Französische Autobauer in der Krise: Tortur de France

Von Jürgen Pander

Französische Hersteller: Die große Krise Fotos
Jürgen Pander

Der Autosalon in Paris ist ihr Heimspiel, doch dominant wirken weder Citroën noch Peugeot. Und Renault zeigt auf einem kunterbunten Messestand zwar den gelungenen neuen Clio, doch wirklich Inspirierendes fehlt. Das Trio aus dem Nachbarland schwächelt - doch was ist das Rezept gegen die Krise?

Früher waren französische Autos oft einfach anders. Nicht immer und nicht alle, aber allzeit gab es ein paar schräge Typen, ein paar Rebellen auf Rädern, die auf Konventionen pfiffen und Extravaganz kultivierten. Diese Autos hießen zum Beispiel Citroën 2CV, DS oder XM, Peugot 504 oder 205, Renault R4, Dauphine oder Avantime.

Heute ist das Bild vom außergewöhnlichen, charmanten, innovativen Fahrzeug aus Frankreich vor allem eine Erinnerung. Dass die französischen Hersteller derzeit in der Krise stecken, wundert also nicht. Vor zehn Jahren noch war Frankreich die Nummer vier unter den Autonationen - inzwischen ist das Land auf Platz zehn abgerutscht.

"Die Situation wird wohl noch schlimmer werden", sagt Willi Diez, Professor für Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Der PSA-Konzern mit den Marken Citroën und Peugeot verbuchte im ersten Halbjahr 2012 einen Verlust von 819 Millionen Euro, der Autoabsatz brach um 13 Prozent ein und die Schließung des Werks Aulnay im Norden von Paris im Jahr 2014 ist bereits beschlossen. Etwas besser sehen die Zahlen der Renault-Nissan-Allianz aus, die im ersten Halbjahr dieses Jahres immerhin einen Gewinn von 746 Millionen Euro einfuhr, jedoch ebenfalls einen Absatzrückgang (3,3 Prozent) und eine ungenügende Auslastung der Fabriken (etwa 75 Prozent) verkraften muss.

Absatzfalle Europa

Es gebe mehrere Gründe, sagt Diez, warum gerade die französischen Hersteller so hart von der gegenwärtigen Krise gebeutelt würden. "Zum einen sind PSA, aber auch Renault stark auf Europa konzentriert und leiden deshalb besonders stark an den Absatzeinbrüchen in Südeuropa; zugleich kann vor allem PSA die Verluste kaum ausgleichen, denn in den Wachstumsmärkten USA und China sind Citroën und Peugeot entweder gar nicht präsent oder völlig unterrepräsentiert."

Der PSA-Konzern versucht, dies durch Allianzen auszugleichen. Die Franzosen kooperieren mit General Motors, es gibt ein Joint Venture mit Toyota und eine Zusammenarbeit mit Mitsubishi. Renault-Nissan wiederum hat soeben bekanntgegeben, die bereits bestehende Verbindung mit Daimler auszubauen. Darüber hinaus verfügt die Allianz mit dem Nissan-Ableger Infiniti und dem Renault-Ableger Dacia über Marken, die sowohl im Luxus- als auch im Billigsegment erfolgreich sind. Dazu gibt es auf den wichtigen Märken Russland (mit Avtovaz) und China (mit Dongfeng) Kooperationen mit heimischen Herstellern.

Automobilwirtschaftler Diez sagt, was die Zukunft angehe, sei er für Renault "verhalten optimistisch". Die Kooperationen halte er allesamt für strategisch sinnvoll und die Fokussierung auf das Zukunftsthema Elektromoblität zeige, dass Renault in Sachen Innovation zumindest nicht abseits stehe, wie manch anderer Hersteller.

Innovative Technik, die kaum ein Kunde bezahlen möchte

Für PSA hingegen sei "die Lage sehr schwierig", so Diez. Exemplarisch für das Dilemma bei Citroën und Peugeot ist der Diesel-Hybrid-Antrieb. Die Franzosen waren die Ersten, die diese Technik auf den Markt brachten, doch richtig profitieren können sie davon nicht. Denn die Kombination aus Diesel- und Elektromotor ist ausgesprochen teuer. Diez: "Würde man den Diesel-Hybrid-Antrieb in einem Oberklassemodell anbieten, könnte man einen höheren Preis verlangen und die Marge würde stimmen. Doch weder Citroën noch Peugeot verfügen über ein Oberklassemodell."

