Diesel-Fahrverbote Nachrüsten? Geht ja noch gar nicht!

Rund zwölf Millionen Diesel-Pkw sind von möglichen Fahrverboten betroffen. Umgehen ließen sich diese mit einem nachgerüsteten Katalysator. Doch die Technik steht erst voraussichtlich ab 2019 bereit.

DPA

Von Christian Frahm


Mit der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts im Februar haben Städte und Kommunen nun die Möglichkeit, Fahrverbote gegen ältere Dieselfahrzeuge zu verhängen. Betroffen davon wären zunächst insbesondere Fahrzeuge mit der Abgasnorm Euro 4 oder darunter. Als nächstes kämen dann Modelle mit Euro 5 dran.

Umgangen werden könnte das Fahrverbot durch die Nachrüstung sogenannter SCR-Katalysatoren (selective catalytic reduction), die den Ausstoß von Stickoxiden verringern. Derartige Nachrüstsysteme befinden sich derzeit laut ADAC zwar noch in der Entwicklung, könnten aber bald serienreif sein. Die wichtigsten Antworten zum Nachrüsten von älteren Dieselautos.

Welche Nachrüstungsmöglichkeiten gibt es?

Die derzeit favorisierte Abgasnachbehandlung zur Reduzierung von Stickoxiden sind sogenannte SCR-Katalysator-Systeme. Bei der SCR-Technologie werden die Stickoxide, die beim Verbrennungsvorgang entstehen, durch Einspritzung einer Harnstofflösung in den Abgastrakt in Stickstoff und Wasser umgewandelt; der Stickoxid-Ausstoß dadurch erheblich verringert. Um ein solches System nachzurüsten, benötigt man allerdings ausreichend Platz im Motorraum, um den Harnstofftank unterzubringen. Zudem muss das SCR-System mit der Motorsteuerung verbunden werden. Zwar gibt es bereits mehrere Anbieter derartiger Nachrüstungslösungen, auf den Markt kommen die Systeme aber frühestens in einem Jahr.

Was kostet die SCR-Nachrüstung?

Die Kosten für eine SCR-Umrüstung liegen laut ADAC zwischen 1400 und 3300 Euro pro Fahrzeug. Der tatsächliche Preis hängt vom Fahrzeug- und Motortyp ab. Hinzu kommen außerdem die Einbaukosten. Wer die Kosten für die Nachrüstung übernimmt, ist derzeit noch unklar. "Die Kosten für eine Nachrüstung sollte nicht der Verbraucher übernehmen müssen", sagt Christian Buric vom ADAC. "Die Hersteller sollten das Vertrauen der Verbraucher stärken, indem sie sich zumindest mit einem wesentlichen Beitrag an den Kosten der Nachrüstungen beteiligen." Auch andere Finanzierungsmöglichkeiten sind denkbar. In der Vergangenheit wurde bereits über einen Fonds diskutiert, in den die Autobauer gemäß der Anzahl der verkauften Dieselautos einzahlen, um so die Nachrüstungen zu finanzieren.

Wie lange dauert eine Nachrüstung?

Für den Einbau geben die Nachrüster zwischen zwei und 15 Arbeitsstunden an. In der Praxis rechnet der ADAC angesichts des komplexen Systemaufbaus einer SCR-Nachrüstung mit Tank, Abgasanlage, Leitungen und Verkabelungen sowie Inbetriebnahme je nach Fahrzeugtyp eher mit einer Einbauzeit von mindestens einem Arbeitstag. Dementsprechend hoch fallen die Einbaukosten aus.

Wie wirksam sind diese Lösungen?

In einem Praxistest des ADAC mit verschiedenen Prototypen von SCR-Systemen konnte der Automobilclub nachweisen, dass mit Hardware-Nachrüstungen an Euro-5-Dieselfahrzeugen innerorts bis zu 70 Prozent und außerorts sogar bis zu 90 Prozent weniger Schadstoffe ausgestoßen werden. Selbst unter schlechten Bedingungen emittierten die nachgerüsteten Fahrzeuge immer noch 50 Prozent weniger NOx. Die von den Autoherstellern angebotenen Software-Updates sollen hingegen durchschnittlich nur etwa 25 bis 30 Prozent Stickoxide einsparen. "Das Software-Update allein genügt nicht. Da wo es technisch möglich und sinnvoll ist, sollte zusätzlich auch eine Hardware-Nachrüstung in Betracht gezogen werden", sagt Buric vom ADAC.

