Elterntaxis Bahn investiert in Carsharing für Schulkinder

In den USA werden viele Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht, deshalb entstand GoKid, ein Carsharing-Dienst für Eltern. Die Deutsche Bahn hat sich an dem Start-up beteiligt. Ein Verkehrsklub befürchtet Schlimmes.

Elterntaxi
GoKid

Elterntaxi

Von Haiko Prengel


Beim Schulverkehr setzt die Deutsche Bahn AG künftig verstärkt auf Auto-Bringdienste und investiert in das US-Unternehmen GoKid. Das Start-up aus New York betreibt eine Plattform für elterliche Fahrgemeinschaften, um Kinder miteinander "sicher und pünktlich" in die Schule, zum Sport und zu anderen Freizeitaktivitäten zu bringen, wie der DB-Konzern erklärte. So werde Eltern das Leben weltweit leichter gemacht.

Die Idee von GoKid ist, Familien, Freunde und Nachbarn zu Fahrgemeinschaften zu organisieren. Der Vorteil: Nicht jedes Kind muss von seinen Eltern alleine gefahren werden, sondern mehrere Familien teilen sich einen Wagen. Die Fahrten können grundsätzlich nur von Teilnehmern übernommen werden, die auch ihre eigenen Kinder mit an Bord haben. In Echtzeit soll sich verfolgen lassen, wann die Kinder abgeholt werden, auf welcher Route sie unterwegs sind und wann sie beim Sport oder in der Schule angekommen sind. Eine Basisversion der App ist kostenlos, Zusatzfunktionen kosten 4,99 Dollar im Monat (etwa 4,40 Euro).

Über 100.000 Fahrten mit GoKid wurden bereits organisiert. "Unser Schwerpunkt ist derzeit noch die USA", sagt die Geschäftsführerin von GoKid, Stefanie Lemcke. In über 25 Ländern gebe es weitere Nutzer, auch in Deutschland. Offiziell sei der Marktstart hierzulande aber noch nicht erfolgt. Aus Sicht des DB-Konzerns kann GoKid in Deutschland das Kerngeschäft Bahn "sinnvoll ergänzen". Auch der Autohersteller Daimler engagiert sich bereits auf dem Carsharing-Markt und ist bei der US-Plattform Turo eingestiegen. Inzwischen können auch Nutzer in Deutschland über Turo ihre Privatautos tageweise vermieten.

Für den VCD ist GoKid "ein Grauen"

Beim täglichen Schulverkehr in Deutschland spielen bislang Busse, aber auch Regionalbahnen eine wichtige Rolle - insbesondere im ländlichen Bereich. Der ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD) kritisiert daher das Vorhaben der Bahn, in Sharing-Angebote mit Individualverkehr zu investieren.

"Aus unserer Sicht ist dieses Mobilitätsangebot von GoKid ein Grauen", sagt Anika Meenken, Fuß-, Rad- und Schulweg-Expertin beim VCD. "Wir setzen uns seit Jahren dafür ein, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr mit dem Elterntaxi in die Schule bringen." Es sei wichtig, dass Kinder selbstständig den Schulweg meistern, entweder zu Fuß oder mit dem Rad. Das stärke nicht nur ihr Selbstbewusstsein und ihre Sozialkompetenz, es wirke auch dem Bewegungsmangel vieler Kinder entgegen. Außerdem schadeten Elterntaxis der Umwelt und gefährdeten die Verkehrssicherheit im Schulumfeld, argumentiert Meenken.

Auch aus verkehrspolitischen Gründen forderte der Verkehrsclub die Bahn auf, das Investment in GoKid zu überdenken. Es bestehe die Gefahr, dass durch das Engagement im Individualverkehr das ohnehin schon löchrige ÖPNV-Netz weiter ausgedünnt werde - insbesondere in ländlichen Regionen. Dort sicherten Schulbusse und Regionalbahnen ein Mindestmaß an Mobilität und seien nicht nur für Kinder und Jugendliche wichtig, sondern auch für ältere und sozial schwache Menschen.

Bahn setzt auf die Entwicklung neuer Mobilitätsangebote

Die Deutsche Bahn verteidigte die Kooperation mit GoKid. Man investiere derzeit Rekordsummen in die Instandhaltung und den Ausbau des Schienennetzes sowie die Modernisierung von Zügen und Bussen, erklärte ein Konzernsprecher. Zugleich setze das Unternehmen auf die Entwicklung neuer Mobilitätsangebote, die das Verkehrsmittel Bahn vorteilhaft ergänzten. Dazu zählten insbesondere On-Demand-Services wie ioki, das in Hamburg in einem speziellen Einzugsgebiet gestartet ist, und Ridesharing-Modelle wie die von GoKid. Bei ioki holen Elektro-Shuttles Fahrgäste von jeder beliebigen Adresse ab und fahren diese zu einer gewünschten Haltestelle.

