Caterham plant neues Modell: Versündigung an der Sieben

Von Jürgen Pander

Caterham SP/300R: Rasende Blaupause Fotos
CATERHAM

Caterham kündigt Unerhörtes an: Seit mehr als 50 Jahren halten die Briten mit dem Seven an einem einzigen Sportwagenmodell fest - doch bald soll ein neues Auto den Klassiker ablösen. Schon die ersten, spärlichen Informationen zum Nachfolger könnten allerdings die Traditionalisten in Rage bringen.

So konsequent reduziert wie der Caterham Seven ist kaum ein anderer Sportwagen. ABS? Gibt's nicht. ESP oder Antischlupfregelung schon gleich gar nicht. Und Klimaanlage oder elektrische Fensterheber fehlen natürlich auch - das Auto hat ja nicht einmal Seitenscheiben.

Das Prinzip des "Kein-Gramm-mehr-als-nötig" hat Tradition: Die Ur-Konstruktion des Autos stammt von Lotus-Gründer Colin Chapman, der 1957 den Lotus Seven vorstellte. Seit 1973 baut Caterham den bis heute im Prinzip unveränderten Wagen als Caterham Seven. Das Konzept von Leichtbau in Vollendung geht auf. Dem 550 Kilogramm schweren Caterham Seven Roadsport reichen 175 PS, um in 4,8 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 zu beschleunigen.

Vielen Deutschen reicht das aber offenbar nicht. "Das Auto ist zwar barbarisch schnell", sagt Kurt Hoffmann, Geschäftsführer von Caterham in Deutschland mit Sitz in Neuwied. "Trotzdem ist es hierzulande problematisch, einen Sportwagen mit 175 PS zu verkaufen." Das Gros der Kunden scheint Autos erst dann als rasant anzuerkennen, wenn der Leistungswert fast schon obszön hoch ist. Caterham Deutschland setzt jedenfalls gerade mal 20 Autos pro Jahr ab, insgesamt werden jährlich etwa 500 Fahrzeuge verkauft.

Von null auf hundert in unter vier Sekunden

Allerdings werde der inzwischen 55 Jahre alte Seven "weiter gepusht", wie Hoffmann sagt. "Im kommenden Jahr wird es einen Kompressor-Motor für den Wagen geben, mit einer Leistung zwischen 230 und 240 PS und zu einem Preis von rund 50.000 Euro." Der Beschleunigungswert dürfte damit unter vier Sekunden fallen. Gleichzeitig, so Hoffmann, solle damit das Interesse hiesiger Sportautofahrer am englischen Evergreen wieder steigen.

Aber ist der Caterham Seven mittlerweile vielleicht einfach zu alt, um sich in ein modernes Auto verwandeln zu lassen? Diese Befürchtung scheint jedenfalls das Management um Firmenchef Graham Mcdonald zu haben. 2015 soll deshalb die Zeit reif sein, ein komplett neues Fahrzeug auf den Markt zu bringen.

Eine gewagte Ankündigung - denn mit Schaudern dürften sich die Briten an das Jahr 1994 erinnern: Damals wollte man den Seven durch den Caterham 21 ersetzen, ein im Vergleich zum Original mit seinen frei stehenden Rädern und dem Design aus den fünfziger Jahren ein normaler Sportwagen. Und damit für die Fans der Marke ein verweichlichtes Auto.

Die Sache ging gründlich schief, nach 48 gebauten Exemplaren wurde das teure Experiment wieder eingestellt. Anschließend konzentrierte man sich wieder voll und ganz auf den Seven.

Französische Motoren für englischen Kultsportwagen?

Damit sich dieses Desaster nicht wiederholt, soll das kommende Modell ähnlich puristisch sein wie der Seven. Dass Caterham neue Autos nach altbewährter Rezeptur bauen kann, beweist die Firma mit dem Rennsportmodell SP/300R. Von dem rund 100.000 Euro teuren Boliden wurden bereits einige Exemplare ausgeliefert. Das in Kooperation mit Lola entwickelte Rennauto besteht aus einem Monocoque-Chassis aus Aluminium und einer siebenteiligen Karosserie aus Polyurethan. Angetrieben wird der 545 Kilogramm schwere und nur 1,01 Meter hohe Flachmann von einem Zwei-Liter-Kompressormotor von Ford. Die 305-PS-Maschine beschleunigt den Wagen in 2,8 Sekunden von 0 auf 100.

