Concours d'Elegance in Pebble Beach: Kontoauszug auf Rädern

Aus Pebble Beach berichtet Tom Grünweg

Concours d'Elegance: Investment auf vier Rädern Fotos
Tom Grünweg

Was Sportlern Olympia und Cineasten die Festspiele in Cannes, das ist für Autofans der Concours d'Elegance in Pebble Beach. Auf dem Golfplatz am Pazifik parken einmal im Jahr die edelsten PS-Paläste. Es geht dabei um etwas Ehre, reichlich Ego und sehr, sehr viel Geld.

Alexander Schaufler ist nervös. Man sieht es dem millionenschweren Ingenieur aus Österreich an, der so gerne souverän und selbstsicher wirken würde, sich jedoch alle paar Sekunden am Hemdkragen zupfen muss. Das ist kein Wunder, denn gerade wird sein Rolls-Royce 17 EX hier auf dem Rasen von Pebble Beach von den Juroren unter die Lupe genommen. Und glaubt man dem Raunen im sachkundigen Publikum, dann hat das 1928 als Testwagen gebaute und später ins Kaschmir verkaufte Auto aus England gute Chancen, den begehrten Titel "Best of Show" zu gewinnen.

Das wäre so etwas wie ein Ritterschlag für den ohnehin schon viele Millionen Euro teuren Wagen. "Eine Auszeichnung bei einem Concours wie hier in Pebble Beach katapultiert den Wert eines Klassikers in die Höhe", sagt Florian Zimmermann, der bei der Hamburger Berenberg Bank die erste Investmentabteilung für Oldtimer leitet. Auch das ist ein Grund, weshalb seit mehr als 60 Jahren immer im August rund 200 der schönsten und wertvollsten Oldtimer der Welt auf die Halbinsel südlich von San Francisco geflogen oder gekarrt und im salzigen Küstennebel ausgestellt werden.

Dass hier nicht mehr Autos gezeigt werden, liegt einerseits am beschränkten Platz, andererseits an der Auswahl des Veranstalters. "Man kann sich nicht einfach anmelden, sondern muss auf eine Einladung warten", sagt Frank Barcelona, der seit mehr als drei Jahrzehnten dabei ist und auch schon als Juror fungierte.

Das Gremium, das die Einladungen ausspricht, achtet auf eine vielfältige Mischung. Gut die Hälfte der Oldtimer sind Stammgäste in Pebble Beach. "Aber es gibt immer wieder neue Autos und neue Kategorien," sagt Barcelona. Diesmal gibt es zum Beispiel eine Klasse mit den frühen Traumwagen der US-Tuningszene, in der unter anderem ein himmelblaues Cabrio namens "Templeton Saturn" von 1948 antritt. Daneben steht ein Studebaker mit Plexiglas-Bubbletop und ein Wagen, den Barcelona den "Traum ohne Türen" nennt: ein glutroter Roadster von Norman Timbs, halb Flugzeug, halb Rennboot, sagt Barcelona. "Man muss von oben einsteigen."

In weiteren Klassen zeigt der Concours die Schöpfungen Carroll Shelbys und Sergio Pininfarinas, widmet sich deutschen Motorrädern von Daimlers Reitwagen bis zur Münch Mammut sowie den traumhaft schönen Saoutchik-Autos aus den dreißiger Jahren und spektakulären Prunkwagen der indischen Maharadschas. Unter anderem ein orangefarbener Dusenberg mit vier kleinen Scheinwerfen in blau und grün auf den Kotflügeln. "Die zeigten an", erklärt Auto-Experte Barcelona, "ob der Maharadscha im Auto war. So wussten die Passanten, ob sie sich verbeugen mussten oder nicht."

Die Kenner sind schon im ersten Morgenlicht unterwegs

Wer solche Details sehen will, sich für aberwitzige Kühlerfiguren, luxuriöse Interieurs oder blitzplanke Motoren interessiert, der muss früh kommen. Schon morgens um sechs sind tausende Gäste hier und beobachten die Aufstellung, "Dawn Patrol" heißt der erste Auflauf, Frühpatrouille. Sobald sich der Küstennebel lichtet, wird es heiß - und richtig voll. Autos sind dann kaum noch zu erkennen.

Jeder der rund 100.000 Besucher zahlt 225 Dollar Eintritt, um dann bei klassischer Musik und Champagner aus Plastikkelchen in Flip-Flops und Bermudas über den Rasen zu flanieren und vor der Rampe zu picknicken, über die am Nachmittag die Klassensieger rollen.

