Die Zukunft von Saab Wiederbelebung nach dem Baukastenprinzip

Vor einem Jahr war Saab mehr tot als lebendig. Doch nun haben Chef Jan-Ake Jonsson und Besitzer Victor Muller wieder gut lachen: Die Produktpalette wächst, die Zulassungen ziehen an und die Emanzipation von General Motors schreitet voran. Sehen so Krisengewinner aus?


"Wie macht ein Scheintoter glaubhaft, dass er wieder lebendig ist?", fragt Victor Muller. Der Niederländer, Inhaber der Sportwagen-Manufaktur Spyker und seit knapp einem Jahr auch Mitbesitzer der schwedischen Marke Saab, muss darauf eine Antwort finden. Der Scheintote ist Saab, jetzt soll es wieder aufwärts gehen, vor allem mit Hilfe des neuen Saab 9-5 und weiteren frischen Modellen im kommenden Jahr.

"Wir sind durch die Hölle gegangen", sagt Muller über die Zeit der Verhandlungen mit dem früheren Saab-Eigentümer General Motors. Allmählich aber laufen die Geschäfte wieder - immerhin wurden in den ersten drei Quartalen 2010 knapp 20.000 Autos verkauft, bis Jahresende sollen es etwa 30.000 sein.

Muller ist zwar der neue, starke Mann bei Saab, doch mit GM ist die Marke weiterhin verbandelt. Der US-Konzern hält für mehr als 300 Millionen Dollar Vorzugsaktien der Saab Spyker Automobile; und GM baut im Auftrag von Saab in einer Fabrik in Mexiko den 9-4X, der kürzlich auf der Autoshow in Los Angeles (LINK) Premiere feierte.

"Trotz aller Kooperationen sind wir ein eigenständiges und eigenverantwortliches Unternehmen, Saab kann freier entscheiden als je zuvor", beteuert Muller. Als Beleg führt er die neue Partnerschaft mit BMW an. Das bayerische Unternehmen liefert künftig die Motoren für den Nachfolger des Saab 9-3. Die Absatzkrise des vergangenen Jahres habe die Autowelt verändert, konstatiert Muller. "Davor hat keiner dem anderen etwas verkauft. Heute dagegen ist bei allen alles zu haben", sagt er. Kleinere Hersteller profitieren enorm von derartigen Kooperationen. Selbst das Design hat Saab ausgelagert - von der Firma des US-Amerikaners Jason Castriota. Und auch Hybridkomponenten sind auf diese Weise bereits bestellt.

Was der schwedischen Marke hilft, sind neben dem gewissen Starrsinn der Verantwortlichen und den millionenschweren Krediten der Europäischen Investitionsbank vor allem die loyalen Kunden. "Es ist faszinierend, dass unsere Fans uns so lange die Treue gehalten haben", sagt Muller. Es gebe tatsächlich Menschen, die vier mal in Folge einen Saab 9-5 gekauft hätten, ein Auto, bei dem sich in 15 Jahren nicht viel mehr als die Farbe und einige Design-Details geändert haben "Allen anderen Marken hätten die Käufer den Rücken gekehrt."

Endlich dürfen Saab-Fans wieder auf neue Autos hoffen

Weiter strapazieren wollen Miteigentümer Muller und Firmenchef Jan-Ake Jonsson die Geduld der Kunden nicht. Sie haben einen Plan aufgestellt, der für Saab geradezu ein Neuheiten-Feuerwerk bedeutet. Im nächsten Frühjahr wird die Kombiversion des neuen 9-5 debütieren, im Herbst startet mit dem 9-4X der erste Geländewagen der Marke, der weltweit angeboten wird. Der Allradler basiert auf dem Cadillac SRX, doch soll der Wagen klar als Saab identifizierbar sein: durch das Design, durch die Innenausstattung und durch die Assistenzsysteme wie etwa das Nachtfahr-Cockpit "Night Vision". Die Motorenauswahl allerdings wird recht einseitig sein. Ein Dieselaggregat ist noch nicht in Sicht, der 9-4X wird vorerst ausschließlich mit zwei Sechszylinder-Benzinern mit 265 oder 300 PS verfügbar sein.

Wichtiger für Saab wird ohnehin der neue 9-3, der im Oktober 2012 präsentiert werden soll. Konstruiert ist der Wagen auf einer neuen, komplett selbst entwickelten Plattform - und damit werde er zum eigentlichen Startpunkt von New Saab, heißt es im Unternehmen. Konkretes zu diesem Auto gibt es derzeit kaum, abgesehen von der Tatsache, dass BMW die Motoren liefern wird, dass es auch eine Hybridversion mit elektrisch angetriebener Hinterachse und eine Cabrio-Variante geben soll.

Was noch fehlt, ist ein schicker Kompaktwagen - Saab arbeitet daran

Falls alles gelingt wie geplant, hätte Saab Ende 2012 dann "das jüngste, breiteste und attraktivste Modellprogramm in der Firmengeschichte", sagt Muller. Auf Grund dieses Businessplans wurden auch die Kredite in Brüssel losgeeist. "Wir wollen ab dann wieder 125.000 Autos pro Jahr verkaufen", erklärt Muller. Auf diesem Niveau bewegte sich die Marke auch in den Jahren 2001 bis 2007.