Wie es bei Caterham heißt, sollen Details aus dem SP/300R auch für den geplanten Straßenflitzer übernommen werden. Geändert wird aber offenbar nicht nur das Äußere. Unter der Haube nämlich wird eine Revolution stattfinden - und aller Voraussicht nach wird es eine französische. Denn der Antrieb des neuen Sportwagens wird wohl gemeinsam mit dem Formel-1-Partner Renault entwickelt. Im Rennzirkus bilden die Briten und die Franzosen zusammen das Team Caterham-Renault. Ein französisches Triebwerk in einem Ur-britischen Sportwagen? Technisch sicher keine schlechte Lösung, für Traditionalisten jedoch ein Sakrileg. Bleibt die Frage, ob der brachiale Vortrieb auch dieses Defizit wettmachen kann.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Besser recherchieren!
Kudi 02.08.2012
Schottische Familiennamen, die mit "Mac" oder "Mc" beginnen, schreiben sich nach danach mit einem Grossbuchstaben. Richtig wäre also: Graham McDonald. Nur: Graham selbst schreibt seinen Namen "MacDonald".
2. Ja was denn nun?
LeToubib 02.08.2012
Caterham baute den "Seven" seit 50 Jahren? Doch wohl nicht, selbst im Text steht, dass erst 1973 die Rechte am 7 von Lotus an Caterham verkauft wurden. Alldieweil ist ein heutiger "Seven" ebenso ein Fake-Oldtimer wie der Morgan: Alte Karosse, modernes Innenleben: ---Zitat--- [...] Technisch erfuhr der Seven im Laufe der Zeit etliche Veränderungen; ab 1985 war anstelle der starren Hinterachse auch eine De-Dion-Achse lieferbar, die mehr Leistung verkraftete; mehrfach wurde der Rahmen steifer gemacht und seit 1995 gibt es auf Wunsch auch ein von Caterham selbst entwickeltes Sechsganggetriebe. 2005 stellte Caterham unter einer neuen Geschäftsleitung mit dem CSR die wohl umfassendste Modelländerung seit der Lotus-Seven-Serie 4 vor. Der neu konstruierte CSR-Rahmen ist länger, breiter und wesentlich steifer. Er wird nicht mehr in Handarbeit gelötet, sondern von Robotern geschweißt. Der CSR hat rundum Einzelradaufhängung und vorne im Formel-1-Stil innenliegende Federn und Dämpfer. Als Motor wird ein von Cosworth entwickelter 2,3-l-Ford-Duratec mit 147 oder 191 kW (200/260 PS) angeboten. Das ist der bislang stärkste Motor in einem Serien-Caterham. [...] ---Zitatende---
3. p.s.
LeToubib 02.08.2012
Ein wenig gruselt's mich ja schon vor dem neuen Caterham: Mit nur 101 cm Hoehe wuerde er meinen (110 cm offen, 119 cm geschlossen) deutlich vom Platz Eins in der Rangfolge der flachsten Seriensportwagen verdraengen ...
4.
think_tank 02.08.2012
Das ist sehr schade. Es war immer noch mein Traum, meinen eigenen Super-Seven zusammenzuschrauben. Hoffentlich floppt das neue Modell und sie überlegen es sich noch mal bevor sie die Lizenzrechte weiterverkaufen. Ein neues Modell käme für mich nicht in Frage, dann schon eher den KTM X-Bow oder eine Elise.
5.
think_tank 02.08.2012
Zitat von LeToubibEin wenig gruselt's mich ja schon vor dem neuen Caterham: Mit nur 101 cm Hoehe wuerde er meinen (110 cm offen, 119 cm geschlossen) deutlich vom Platz Eins in der Rangfolge der flachsten Seriensportwagen verdraengen ...
Heißt es jetzt nicht mehr 'wer hat den längsten', sondern 'wer hat den flachsten'?
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