Bankrott von Detroit: Abgesang auf die Autokultur

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Die Pleite Detroits ist ein Symbol für den Niedergang der amerikanischen Autokultur. Motor City ist damit endgültig Geschichte, glaubt der Branchenexperte Stefan Bratzel - denn die Chance auf einen Neuanfang ist bereits zum zweiten Mal vertan.

Schlimmer hätte es doch eigentlich nicht kommen können. Seit Jahrzehnten siechte Detroit vor sich hin, die Bewohner flüchteten aus dieser Stadt; vor der Arbeitslosigkeit, vor der Kriminalität, vor dem allgegenwärtigen Zerfall. "Motown" war längst am Boden. Aber es ging tatsächlich noch eine Stufe weiter runter - Detroit musste nun Insolvenz beantragen und sorgt damit für die größte Städtepleite der US-Geschichte.

Ihren einstigen Weltruf verdankte die Stadt im US-Bundesstaat Michigan vor allem der Kfz-Industrie. Detroit war die Autostadt schlechthin, "Motor City" eben. Sie lebte vom Erfolg der sogenannten Big Three, der dort ansässigen drei großen Fahrzeughersteller General Motors (GM), Chrysler und Ford. Letztendlich wurde der Stolz der Metropole zu ihrem Verhängnis: Als die Konzerne in die Krise schlitterten, begannen auch für die Stadt die schlechten Jahre. "Detroit ist ein Symbol für den Niedergang der amerikanischen Autoindustrie", sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach.

Die großen drei wurden überheblich

Dieser Niedergang begann dem Autoexperten zufolge bereits in den achtziger Jahren. "Damals hatten die US-Hersteller zwar noch eine Vormachtsstellung auf dem Fahrzeugmarkt", sagt Bratzel, "aber die japanischen Marken wurden immer stärker." Doch die Big Three nahmen die Konkurrenz - allen voran Toyota - nicht ernst. Anstatt ihre Produktpalette zu erweitern, überließen die US-Konzerne den Markt für Kleinwagen und sparsame Modelle den Asiaten. Detroit blieb den hochmotorisierten Spritsäufern treu. "Das war die erste verpasste Chance", sagt Bratzel.

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Autos aus Detroit: Die Ikonen der großen drei
Mit den Jahren bekamen die Amerikaner dadurch immer größere Probleme. Mit steigenden Spritpreisen an der Tankstelle verloren ihre Autos an Attraktivität, zudem holten die Japaner bei der Qualität und Verlässlichkeit auf. Die Absatzzahlen der Big Three sanken. Die Folge: Sie machten in Detroit Produktionsstätten dicht, Zulieferbetriebe mussten ebenfalls schließen. Die Finanzkrise beschleunigte den Höllentrip. 2008 dann die Bankrotterklärung - GM und Chrysler mussten um Staatshilfen betteln.

Mittlerweile haben sich die Autokonzerne von dem Absturz erholt, allerdings auf Kosten von Einsparungen und Stellenabbau. Der Niedergang von Detroit ging also weiter.

Den Status als aufregende Autometropole hat die Stadt damit endgültig eingebüßt: "Mittlerweile stehen andere Regionen in den USA für Innovationen und Fortschritt beim Fahrzeugbau", sagt Bratzel, "zum Beispiel Kalifornien, wo Tesla gerade erfolgreich Elektroautos entwickelt." Die Chance auf einen Neuanfang hat Detroit seiner Ansicht nach auch ein zweites Mal vertan.

Kein guter Ort für glanzvolle Auftritte

Die vergangene Detroit Auto Show lieferte dafür einen Beweis. Auf der Ausstellung präsentierten die Hersteller vor allem neue Pick-up-Trucks, Sportwagen und SUVs - mit viel Hubraum und hohem Verbrauch. Clevere Hybrid- oder E-Mobile suchte man dagegen vergebens. Dabei zählt die Detroit Auto Show zu den wichtigsten Veranstaltungen im Messekalender der Branche.

Aber auch damit könnte nun bald Schluss sein, sagt Stefan Bratzel. Denn zum einen wächst ihm zufolge die Bedeutung der Fahrzeugmessen in Peking oder Shanghai, weil China für die Hersteller eine Goldgrube ist. Und zum anderen verzichten große Autobauer mittlerweile oft auf große Messeauftritte, und präsentieren ihre neuen Modelle stattdessen dann, wenn es ihnen gerade passt - bestes Beispiel dafür ist Mercedes mit seiner neuen S-Klasse. Die Aufmerksamkeit ist ihnen sowieso gewiss.

Detroit, so glaubt Autoexperte Bratzel, wird deshalb von manchem Hersteller in Zukunft gemieden werden: "Denn wer will sein neues Fahrzeug schon an einem Ort präsentieren, der für die große Pleite steht?"

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insgesamt 56 Beiträge
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1. Detroit heute, Wolfsburg, Turin, Bochum....
cafe_kehse 19.07.2013
Zitat von sysopDie Pleite Detroits ist ein Symbol für den Niedergang der amerikanischen Autokultur. Motor City ist damit endgültig Geschichte, glaubt der Branchenexperte Stefan Bratzel - denn die Chance auf einen Neuanfang ist bereits zum zweiten Mal vertan. Detroit verliert nach der Pleite an Bedeutung für die Autoindustrie - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/detroit-verliert-nach-der-pleite-an-bedeutung-fuer-die-autoindustrie-a-912090.html)
Rüsselsheim, Eisenach, Köln etc. werden bald folgen. Erfahrungsgemäß kommt alles (Schlechte) aus den USA mit Zeitverzögerung nach Europa. Die Zeit der (Massen-)Automobile ist vorbei.
2. Dumm gelaufen
kingleo6 19.07.2013
Echt schade um eine Stadt die echt Potential hätte. Detroit ist an manchen Ecken mit Chicago mithalten aber alle Verantwortlichen haben hier alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. (Wohne seit 1,5 Jahren im Detroiter Raum)
3.
barlog 19.07.2013
Zitat von cafe_kehseRüsselsheim, Eisenach, Köln etc. werden bald folgen. Erfahrungsgemäß kommt alles (Schlechte) aus den USA mit Zeitverzögerung nach Europa. Die Zeit der (Massen-)Automobile ist vorbei.
Wozu diese Verallgemeinerung? Im Gegensatz zur US
4. Detroit nur der Anfang?
dannyandy 19.07.2013
Hier ist nun eine neue Blüte der Konkurswelle entstanden: Städtepleiten! Ich bin gespannt, wann deutsche Städte das nachmachen! Überschuldung ist ja reichlich vorhanden (Bremen, Berlin etc)
5.
muellerthomas 19.07.2013
[QUOTE=barlog;13274021]Wozu diese Verallgemeinerung? Im Gegensatz zur US
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