Deutschlands berühmteste Raststätte Pop-Art am Checkpoint Bravo

Letzter Stopp vor der Fahrt durchs Niemandsland: Die Autobahnraststätte am Tramper-Treff Dreilinden war vor 1989 das wichtigste Tor Westberlins - wer über Helmstedt in die BRD fuhr, musste hier durch. Der knallrote Bau stand lange leer, jetzt soll er wiederbelebt werden - als eine Art Erlebnispark.

Von

Anne Haeming

Hajo Mattern deutet auf die Gebäude hinter dem vorbeidonnernden Autobahnverkehr: "Da drüben sind die alten Tankstellen, da der Kontrollpunkt und dort auf dem Mittelstreifen steht immer noch der Berliner Bär." Mattern steht auf dem Dach der Raststätte Dreilinden. Er muss sich ein wenig bücken, um durch die Schlitze in der über zwei Meter hohen Betonfassade zu schauen. Wie Schießscharten geben sie die Sicht frei auf eines der wichtigsten Areale deutscher Nachkriegsgeschichte.

Die Raststätte selbst ist der markanteste Bau des Ensembles, diese knallrote Burg der Pop-Moderne, vier Stockwerke Beton, oben windet sich ein stahlblauer Turm in fetten Ringen himmelwärts; früher drehte sich auf der Spitze ein gelbes "R", wie "Raststätte". Und Hajo Mattern ist der Architekt, der das Gebäude in den kommenden Monaten gerne sanieren würde.

"Grenzübergangstelle Drewitz", "Kontrollpunkt Dreilinden" oder "Checkpoint Bravo", alle meinen das gleiche: Den Grenzübergang bei Berlin-Dreilinden, jenes Nadelöhr, durch das alle mussten, die über die Transitstrecke nach Helmstedt und dann in die Bundesrepublik gelangen wollten. Es war der größte Grenzübergang zwischen den beiden deutschen Staaten, und die Raststätte Dreilinden lag mittendrin.

Das Ensemble in Rot-Gelb-Blau ist denkmalgeschützt, die Raststätte stand jahrelang leer. Im vergangenen Herbst kaufte ein Berliner Unternehmer den roten Zylinderbau. Er will, dass Dreilinden wieder genutzt wird. Als Hotel vielleicht, ein als Treffpunkt für Oldtimerfans. Mattern ist für die Umbaupläne zuständig. "Dort vielleicht ein American Diner. Er schwenkt im Erdgeschoss den Arm durch den Raum, "da eine Lounge, eine Bar", schlägt er eine Etage höher vor, "und hier natürlich eine Dachterrasse, mit Sonnensegel", sagt er und läuft über die Teerpappe auf dem Dach, sie wellt sich.

Es waren die frühen siebziger Jahre

"Außen Lego, innen Raumschiff Enterprise", beschreibt der 59-Jährige den Bau. Ecken gibt es nirgends, selbst die Fenster sind abgerundet, Fliesen und Heizungsverkleidung ebenso. Türen biegen sich konkav, loungeähnliche Raumteile wirken wie "from outer space". Es waren die frühen siebziger Jahre, und das war der letzte Schrei. Rainer G. Rümmler, der Architekt der Anlage, baute Dutzende Berliner U-Bahnhöfe, mit Verkehrsknotenpunkten kannte er sich aus. 1971 wurde das Transitabkommen zwischen DDR und BRD unterzeichnet, zu der Zeit liefen die Bauarbeiten am Checkpoint Bravo. Zwei Jahre später war Eröffnung.

Die Autos zischen westwärts und ostwärts über die heutige A115. Bis 1990 schlichen die Wagen - vor dem Zoll herrschte Dauerstau. Damals war Dreilinden eine Art Tramper-Paradies. Die Anhalter standen direkt neben der Autoschlange auf dem Seitenstreifen, 100 oder 150 junge Leute mit Pappschildern. "Freitagnachmittag war Rush Hour", sagt Dominik Keller, damals Student in Berlin.

