Von Lasse Hinrichs
Die Zahl der gestohlenen Autos in Deutschland geht seit Jahren zurück. Wurden 1993 noch 105.543 Fahrzeuge hierzulande gestohlen, waren es im vergangenen Jahr lediglich 18.215 Pkw. "Seit Einführung der Wegfahrsperre sind die Autos deutlich sicherer geworden", erklärt Christian Lübcke vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) den rückläufigen Trend.
"Früher ließen sich Auto viel schneller aufbrechen als heute", sagt auch Adalbert Wendt, Geschäftsführer von Deutschlands größtem Fachhandel für Sicherheits- und Aufsperrtechnik. Wendt bietet auch Seminare für Feuerwehrleute und Schlüsseldienst-Mitarbeiter an, in denen das Öffnen von Autos gelehrt wird. "Früher reichte ein Kleiderhaken oder ein Sägeblatt, um in ein Auto zu gelangen", sagt er. Vor allem galt das für die VW-Modelle Golf I und Golf II, "die waren in zehn Sekunden offen, ohne dass man was beschädigte." Heute dagegen sperren Diebe die Fahrzeuge bevorzugt mit Spezial-Werkzeugen auf.
Die Zeit der Joy Rides ist vorbei
Die Verbesserung der Diebstahlsicherheit von Autos führte dazu, dass Gelegenheits-Diebstähle, um nur mal so in einem Sportwagen oder einer Luxuskarosse herumzufahren - so genannte Joy Rides - nahezu verschwunden seien, erklärt GDV-Sprecher Lübcke. Heute ist Autodiebstahl vor allem ein Delikt der organisierten Kriminalität. Bei den Autoknackern aus diesem Milieu handele es sich um gut ausgebildete und technisch gut ausgestattete Täter, die bestimmte Modelle gezielt suchen und aufbrechen. Ist das Fahrzeug geknackt, wird es in eine Zerlegehalle geschafft, und von dort aus - komplett oder zerlegt - meist in ein asiatisches Land gebracht.
"Ein gut ausgestatteter Autodieb braucht 5 bis 6 Minuten, um ein Fahrzeug zu öffnen", sagt Manfred Göth, der als unabhängiger Gutachter ein kriminaltechnisches Prüflabor in Mayen in der Osteifel betreibt. Die Mechanik im Fahrzeug sei längst kein sicherheitsrelevantes Bauteil mehr. Schraubenzieher oder Kfz-Kraftschlüssel - in der Szene auch Polenschlüssel genannt - zum gewaltsamen Überdrehen des Schließzylinders wird man im Werkzeugkoffer eines modernen Autodiebs nur noch selten finden.
"Autoklauen ist kein Hexenwerk"
Zur Profi-Standardausstattung zählen heute Sperrwerkzeuge und Elektro-Bauteile - so genannte Picks oder Decoder - sowie ein Laptop. Ein typisches Einbruchswerkzeug ist der Little Joe genannte Schlüsselersatz. Der Hightech-Dietrich öffnet aktuelle Autoschlösser ruckzuck und ohne sie zu beschädigen. Sobald der Autoknacker im Wagen ist, gilt es, die Wegfahrsperre zu deaktivieren. Das funktioniert laut Göth mit Hilfe eines Schnittstellen-Steckers. Das Elektronik-Bauteil wird in die Buchse für das On-Bord-Diagnosegerät eingestöpselt, sodann ein Kippschalter umgelegt - und schon ist der vom Werk eingebaute Diebstahlschutz lahmgelegt. "Autoklauen ist kein Hexenwerk", sagt Wendt.
Im Gegenteil, es ist ein Handwerk. Dass der unbefugte Zugang zu einem Auto mit dem richtigen Werkzeug und dem nötigen Knowhow möglich ist, ist auch ein strukturelles Problem. Was an Diagnosegeräten und Sicherheitstechnik zum Beispiel für Werkstätten oder Schließdienste angeboten wird, ist nah dran an dem, was die Autohersteller in den Fahrzeugen einsetzen. Gutachter Göth: "Es ist einfach unmöglich zu verhindern, dass legal nutzbare Werkzeuge in die falschen Hände geraten."
Wer ein bestimmtes Auto will, der knackt es auch
Bleibt also die Frage, wie Autobesitzer ihren Wagen überhaupt gegen unberechtigten Zugriff schützen können. "Wenn einer ihr Fahrzeug haben will, dann lässt er sich was einfallen und holt es sich", sagt Aufsperr-Experte Wendt. Er rät daher zweierlei: Die Autohersteller sollten nicht allein auf die Wegfahrsperre setzen, sondern zugleich versteckte Navigationssysteme als Standard einführen. So könne ein gestohlener Wagen immerhin geortet werden.
Um es erst gar nicht zum Diebstahl kommen zu lassen, gebe es ein anderes probates Mittel: die Alarmanlage. Je spezieller das System, desto größer die Schutzfunktion, glaubt Wendt. Denn wenn unerwartet eine Sirene losheult, zeigen oft auch die dreistesten Autoknacker Nerven.
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