Dieselfahrverbote Autokonzerne lobbyieren plötzlich für Blaue Plakette

Jahrelang waren die Autohersteller gegen die Blaue Plakette für umweltfreundliche Wagen. Auf einmal hat sich ihre Meinung geändert. Warum?

Blaue Plakette zur Regelung von Dieselfahrverboten
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Blaue Plakette zur Regelung von Dieselfahrverboten

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Die drei Autobosse hatten dasselbe Ziel. Sie wollten der aufgebrachten deutschen Autoseele neue Nahrung geben für ihre Wut auf den Staat. Tenor: Lasst uns in Ruhe mit Fahrverboten. "Als Ingenieur setze ich auf technische Verbesserungen statt auf bürokratische Verbote", sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche. "Fahrfreude, nicht Fahrverbote", sekundierte sein Kollege von BMW, Harald Krüger, und Herbert Diess, VW Vorstand, ergänzte, dass der Diesel "mit besten Umweltwerten unverzichtbar" sei.

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Heft 15/2018
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Die Kraftsprüche finden sich in dem inoffiziellen Zentralorgan der Automobilwirtschaft, der "Bild-Zeitung", die damit vergangene Woche ihre Aufkleberkampagne gegen Fahrverbote für Dieselfahrzeuge weiter anfachen wollte. Was zu dieser publikumswirksamen Aktion der Autobauer gar nicht passen will: Insgeheim sind die drei großen deutschen Hersteller schon einen Schritt weiter: Anders als in der "Bild" publiziert, versuchen sie nicht mehr, Fahrverbote generell abzuwenden, sondern diese so mitzugestalten, dass ihr wirtschaftlicher Schaden möglichst gering ausfällt.

Erst wenige Wochen ist es nämlich her, dass ihre Emissäre einen konzertierten Vorstoß unternommen haben, die Bundesregierung für die Blaue Plakette zu gewinnen. Diskret, selbstverständlich, und nach ihren ganz eigenen Bedingungen. Die Beamten in Berlin staunten nicht schlecht. So wollten die Lobbyisten nach einer langen Übergangsphase die Blaue Plakette als Erkennungsmerkmal für all jene Dieselfahrzeuge eingeführt sehen, die sauber genug sind, um trotz Fahrverbot in die Innenstädte pendeln zu dürfen.

Bundesregierung fürchtet Klagewelle

Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts Ende Februar, das Dieselfahrverbote von Fahrzeugen mit der Schadstoffklasse Euro 4 erlaubt, gehen die Preise für gebrauchte Dieselfahrzeuge weiter zurück. Nach einer Übergangszeit von einem Jahr sollen dann ab September 2019 auch Euro-5-Diesel ausgesperrt werden dürfen, so die Richter in Leipzig. Obwohl sie Euro-6-Diesel nicht erwähnen, könnte auch die modernste Generation von Dieselmotoren in den Sog von Fahrverboten geraten.

Denn viele Euro-6-Diesel stoßen genauso viele, teilweise sogar mehr Stickoxide aus als Euro-5-Fahrzeuge. Weshalb Besitzer älterer Diesel, so befürchtet es auch die Bundesregierung, auf Gleichbehandlung klagen dürften.

Dann würde die Fahrverbotsfalle für viele Millionen Dieselkunden zuschnappen. Das wollten die Autobosse mit ihrem Vorstoß für die Blaue Plakette offensichtlich verhindern. Denn nicht nur der Absatz gebrauchter Dieselfahrzeuge leidet, sondern auch der Neuwagenverkauf der Autohersteller ist durch die Unsicherheit der Kunden direkt betroffen. Eine Blaue Plakette wäre eine Garantie gegen das Einfahrverbot bei Fahrverboten und könnte so als Verkaufsargument von den Händlern eingesetzt werden.

Grenzwert von 378 Milligramm Stickoxid je Kilometer

Die Emissäre schlugen deshalb der Regierung vor, man könne doch einen Wert von 378 Milligramm Stickoxidemission pro gefahrenem Kilometer festlegen. Alle Wagen, die darunter blieben, sollten den blauen Sticker bekommen. Dabei handelt es sich ganz offensichtlich um eine Finte: Denn dieser Wert liegt um mehr als das vierfache über dem derzeitigen Grenzwert. Damit wären sehr viele Dieselautos von Fahrverboten ausgenommen, ein Softwareupdate hätte für die meisten Fahrzeuge gereicht, um den Wert zu erreichen.

Die Bundesregierung hat den Vorschlag nach Informationen des SPIEGEL deshalb auch abgelehnt.



insgesamt 202 Beiträge
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Seite 1
Baustellenliebhaber 10.04.2018
1.
Der derzeitige Grenzwert ist auch eher ein Witz über den keiner mehr lachen kann. Wenn die Sache mit dem Diesel dann durch ist, wird der Benziner drankommen....wegen des Feinstaubes. Aktuell werden Fahrzeuge verschrottet, die man gut noch 10 Jahre fahren könnte, stattdessen erzeugen wir neue Emissionen und kaufen Neuwagen.... Ein totaler Wahnsinn
schockschwerenot 10.04.2018
2. Anpassung der Grenzwerte
Warum sollen Autos, die kaum 5 Jahre alt sind, verschrottet, warum Werte vernichtet, Industrie-Arbeitsplätze gefährdet werden? Eine Anpassung der willkürlichen Grenzwerte für NO reicht völlig aus. In den USA liegt der Grenzwert bei 100 mg - damit wäre jede deutsche Stadt völlig sauber.
akkronym 10.04.2018
3. Warum?
Weil die AI weiss, dass sie sich auf ihre Paladine in der Politik verlassen können und mit einer blauen Plakette weiter angeblich "saubere" Autos verkloppen kann. Die Umweltkosten und die Probleme (Einrichtung und Überwachung der Umweltzonen, Gesundheitsschäden durch Abgase) werden wieder der Allgemeinheit aufgelastet, währen die Politik sagen wird: "die Rahmenbedingen sind richtig gesetzt". Eine Konsequenz aus dem Mrd.-Betrug und der Mio-fachen Körperverletzung hat die AI nicht zu befürchten. Nicht in Deutschland und nicht in der EU.
kuddemuddel 10.04.2018
4. Windig, windiger, Autoverkonzern ...
... wäre die noch schmeichelhafte Steigerung. Das Softwareupdate war nur ein Placebo für die Politik, damit diese nicht konsequent einschreiten muss. Nun versuchen die Konzerne ihre Betrügereien auf den Schultern der Dieselfahrer aus zutragen, indem sie dafür sorgen, dass diese sich neue Autos kaufen müssen, wenn sie Fahrverbote umgehen wollen.
frankfurtbeat 10.04.2018
5. man ...
man braucht neue Kriterien um den Absatz anzukurbeln. Auf ein neues den Bürger anzapfen ... jetzt am besten alle nur noch mit blauer Plakette fahren lassen und der Umsatz im Inland beschert den Aktionären weitere Gewinne. Super ... danke und weiter so!
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