Für die weitere Zukunft soll die Modellpalette nach unten erweitert werden, und zwar um einen Kompaktwagen. Der könnte dann 9-2 heißen. "Es ist das heißeste Marktsegment, und es ist das angestammte Revier von Saab", sagt Muller. "Bereits in den fünfziger Jahren hat Saab mit Autos wie den Modellen 92 und 96 in diesem Markt den Ton angegeben. Da wollen wir wieder hin." Der Wille mag vorhanden sein, was allerdings fehlt ist ein Partner, der bereit ist, Saab mit der entsprechenden technischen Plattform zu versorgen. Und es fehlt an Kapital. "Um beides", beteuert Muller, "bemühen wir uns intensiv."

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Wulflam 03.12.2010
1. Hoffentlich kommt Saab wieder auf die Beine
Zitat von sysopVor einem Jahr war Saab mehr tot als lebendig. Doch nun haben Chef Jan-Ake Jonsson und Besitzer Victor Muller wieder gut lachen: Die Produktpalette wächst, die Zulassungen ziehen an und die Emanzipation von General Motors schreitet voran. Sehen so Krisengewinner aus? http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,732391,00.html
Ich kann es gar nicht richtig begründen und es ist auch absolut irrational, aber ich hänge echt an der Marke und hoffe, dass sie tatsächlich aus der Krise neu aufgestellt überleben können. Aktuell fahre ich Volvo, da entgegen der Aussage im Artikel der alte 9-5 nicht mehr hinnehmbar war. Aber mit neuen Modell kann das wieder anders aussehen. Ich hatte mal einen alten 9-3 (einen Klassiker, nicht den aktuellen Langweiler) und das ist das bislang einzige von 8 Autos, denen ich emotional verbunden war. Das hat noch nicht mal mein erster fahrbarer Untersatz geschafft. Die neue Kooperationsbereitschaft kann hier natürlich lebensrettend sein. Ich hoffe das Beste.
brux 03.12.2010
2. Bald ganz tot
Spätestens mit dem 9-4x dürfte es mit der Loyalität der Saab-Kunden vorbei sein. Wer will denn einen amerikanischen SUV (mit den entsprechenden Verbrauchswerten), der als schwedische Mogelpackung aufgehübscht ist?
Dumme Fragen 03.12.2010
3. Tja...
der 900er verkauft sich prächtigst! Allerdings nur gebraucht... Der Händler bei mir um die Ecke kann garnicht soviele aufmotzen/reparieren/rekonstruieren, wie er verkaufen könnte...
tweet4fun 03.12.2010
4. Ich sehe das eher skeptisch...
Zitat von WulflamIch kann es gar nicht richtig begründen und es ist auch absolut irrational, aber ich hänge echt an der Marke und hoffe, dass sie tatsächlich aus der Krise neu aufgestellt überleben können. Aktuell fahre ich Volvo, da entgegen der Aussage im Artikel der alte 9-5 nicht mehr hinnehmbar war. Aber mit neuen Modell kann das wieder anders aussehen. Ich hatte mal einen alten 9-3 (einen Klassiker, nicht den aktuellen Langweiler) und das ist das bislang einzige von 8 Autos, denen ich emotional verbunden war. Das hat noch nicht mal mein erster fahrbarer Untersatz geschafft. Die neue Kooperationsbereitschaft kann hier natürlich lebensrettend sein. Ich hoffe das Beste.
Nur wenn Saab sich vollkommen von GM abnabelt, kann ich eine Zukunft sehen. Alle Modelle, die unter GM angeboten wurden, hatten gravierende Mängel und kamen bei weitem nicht mehr an die technischen Innovationen eines "echten" Saabs heran. Ein "echter" Saab ist z.B. mein 900. Bj.90, Cabrio, Turbo. Der läuft immer noch einwandfrei und fährt sich wie ein richtiger Sportwagen (F1-Vorderradaufhängung). Hach bin ich happy mit Saabine!
Mikko, 04.12.2010
5. Titel!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Zitat von bruxSpätestens mit dem 9-4x dürfte es mit der Loyalität der Saab-Kunden vorbei sein. Wer will denn einen amerikanischen SUV (mit den entsprechenden Verbrauchswerten), der als schwedische Mogelpackung aufgehübscht ist?
Dieses Argument wird ja seit geraumer Zeit und immer wieder sehr gerne von Saab-Fans angeführt, dass die Marke sich immer mehr von ihrer eigentlichen Basis entfernt hat. Bitte nicht falsch verstehen, ich frage mich nur, was für Autos Saab denn bauen müsste, um einerseits den Bedarf am "anders sein" der Saab-Fans zu erfüllen und andererseits genügend Autos abzusetzen, um auch nur annähernd profitabel zu sein.
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