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11. Januar 2012, 16:23 Uhr

Deutsche Hybridautos in Detroit

Wir haben's kapiert

Aus Detroit berichtet

Diesel, Diesel, Diesel: Jahrelang versuchten deutsche Hersteller, den Amerikanern den Dieselantrieb als Spritsparmaßnahme anzudrehen - ohne Erfolg, die US-Kunden kauften stattdessen Hybridautos. Jetzt lenken Mercedes, BMW und VW endlich ein.

Es war ein lustiger Kampf, der da in den letzten Jahren zwischen den deutschen Autoherstellern auf der einen und den amerikanischen Kunden auf der anderen Seite ausgetragen wurde. Mit viel Energie versuchten die deutschen Manager, dem Dieselantrieb in den Staaten zum Durchbruch zu verhelfen, aufwendig wurde die Selbstzündertechnik als das physikalisch und wirtschaftlich klügere Konzept des Spritsparens beworben.

Doch die US-Kunden blieben stur, Diesel blieben in den USA gemessen an der Größe des Marktes beinahe unverkäuflich. Und die deutschen Autohersteller verpassten ob ihrer Diesel-Euphorie den Hybrid-Hype. Die US-Zulassungszahlen des vergangenen Jahres sprechen Bände: Während kaum 100.000 Autos mit Dieselmotor verkauft wurden, waren es beinahe dreimal so viele mit Hybridantrieb.

Ja, darunter waren auch einige wenige Modelle deutscher Herkunft, doch die Hybridvarianten von Mercedes S- oder M-Klasse, von BMW 7er oder X6, vom VW Touareg oder den Porsche-Typen Cayenne und Panamera sind sehr teuer, können zum Teil nicht rein elektrisch fahren und sind jedenfalls keine Autos für den Massenmarkt wie etwa Toyota Prius oder Ford Escape Hybrid.

Endlich elektrisch

Genau dieses Manko beseitigen die deutschen Hersteller gerade auf der Autoshow in Detroit. Mercedes, BMW und VW stellen dort neue Hybridmodelle vor, die massentauglich sind. Am deutlichsten wird das am VW Jetta. Von der Stufenhecklimousine setzten die Niedersachsen im vergangenen Jahr rund 150.000 Exemplare in den USA ab - und künftig gibt es den Wagen auch mit elektrischem Hilfsantrieb.

Der 27 PS starke Elektromotor wird kombiniert mit einem 1,4 Liter großen TSI-Benziner, der 150 PS entwickelt. Die elektrische Energie wird in einem Lithium-Ionen-Akku im Heck gespeichert. Die E-Maschine unterstützt den Ottomotor beim Anfahren und kann das Auto auch rund zwei Kilometer weit selbständig, abgasfrei und nahezu lautlos voranbringen. Zudem schaltet die Elektronik den Benziner beim lässigen Cruisen auf dem Highway so oft wie möglich ab - die Techniker sagen, das Auto segle dann.

Resultat dieser Spritsparbemühungen ist ein Durchschnittsverbrauch von 45 "miles per gallon" (mpg) oder umgerechnet etwa 5,2 Liter. "Das sind 20 Prozent weniger als bei einem konventionell angetriebenen Fahrzeug in dieser Klasse", sagt VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg. Im Stadtverkehr könne der Verbrauchsvorteil sogar auf 30 Prozent steigen.

BMW nutzt den Hybridantrieb für einen sportlichen Auftritt

Auch BMW steht in Detroit unter Strom. Die Bayern zeigen zwei neue Autos mit Akku im Kofferraum, für die sie große Absatzerwartungen haben. Es handelt sich um die Hybridversionen von BMW 5er und 3er. Letztere Baureihe macht mehr als ein Drittel des US-Geschäfts der bayerischen Autobauer aus - davon soll auch die Hybridversion profitieren.

Anders als VW aber positioniert BMW das Hybridmodell nicht als Knauser, sondern als Sportskanone. Der E-Motor leistet 54 PS und beim Verbrenner handelt es sich um einen drei Liter großen Sechszylinder. Beide Motoren zusammen leisten 340 PS und machen das Auto damit zum bislang stärksten Typen der neuen 3er-Reihe. Der Durchschnittsverbrauch liegt nach BMW-Angaben bei 6,4 Liter je 100 Kilometer.

Mercedes nimmt sich in ähnlicher Weise des Hybridthemas an. Das Modell E 400 Hybrid mit einem V6-Benziner kommt ebenfalls auf insgesamt 340 PS. Der Verbrauch dieses Autos liegt bei 27 mpg oder umgerechnet 8,7 Liter je 100 Kilometer - von einem Sparmodell muss man da natürlich nicht mehr sprechen. Audi zeigt in Detroit zwar kein neues Hybridmodell, plant aber, im Laufe des Jahres das SUV-Modell Q5 sowie die Limousinen A6 und A8 jeweils mit Hybridantrieb auf dem US-Markt zu platzieren.

In Deutschland fahren Hybridautos hinterher

"Die neuen Hybridmodelle auf der Autoshow sind wie maßgeschneidert für den US-Markt", sagt Professor Franz-Rudolf Esch, Automobilmarketing-Fachmann an der European Business School in Oestrich-Winkel. In Deutschland hingegen dürften die Autos allenfalls in homöopathischen Stückzahlen verkauft werden. Die Hybridskepsis der heimischen Kundschaft ist ein Grund, weshalb die deutschen Hersteller die Technik eher stiefmütterlich behandeln: Das Kraftfahrtbundesamt in Flensburg registrierte in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres lediglich 11.358 Neuzulassungen von Hybridautos.

Vielleicht finden die europäisch-amerikanischen Vorlieben - also Dieselmotor und Hybridantrieb - demnächst doch noch zusammen. Denn nach Peugeot und Citroën hat nun auch Mercedes entdeckt, dass man noch mehr sparen kann, wenn man den E-Motor mit einem Diesel zusammenspannt. Neben den auf den US-Markt zugeschnittenen E 400 Hybrid steht deshalb in Detroit auch der E 300 Bluetec Hybrid, der bei 233 PS auf einen Verbrauch von 4,2 Litern kommt. Das macht den Wagen in den Augen von Entwicklungschef Thomas Weber "zur sparsamsten Business-Limousine der Welt".

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