Studie zur Verkehrswende Am Ende steigen die Deutschen doch ins Auto

Fahrradfahren und Carsharing liegen im Trend - trotzdem bleibt das Auto Verkehrsmittel Nummer eins. Pro Haushalt gibt es im Schnitt nun sogar mehr als einen Pkw.

Stadtbahn in Hannover (Symbolbild)
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Stadtbahn in Hannover (Symbolbild)


Das Auto ist weiterhin der wichtigste Verkehrsträger in Deutschland, wird aber tagsüber die überwiegende Zeit geparkt und ist nur 45 Minuten in Benutzung. Das sind Kernergebnisse der Studie "Mobilität in Deutschland 2017", die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Der Untersuchung zufolge werden in Deutschland 43 Prozent der Wege mit Auto oder Motorrad zurückgelegt - der Wert hat sich seit der vorangegangenen Erhebung 2008 nicht geändert. Gleichzeitig nutzen aber auch immer mehr Menschen Carsharing-Angebote und fahren vor allem in Großstädten mit dem Rad oder mit Bus und Bahn.

Die "Verkehrswende" sei in Ansätzen sichtbar, aber bei Weitem nicht vollzogen. "Insgesamt und vor allem außerhalb der Städte bleibt das Auto, insbesondere bei dem Blick auf die Kilometerleistung, mit großem Abstand Verkehrsträger Nummer eins", heißt es in der Studie des Instituts für angewandte Sozialwissenschaft.

Autos stehen die meiste Zeit

Dabei sind Fahrzeuge meistens Stehzeuge: Ein Pkw ist an einem mittleren Tag - also nicht an einem Spitzentag wie Samstag, an dem viel gefahren wird - im Schnitt ganze 23 Stunden und 15 Minuten außer Betrieb.

Private Elektroautos machen in dieser Hinsicht kaum einen Unterschied. Zudem gibt es in Haushalten mit einem Batteriefahrzeug meist noch andere Wagen mit einem konventionellen Antrieb, also Diesel oder Benziner. Nur ein Viertel der E-Autos sind laut Untersuchung die einzigen Autos im jeweiligen Haushalt.

E-Autos wären für Alltagsverkehr geeignet

Elektrofahrzeuge werden intensiv vor allem auf kurzen Strecken genutzt, weniger bei langen Distanzen. Insgesamt sind aber ohnehin fast zwei Drittel der Pkw-Fahrten im Alltagsverkehr kürzer als zehn Kilometer, wären also kein Problem für derzeit erhältliche E-Autos. Dies zeige, dass Elektroautos alltägliche Mobilitätsbedürfnisse gut erfüllen können, sagte Verkehrsstaatssekretär Gerhard Schulz.

Der Absatz von E-Autos in Deutschland steigt zwar, allerdings auf niedrigem Niveau. Als Hauptgründe gelten die geringere Reichweite, der vergleichsweise hohe Preis sowie eine bisher nicht flächendeckende Ladestelleninfrastruktur.

Mehr als ein Auto pro Haushalt

Insgesamt ist die Pkw-Flotte in den vergangenen Jahren auf etwa 43 Millionen Fahrzeuge in privaten Haushalten gewachsen. Damit kommt jetzt mehr als ein Auto auf jeden Haushalt - das war 2008 noch nicht so.

Der Autobesitz nehme insbesondere in ostdeutschen Bundesländern und in ländlichen Regionen zu. So verfügen außerhalb der Städte 90 Prozent der Haushalte über mindestens ein Auto. Außerdem wächst laut Studie die Zahl schwerer Fahrzeuge, die viel Kraftstoff verbrauchen. Der Anteil von SUV, Geländewagen und Vans habe sich in den befragten Haushalten im Vergleich zu 2008 von etwa zehn auf nun etwa 20 Prozent verdoppelt.

Auf längere Sicht zeigt sich der Studie zufolge aber ein leichter Rückgang beim Anteil des motorisierten Individualverkehrs am Gesamtverkehr - von 44 Prozent im Jahr 2002 auf 43 Prozent im Jahr 2017. Beifahrer eingerechnet, wird das Auto für 57 Prozent der Wege genutzt (2002: 60 Prozent). Zu den Gewinnern zählten dagegen der öffentliche Nahverkehr und das Fahrrad - diese Verkehrsmittel legten seit 2002 jeweils um zwei Prozent zu.