Wer am Ende im Konfetti-Regen den Titel "Best of Show" erhält, das entscheiden etwa hundert Juroren, die den ganzen Vormittag mit Strohhut und Klemmbrett um die Autos streichen. Dazu gehören beispielsweise die Designchefs Gorden Wagner (Mercedes), Ian Callum (Jaguar) oder Shiro Nakamura (Nissan), Firmenbosse wie Ulrich Bez (Aston Martin) und PS-Veteranen wie der Rennfahrer Jochen Mass. Vor allem aber sind es Fachleute, die jedes Auto bis auf die letzte Schraube kennen. Kontrolliert wird praktisch alles: Sind die Teppiche wirklich original? Hat die Holztäfelung die richtige Maserung? Glimmt im Scheinwerfer die richtige Lampe? "Manches Auto bekam schon Abzüge, weil ein Kabel unter dem Teppich die falsche Farbe hatte", sagt Barcelona. 100 Punkte sind das Maximum.

Bill Gluth macht sich über sowas keinen Kopf. Sein Packard 443 aus dem Jahr 1928 steht in der Klasse der unrestaurierten Fahrzeuge. Der Trend zur extremen Patina greift seit einiger Zeit um sich. An Gluths Packard ist eigentlich nur noch die Kühlerfigur rostfrei. Den meisten US-Sammlern allerdings widerstrebt diese Art von Authentizität. Sie setzen auf die All-inclusive-Restaurierungen, nach denen der Wagen besser aussieht als bei seiner ersten Auslieferung.

Autos mit Gebrauchsspuren werden immer wertvoller

Experten wie Investment-Berater Zimmermann halten jedoch die überrestaurierten Schönheitskönige für Auslaufmodelle. "Was zählt sind Originalität und Authentizität", sagt Zimmermann. Nicht zuletzt, weil es mittlerweile weniger gebrauchte als restaurierte Klassiker gibt und die Autos mit Gebrauchsspuren somit ein noch rareres Gut sind.

Um beim Concours in Pebble Beach einen Preis zu ergattern, reicht ein perfekt restauriertes Auto ohnehin nicht aus. "Es muss obendrein eine besondere Rarität mit einer einzigartigen Geschichte sein", sagt Barcelona. Und so sind es jedes Jahr nicht mehr als vier oder fünf Kandidaten, die zu den Favoriten zählen; echte Überraschungen sind selten.

Wie der Oldtimermarkt wirklich tickt, erfährt man in klimatisierten Großraumzelten fast überall auf der Halbinsel. Hier finden die ganze Zeit Auktionen statt. Die Zeremonienmeister vorn am Pult bieten fast ohne Punkt und Komma hunderte Autos feil und verkaufen Klassiker im Minutentakt. Ein Lamborghini Countach für 600.000 Dollar, zum Ersten, ein Aston Martin DB4 für 235.000 Dollar zum Zweiten und die Cobra von 1964 für 1.320.000 Dollar zum Dritten. Verkauft! Immer und immer wieder fällt der Hammer, und zwischendurch so mancher Rekord.

Wie der Markt tickt, wird bei den Auktionen deutlich

Bei R&M Auctions zum Beispiel hat der Ford GT40 aus dem Steve McQueen-Film "Le Mans" die Summe von elf Millionen Dollar eingebracht. Und bei Gooding schwärmt alles vom Mercedes 540K Roadster der Baroness Giesela von Krieger aus dem Jahr 1936, der jetzt mit einem Preis von umgerechnet sogar 11,7 Millionen Dollar als teuerster Mercedes bislang gelten darf. Bankmanager Zimmermann schätzt den Umsatz mit den über tausend Autos am Ende der Pebble-Beach-Woche auf mehrere hundert Millionen Dollar. "Von Krise kann hier keine Rede sein".

Für Alexander Schaufler und seinen Rolls-Royce EX 17 hat es übrigens nicht gereicht. Als "Best of Show" stand in diesem Jahr ein 1928er Mercedes 680S mit einer Torpedo-Karosserie von Saoutchik im Konfettiregen. Es ist mal wieder ein tiptop restauriertes Schmuckstück zum Star der Veranstaltung gekürzt worden. Rostlauben-Besitzer Gluth ist dennoch zufrieden. "Ich fahre den Wagen viel zu gern, um ihn wirklich restaurieren zu lassen", sagt er. "Würde er wie aus dem Ei gepellt aussehen, hätte ich zu viel Angst, das gute Stück überhaupt noch zu bewegen."

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Nix Titel
CMH 21.08.2012
Wie jetzt? Noch kein neidzerfressener Kommentar über Leute, die sich mehr als einen Dacia leisten können? Ich bin überrascht.
2.
nickmason 21.08.2012
Vielleicht war ja ein SPON-Forist in Pebble Beach. Er hätte die einmalige Chance gehabt, neben vielen wunderschönen Autos auch den leibhaftigen Tom Grünweg zu sehen...
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