Nicht immer lasse sich der Weg zur Schule, zum Sportverein oder zum Badesee von Kindern zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen. Wo kein Bahnanschluss besteht oder Schulbusse aufgrund sinkender Schülerzahlen dem individuellen Bedarf von Eltern und Kindern nicht ausreichend gerecht werden können, stellten Fahrgemeinschaften wie für Kinder GoKid eine bequeme und umweltverträglichere Alternative zu Einzel-PKW-Fahrten dar, argumentiert die Bahn. Wie viel genau die Bahn in GoKid investiert hat, ist nicht bekannt.

Mehr zum Thema


insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Sleeper_in_Metropolis 20.08.2018
1.
Zitat : "In den USA werden viele Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht.." Klingt so, als ob das etwas weltweit außergewöhliches wäre. Soweit ich weiß, werden leider auch hierzulande viele Kinder mit dem Auto zur Schule gekarrt. (Das "leider" bezieht sich auf die Fälle, in denen die Strecke von den Kindern auch problemlos zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigt werden könnte) Zur Sache an sich : Wenn sich schon die Elterntaxis nicht vermeiden lassen, sind doch Fahrgemeinschaften immer noch besser als wenn weiterhin jedes Kind einzeln von der SUV-Mutti zur Schule gefahren wird.
teflonhirn 20.08.2018
2. Wie erfolgreich der Einsatz des Clubs ist
kann man vor jeder beliebigen Schule besichtigen. Fahrgemeinschaften wären eine Verbesserung
salomohn 20.08.2018
3. Guerilla-Manager?
Bei der Bahn habe ich seit Jahren das Gefühl, daß das Management Entscheidungen zugunsten der Autoindustrie trifft und gegen den Schienenverkehr. Sind es vielleicht gezielt eingeschleuste Leute? Der Gedanke scheint mir angesichts der nachgewiesenen illegalen Aktivitäten der Autohersteller nicht abwegig.
Nania 20.08.2018
4.
Mein Tipp: erst einmal abwarten. Die USA sind ein völlig anderes Land als Deutschland. Der ÖPNV ist dort häufig kaum existent und die Wege, je nach Bundesstaat und Wohnort, extrem lang. Da kann es einfach sinnvoll sein das Auto zu nehmen, weil es keine echte Alternative gibt. Das ist in Deutschland an vielen Stellen zumindest (noch) anders. Klar, Kinder sollen mehr Rad fahren, aber dazu müsste eigentlich erst einmal der Schulweg wieder sicher werden. 1996, als ich ungefähr in der ersten Klasse war, da gab es noch einen richtigen Schulbus, man musste sich nicht in den Linienbus quetschen. Der Bus fuhr insgesamt auf seiner Strecke vier Haltestellen an und nur Schulkinder durften zusteigen. Er fuhr passend und zu einer angemessenen Uhrzeit. Wir waren pünktlich in der Schule, aber nicht, wie später einige Klassenkameraden von mir, eine Dreiviertelstunde zu früh. Später bin ich mit dem Rad gefahren, es waren auf den Strecken zur Grundschule und zum Gymnasium aber auch kaum Autos unterwegs. Wenn ich mir heute, in einer deutlich größeren Stadt, anschaue, wo die Schulen zum Teil liegen und welche gigantischen Straßen da überquert werden müssen (im Zweifel: siebenspurig!) kann ich verstehen, warum Eltern ihre Kindern lieber nicht (allein) mit dem Fahrrad fahren lassen. Das ist vielleicht helikoptern, aber der Verkehr ist in den letzten 20 Jahren nicht weniger geworden - sondern mehr. Und das wirkt sich natürlich auch auf Schulwege aus. Und hier in der Stadt fährt kein einziger richtiger Schulbus mehr. Da quetschen sich schon die I-Dötzchen in die Linienbusse, die zum Teil wirklich unmöglich fahren.
senapis 20.08.2018
5. Schulen abreissen...
...und durch Neubauten in Einkaufszentren am Stadtrand ersetzen. Hier sind wenigsten die Verkehrszuwächse schon eingeplant. Ein schwachsinniges Konzept! Seit vielen Jahren fordern alle Schulleiter die Eltern der Erstklässler auf, diesen "Service" zu unterlassen. Und es gibt viele gute Gründe dafür.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.