Stattdessen wird der Diesel-Hybrid-Antrieb in der preissensiblen Kompaktklasse verkauft, doch kaum ein Kunde ist bereit, in diesem Segment Hightech-Aufschläge zu zahlen. Teure Mittelklassetypen von Citroën oder Peugeot bleiben Ladenhüter; doch würden sie günstig angeboten, würde der Hersteller draufzahlen. Das Beispiel zeigt, dass eine Technik allein nicht genügt - man muss als Unternehmen auch in der Lage sein, die neue und meist teure Komponente erfolgreich auf den Markt zu bringen.

In der Oberklasse hat keine der drei französischen Marken Überzeugendes zu bieten. Lange galt das auch für das seit mehr als zehn Jahren boomende SUV-Segment. "Dieser Trend wurde komplett verschlafen", urteilt Diez. Inzwischen sind zwar Modelle mit Allradantrieb und Geländewagenoptik im Angebot, doch handelt es sich bei Citroën und Peugeot um einen Modelltransfer von Mitsubishi; und der Renault-SUV Koleos basiert auf dem Nissan X-Trail.

Von den neuen Modellen überzeugt vor allem der Renault Clio

Mit welchen Modellen also wollen die französischen Hersteller wieder aus der Krise herausfahren? Auf dem Autosalon in Paris wurde diese Frage nur unzureichend beantwortet. Renault zeigte in Halle 1 die vierte Generation des Kleinwagens Clio. Das Auto sieht proper aus und wurde sogleich auch noch als Kombi- und Sportvariante präsentiert. Doch ein neuer Kleinwagen allein wird das Geschäft nicht erblühen lassen.

Ansonsten steht noch in diesem Jahr die Einführung des Elektroautos Zoe bevor. Erst Anfang 2014 soll der neue Twingo folgen, der noch eine Nummer kleiner ist als der Clio und der erstmals auf einer gemeinsamen Plattform mit dem neuen Smart basieren wird. Auch die nächste Generation des Kompaktautos Mégane soll 2014 debütieren. Das ist noch lange hin.

Citroën stellte auf der Messe die Cabrio-Version des DS3 sowie die überarbeitete Variante des C3 Picasso vor. Im nächsten Jahr wird der größere Van C4 Picasso komplett neu antreten, dazu voraussichtlich der schicke Kleinwagen DS1 und später die Modelle DS2 und DS6. Das klingt nach viel, doch dürften die Stückzahlen dieser Baureihen eher überschaubar bleiben. Es handelt sich - von den Vans einmal abgesehen - durchweg um Nischenfahrzeuge.

Peugeot präsentierte - neben der für die Modellpalette irrelevanten Supersportwagen-Studie Onyx - das noch als Studie deklarierte SUV-Modell 2008, das nächstes Jahr in Serie gehen wird. Auch eine Cabrio-Variante des neuen Kleinwagens 208 wird wohl Ende 2013 eingeführt, ehe dann 2014 mutmaßlich der Nachfolger des Kompaktmodells 308 vorfährt.

Hoffnung auf ein Mini-SUV und altbewährte Baureihen

Ein Modellfeuerwerk ist auch das nicht. Immerhin tritt Peugeot mit dem kommenden 2008 in einem Segment an, auf dem die Marke bislang noch gar nicht vertreten war. Ansonsten jedoch handelt es sich bei den genannten Autos fast durchweg um Modelle, die lediglich ältere Fahrzeuge ersetzen oder in Nischen mit eher geringem Absatzpotential positioniert sind. Ob also die Neuen den Verkaufszahlen den so dringend benötigten Impuls geben können, scheint fraglich. Die Skepsis teilt sogar PSA-Chef Philippe Varin. Er verkündete unlängst, er rechne 2013 nicht mit einer Erholung, und auch 2014 werde wohl ein schwieriges Jahr.

Zu den Problemen kommt noch ein weiterer, zumindest symbolischer Dämpfer. Wie die Branchenzeitung "Automobilwoche" berichtet, plant Hauptkonkurrent VW, im nächsten Jahr einen Showroom für seine Modelle an der Pariser Prachtmeile Champs-Elysées zu eröffnen. Angeblich direkt gegenüber von Renault und unweit von Citroën und Peugeot. Zuletzt gingen die Marktanteile der französischen Hersteller sogar in ihrem Heimatland leicht zurück. Die Volkswagen-Gruppe hingegen gewann hinzu und liegt aktuell bei 12,2 Prozent Marktanteil in Frankreich.