Alle zwei Wochen schlug er sich von Dreilinden aus zu seiner Freundin ins Ruhrgebiet durch. "Und trotzdem musste ich nie länger als eine Viertelstunde warten." Alle wussten, es gab nur diesen einen Weg nach draußen, fast jeder Fahrer im Grenzstau nahm Tramper mit. "Wir waren so etwas wie eine Solidargemeinschaft", sagt Keller.

Er erinnert sich an "Waffen, Munition, Funkgeräte?", jene Standardfrage, die die Grenzer durchs offene Autofenster riefen. Und an die unsichtbaren Förderbänder der DDR-Beamten, welche die Westpässe 30 Meter weiter zum nächsten Kollegen beförderten. An das Du-Dumm-Du-Dumm der Betonplatten auf der DDR-Autobahn. An die manisch überwachte Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 Stundenkilometern, die ein Trucker, der ihn mal mitnahm, mit Karacho überschritt, weil ihm Kollegen wie immer die aktuelle Position der Radarfallen durchgefunkt hatten. Die zwei Stunden zwischen Dreilinden und Helmstedt, Helmstedt und Dreilinden glichen einer Fahrt durch Niemandsland.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
retmar 03.07.2010
1. ....
Zitat von sysopLetzter Stopp vor der Fahrt durchs Niemandsland: Die Autobahnraststätte am Tramper-Treff Dreilinden war vor 1989 das wichtigste Tor Westberlins - wer über Helmstedt in die BRD fuhr, musste hier durch. Der knallrote Bau stand lange leer, jetzt soll er wiederbelebt werden - als eine Art Erlebnispark. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,700973,00.html
In die BRD fuhren damals nur verbiesterte SEW-Mitglieder. Alle anderen Westberliner fuhren nach Westdeutschland.
hippo-jk 03.07.2010
2. Ergänzung
Zitat von sysopLetzter Stopp vor der Fahrt durchs Niemandsland: Die Autobahnraststätte am Tramper-Treff Dreilinden war vor 1989 das wichtigste Tor Westberlins - wer über Helmstedt in die BRD fuhr, musste hier durch. Der knallrote Bau stand lange leer, jetzt soll er wiederbelebt werden - als eine Art Erlebnispark. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,700973,00.html
Nicht nur die paar Kilometer nach Helmstedt (180), sondern auch nach Bayern musste man hier durch: 280km waren das, mit bis zu 22 Blitzern (gezählt natürlich nur die gesichteten) auf der Strecke... die bin ich dutzende Male gefahren, war mit den Schlaglöchern auf DU. Übrigens: Im Restaurant war Anfang der 80'er ein Bikertreff, also so ungenutzt war der Bau nun doch nicht! Macht was Nettes draus, das Gebäude hat es verdient!
toledo, 03.07.2010
3. .....
Zitat von retmarIn die BRD fuhren damals nur verbiesterte SEW-Mitglieder. Alle anderen Westberliner fuhren nach Westdeutschland.
Korrekt! Und ich erinnere mich, dass ich auch immer mein CB Funkgerät trotz Verbotes eingeschaltet hatte, weil sich die Trucker die Standorte der DDR-Abgreifer durchgefunkt haben! Ihre Unterhaltungen waren besser als das gesamte Radioprogramm!
seppiverseckelt 03.07.2010
4. An was ich mich erinnere...
...bei meinem ersten und einzigen Berlin-besuch vor dem Fall der Mauer im März/April 89, das war der überaus einschüchtern- sollende und auf jeden Fall bedrohliche Eindruck den die dort am Kontrollpunkt Drewitz/Dreilinden auf Betonsäulen hochgestellten SowjetPanzer damals auf mich ausübten- Psychologische Einschüchterung knallhart praktiziert !
hirsnemehism 03.07.2010
5. stimmt,...
Man fuhr nach Westdeutschland. Und zwar nicht aus Westberlin, sondern aus Berlin (West)! In diesem Zusammenhang gab es jede Menge Diskussionen mit Volkspolizei und DDR-Grenzern. Übrigens kam man nicht immer innerhalb einer Viertelstunde weg. Ich kann mich erinnern, einmal im Winter als Tramper Treppen in die dort zusammengschobenen Schneehaufen getrampelt zu haben! ...bis in zwei Meter Höhe!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.