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Dieselautos

Geheimes Regierungsgutachten rät zu Hardware-Nachrüstungen

Ein vertrauliches Gutachten bringt Verkehrsminister Scheuer in Erklärungsnot. Demnach ist die Nachrüstung von Dieselautos mit "verträglichem Aufwand möglich".

Von

picture alliance / Henning Kaiser

Verkehr in Köln

Freitag, 27.04.2018   14:05 Uhr

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Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat ein Problem. In seinem Haus liegt ein Gutachten, das genau das Gegenteil sagt von dem, was er will. Es geht um Hardware-Nachrüstungen an älteren Dieselfahrzeugen. Vierzehn Seiten ist es lang, und es hat eine klare Botschaft: Der Umbau ist möglich. Doch genau das will Scheuer der Öffentlichkeit am liebsten vorenthalten, und deshalb hütet er das Werk wie ein Staatsgeheimnis.

Noch nicht einmal die in der Dieselfrage mitbeschäftigten Ressorts Umwelt und Wirtschaft haben das Original zu lesen bekommen, dessen Titel schlicht daherkommt: "Studie über das Potenzial einer Realisierung einer Hardware-Nachrüstung". Geschrieben hat es, und das ist ein weiteres Problem für Scheuer, nicht irgendwer. Es ist Georg Wachtmeister, Inhaber des Lehrstuhls für Verbrennungskraftmaschinen an der TU München, der dem Hause als einer der wichtigsten Berater im Diesel-Thema dient. Er ist Mitglied der immer noch aktiven Untersuchungskommission Volkswagen, die Scheuers Vorgänger und Parteifreund Alexander Dobrindt eingerichtet hat, und der gilt nicht gerade als Gegner der Autoindustrie. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

"Nach heutigem Erkenntnisstand ist aus meiner Sicht eine Nachrüstung von Euro-5-Fahrzeugen mit verträglichem Aufwand möglich", schreibt der Motorenprofessor Georg Wachtmeister von der TU München in seinem Gutachten, das dem SPIEGEL vorliegt. Während Hersteller die Hardware-Nachrüstungen mit sogenannten SCR-Katalysatoren für zu aufwendig und teuer halten, erklärt der Wissenschaftler: "Aus jetzigen Abschätzungen geht hervor, dass sich der Kostenrahmen in einer realisierbaren Größenordnung bewegt." Der Gutachter weist nach, dass die benötigten Komponenten zu einem "Großteil bereits entwickelt" sind. Für viele Fahrzeugtypen der Schadstoffklasse Euro 5, vor allem jene, die auch in die Vereinigten Staaten exportiert werden, stünden sogar schon zugelassene Katalysatoren bereit.

Software-Updates reichen laut Umweltbundesamt nicht aus

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will die zu hohen Schadstoffkonzentrationen in den Städten dagegen mit Software-Updates von Dieselautos oder Austauschprogrammen von Stadtbussen lösen. Doch nach einer neuen Auswertung des Umweltbundesamts, die dem SPIEGEL vorliegt, reichen diese Maßnahmen nicht aus, die Stickoxidgrenzwerte einzuhalten. So würden die Schadstoffwerte zum Beispiel in Mainz und München bis ins Jahr 2020 nicht unter den zulässigen Grenzwert sinken. In der bayerischen Landeshauptstadt würden selbst im Jahr 2025 die Luftreinhaltevorschriften nicht eingehalten, so die Experten aus dem Amt in Dessau. Danach wären es im Jahr 2020 noch fast zwei Dutzend Städte, die deutlich mehr Stickoxid ausstoßen als erlaubt, allen voran Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg und Kiel. "Unsere Berechnungen zeigen: Umweltprämie und Software- Updates werden die Luft in den hochbelasteten Städten auch in den nächsten Jahren nicht sauber genug machen", erklärt die Präsidentin des Umweltbundesamts, Maria Krautzberger, im SPIEGEL. Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, der auch Mitglied in der Arbeitsgruppe zu Dieselnachrüstungen ist, sieht in dem technischen Gutachten nur einen weiteren Beleg dafür, dass die Dieselfahrer seit Monaten "von der Bundesregierung getäuscht" werden.

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