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insgesamt 75 Beiträge
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1. Kein Wunder
Zeugma 09.10.2012
Zitat von sysopDer Autosalon in Paris ist ihr Heimspiel, doch dominant wirken weder Citroën noch Peugeot. Und Renault zeigt auf einem kunterbunten Messestand zwar den gelungenen neuen Clio, doch wirklich Inspirierendes fehlt. Das Trio aus dem Nachbarland schwächelt - doch was ist das Rezept gegen die Krise? Die Krise der französischen Hersteller Citroën, Peugeot und Renault - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/die-krise-der-franzoesischen-hersteller-citroen-peugeot-und-renault-a-859189.html)
Die Probleme bei PSA sind wirklich groß. Seit dem 205 kein wirklich gut gehendes Auto mehr trotz ordentlicher Dieseltechnik. Stattdessen immer aufgeblähtere und schwerere Autos ohne entsprechenden Nutzwertgewinn. Anteil am so wichtigen Firmenwagenkuchen in D? Marginal. Hohe Rabatte, gerade bei Citroen, schon lange der Normalfall. Dennoch immer ordentlich Dividende an die fam. Peugeot in die Schweiz ausgeschüttet. Und die Qualität ist abgesehen von den Motoren schon eine große Schwachstelle. Renault ist bei der Qualität merklich besser, hat sich allerdings in Stromautos verrannt. Einfach in große und schwere Kangoos einen E-Motor einbauen, das geht so nicht. Immerhin: Falls Peugeot die nächsten drei Jahre übersteht, dann dürften sie gestählt und mit bester Kostenstruktur aus der Krise hervorgehen und sich dann gemütlich anschauen, wie BMW und vor allem Mercedes dastehen, wenn Russland und China nicht mehr so laufen. Die haben die Anpassung nämlich noch vor sich.
2. Selbst schuld
Bundeskanzler20XX 09.10.2012
Wer seine Arbeiterschaft nicht angemessen bezahlt ( gilt auch für Zulieferer der Automobielindustrie) muss sich nicht wundern wenn die auch irgendwann kein Geld mehr haben um sich mal was neues zu kaufen.
3. Die Probleme, die französische Hersteller
krutschi04 09.10.2012
Zitat von ZeugmaDie Probleme bei PSA sind wirklich groß. Seit dem 205 kein wirklich gut gehendes Auto mehr trotz ordentlicher Dieseltechnik. Stattdessen immer aufgeblähtere und schwerere Autos ohne entsprechenden Nutzwertgewinn. Anteil am so wichtigen Firmenwagenkuchen in D? Marginal. Hohe Rabatte, gerade bei Citroen, schon lange der Normalfall. Dennoch immer ordentlich Dividende an die fam. Peugeot in die Schweiz ausgeschüttet. Und die Qualität ist abgesehen von den Motoren schon eine große Schwachstelle.
in Deutschland haben, haben die deutschen Hersteller in Frankreich. Fahren sie mal nach Frankreich und schauen sie sich um wieviele VWs, Opels, BMWs, Audis und Mercedes dort rumfahren. Würde auch behaupten, dass die Franzosen nicht der Meinung sind, dass sie in der Oberklasse nichts zu bieten haben. Wenn die Autos nicht so triste Innenräume wie der Twingo hätten, wären sie weniger an der Realität vorbei konzipiert, als die deutschen. Vw brauchte wie lange um den Twingo zu kopieren und den UP! auf die Straße zu stellen? Der Twingo bräuchte nur den neuen 0.9 Liter Turbo vom Clio und einen neuen Innenraum, dann wäre er dem Up! sowas von vorraus.
4. Die Autos stimmen, der Markt nicht
huettenfreak 09.10.2012
Ich denke schon dass PSA sehr interessante und durchaus konkurrenzfähige Produkte auf Lager hat. Citroen ist gerade mit seinen DS-Modellen recht erfolgreich und baut die Palette weiter aus. Hier gibt es auch kein Problem mit einer schwachen Marge. Die Autos sind stylisch und werden nachgefragt. Auch vom den "normalen" Modellen C1 bis C5 verkauft Citroen ordentlich. Mit dem C5 Break gelangen dem Hersteller sogar signifikante Umsatzzahlen bei geleasten Geschäftsfahrzeugen. Wie die Lage bei Peugeot aussieht kann ich schlecht beurteilen - margenstarke Fahrzeuge gibt es dort vermutlich weniger. Dafür dass sich PSA fast einzig und allein auf den europäischen Markt konzentriert hat zahlt der Konzern nun drauf. Da hat Renault besser im Griff, auch wenn die Autos meiner Meinung nach weitaus schlechter sind (Qualität und Design) als die von PSA.
5. VORSICHT vor GM
bunterepublik 09.10.2012
Wer mit GM kooperiert geht ein. Siehe SAAB. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.
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