufos sind gelandet - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Auto (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,819799,00.html)
und mit so einem Ding dann 80, 100, 120, 60, 80, 60, 100, oder dergleichen über die Autobahn; da lohnt sich die Anschaffung richtig.
2. wohl kaum
assiwichtel 07.03.2012
Zitat von Sapientiaund mit so einem Ding dann 80, 100, 120, 60, 80, 60, 100, oder dergleichen über die Autobahn; da lohnt sich die Anschaffung richtig.
Nicht über die Autobahn, sondern über die Landstraße. Und dann lohn sich die Anschaffung zwar immer noch nicht, macht aber Spaß!!
3.
iNSTEIN 07.03.2012
So spektakulär neu (und Ufo) finde ich die Designs aber gar nicht. Bertone recycelt sich überwiegend selbst (was nicht zwingend das Schlechteste ist) - jede zweite Karre in meinem 70er-Jahre-Quartett sah so aus. Wie weit (in Metern) kommt man denn mit so einem 800PS-Ungetüm bis der Diesel aushelfen muss? Gefallen tun sie mir natürlich trotzdem. Alle.
4.
LeToubib 07.03.2012
Zitat von iNSTEINSo spektakulär neu (und Ufo) finde ich die Designs aber gar nicht. Bertone recycelt sich überwiegend selbst (was nicht zwingend das Schlechteste ist) - jede zweite Karre in meinem 70er-Jahre-Quartett sah so aus. Wie weit (in Metern) kommt man denn mit so einem 800PS-Ungetüm bis der Diesel aushelfen muss? Gefallen tun sie mir natürlich trotzdem. Alle.
Mir nicht! Bertone mochte ich schon in den 1970ern nicht, die Designs von Pinin Farina jedoch umso mehr. Sie wissen ja sicherlich auch, dass das damals beinahe eine Glaubensfrage war! Mein Lieblingsdesigner (z.B. meines süssen kleinen roten englischen Autochens ;-) ), Giovanni Michelotti, war, bis er sich selbstständig machte, Chefdesigner bei Farina und man sieht bei jedem noch lebenden Michelotti-Wagen die Hand seines Lehrers Battista. Der "Disco volante" erinnert mich in der Frontansicht allerdings sehr arg an meinen Alfa Spider "coda tronca" 1300, den ich mir als Student zulegte - ein wirklich schöner Wagen, dem man leider beim Wegrosten zuschauen konnte, der zudem äusserst durstig war und ich ihn deshalb nach einem Jahr schweren Herzens wieder verkaufen musste - die Restaurierung wäre für mich zu teuer gewesen ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles zum Thema Genfer Auto-Salon
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
  • Zur Startseite
Facebook

Fotostrecke
Genfer Autosalon: Die können Sie bald kaufen

Aktuelles zu