Weniger Menschen machen einen Führerschein

Junge Erwachsene in den größeren Städten seien "weniger Auto-orientiert als ihre Altersgenossen" in den vergangenen Jahren, heißt es weiter. Dies drücke sich auch darin aus, dass weniger junge Menschen einen Führerschein machen. 87 Prozent der Deutschen ab 17 Jahren verfügten laut Untersuchung 2017 über eine Fahrerlaubnis - das waren zwei Prozentpunkte weniger als 2008.

Das Verkehrsministerium hatte nach 2002 und 2008 das Institut für angewandte Sozialwissenschaft im Jahr 2017 zum dritten Mal mit der Studie beauftragt. An der Studie hatten sich mehr als 60 regionale Partner beteiligt, mehr als 150.000 Haushalte wurden befragt.

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ene/dpa

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insgesamt 179 Beiträge
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echoanswer 14.11.2018
1. Am Ende muss
der Deutsche ins Auto steigen. Auf dem Land brauchen Mutter, Vater und das Kind in der Ausbildung ein Auto. Weil es keinen öffentlichen Nahverkehr mehr gibt. Ohne Auto keine Versorgung, kein Arzt, kein Job, keine Schule. Schulwege von 50km zum nächsten Gymnasium sind kein Einzelfall. Das Geschwätz der Politiker und Analysten ist unerträglich, wenn gleichzeitig durch Sparmaßnahmen an den falschen Stellen alle Alternativen abgeschafft werden. Falls es auf dem Land doch noch Busse oder gar Bahn geben sollte, dann ist ein eigenes Auto auch noch billiger in der Unterhaltung als die Fahrpreise. Die Verlogenheit deutscher Politik ist weltweite Spitze.
j.ogniewski 14.11.2018
2. Ein paar Kommentare
1. Das Elektro-Autos Zweitfahrzeuge sind sollte einleuchten. Ein Auto muss alles leisten, was man damit unternehmen muss/will, da hilft auch das oft bemühte Argument nicht, dass Elektro-Autos für die meisten Fahrten ausreichend wären. Die meisten sind halt nicht alle. 2. Ausserhalb der Städte sind Öffis einfach keine richtige Alternative - zu wenig Strecken, zu wenig frequentiert, zu langsam, zu teuer. Da sollte es nicht wundern, dass die meisten da Auto fahren, oft sogar darauf angewiesen sind. 3. Um die Verkehrswende zu beschleunigen, müsste massiv in die Alternativen zum Auto investiert werden. Mehr Busslinien, häufigere Abgänge, billigere Tickets (am besten kostenlos), bessere Radwege. Die Alternativen auszubauen macht auch mehr Sinn als jede Verbots-Debatte.
Moppelkotze 14.11.2018
3. Alternative?
Welche Alternativen zum Auto gibt es denn auch auf dem Land? Carsharing/ÖPNV? Pustekuchen. Insbesondere für Schichtarbeiter. Hier fahren fast keine Busse vor 8 Uhr und wenn dann nur alle 1-2 Stunden und bis maximal 20 Uhr. Damit können die allerwenigsten auf das Auto verzichten.
luganorenz 14.11.2018
4. Grund für den geringen Absatz von e-Autos?
Es gibt sie nicht zu kaufen! Ich bin mir sicher, das ein E-Touran oder ein E-Octavia weggingen wie warme Semmeln.
st.esser 14.11.2018
5. Überwiegend Kurzstrecken
Auch bei mir sind wahrscheinlich über 95% der Fahrten kürzer als 20 Km, aber trotzdem kommen etwa die Hälfte der Jahreskilometer von Langstrecken über viele hundert Kilometer. Das Argument, dass fast alle Strecken kurz sind, ist nur relevant wenn es praktikable Alternativen für die langen Strecken gibt, und für mich ist das definitiv nicht der Fall - das dürfte für viele Andere auch gelten. Wenn ich im inneren Stadtgebiet einer Großstadt leben würde, dann könnte ich meine Reisen weitgehend mit Bahn und Bus erledigen, aber selbst dann bleiben Urlaubsfahrten mit Familie und mehr Gepäck als man sinnvoll im Zug mitnehmen könnte, für die ich ein eigenes Auto haben wollte. Und zwar eins, das auch 800 Km ohne längere Zwangspausen fährt.
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