Welche Modelle können nachgerüstet werden? Wie viele sind davon in Deutschland im Umlauf?

In Deutschland fahren derzeit rund 15 Millionen Dieselautos, rund 12 Millionen davon besitzen die Euro-5-Norm oder schlechter; diese Fahrzeuge wären also von möglichen Umrüstungsmaßnahmen betroffen. Theoretisch lässt sich jedes dieser Fahrzeuge umrüsten. Je älter allerdings das Auto, desto aufwendiger und teurer wird die Umrüstung. Laut ADAC ist ein Umbau daher nur bei Fahrzeugen mit der Emissionsklasse Euro 5 - von denen sind in Deutschland noch rund sechs Millionen unterwegs - sinnvoll. Eine Nachrüstung mit einem Katalysatorsystem soll nach Schätzungen des ADAC bei 90 Prozent aller Euro-5-Fahrzeuge möglich sein. Bei Autos mit niedrigeren Emissionsklassen wäre eine Umrüstung meist nicht wirtschaftlich, da die Umbaukosten unter Umständen den jeweiligen Fahrzeugwert überschreiten könnten. Dennoch will sich der ADAC beim Gesetzgeber dafür einsetzen, dass auch Euro-4-Fahrzeuge einbezogen werden. "Inwiefern sich die Nachrüst-Unternehmen und Automobilhersteller zunächst auf das Angebot für Euro-5-Pkw konzentrieren und erst später oder allenfalls eingeschränkt Angebote für Euro 4 entwickeln werden, lässt sich noch nicht absehen", so Buric. Immerhin sind beim Kraftfahrt-Bundesamt noch rund vier Millionen Fahrzeuge mit Euro 4 und etwa zwei Millionen Pkw mit darunterliegenden Emissionsklassen registriert.

Wann kann ich mein Fahrzeug umrüsten lassen?

Hier liegt die größte Hürde, denn die Nachrüstsysteme zur Reduzierung der NOx-Emissionen sind derzeit noch nicht auf dem Markt. Bei den vom ADAC getesteten Systemen handelte es sich um Prototypen verschiedener Nachrüster. "Für eine serienmäßige Umsetzung sind eine modellspezifische Anpassung der Systeme und deren Erprobung im Dauerbetrieb erforderlich. Dies erfordert noch Entwicklungszeit und vor allem die Unterstützung der Fahrzeughersteller", so Buric vom ADAC. Bei der Entwicklung von Nachrüstsystemen würden sich die Firmen zuerst auf volumenstarke Modelle konzentrieren, um kostengünstige Systeme anbieten zu können. Sofern die Nachrüster durch die Autohersteller unterstützt werden, könnten derartige Systeme innerhalb eines Jahres angeboten werden. Laut ADAC liegen einsatzbereite und zugelassene Systeme aber schon jetzt bei den Autoherstellern im Regal. Vor Jahren hätten die Autobauer Dieselfahrzeuge gegen Aufpreis mit SCR-Systemen oder Speicherkatalysatoren verkauft.

Was sind die Nachteile einer Nachrüstung?

Das SCR-System benötigt, beispielsweise zur Aufbereitung des Harnstoffs, zusätzliche Energie. Das wirkt sich auf den Spritverbrauch aus. Im Test des ADAC stieg der Verbrauch der Fahrzeuge um 0,1 bis 0,3 Liter pro 100 Kilometer. Darüber hinaus ist der Harnstoff irgendwann aufgebraucht und muss nachgetankt werden. Der ADAC fordert daher Systeme mit mindestens zehn Litern Fassungsvermögen. Je nach Fahrweise würde der Harnstoff so für 3000 bis 6000 Kilometer ausreichen. Ein so großer Tank lässt sich allerdings nicht immer im Fahrzeug unterbringen.

Darf ich mit nachgerüsteten Autos bei Fahrverboten fahren?

Bisher hat das Bundesverwaltungsgericht lediglich entschieden, dass Fahrverbote rechtlich zulässig sind und Städte Dieselfahrzeuge aussperren können. Weitere verbindliche Regelungen gibt es noch nicht. "Mit diesem Urteil muss jetzt ein rechtlicher Rahmen geschaffen werden, der die Hardware-Umrüstung von Dieselautos genau regelt", sagt ADAC-Mann Buric. Derzeit sei aber zu erwarten, dass nachgerüstete Fahrzeuge von Einfahrtbeschränkungen ausgenommen sind. Damit diese auch als saubere Diesel zu erkennen sind, müssten die Fahrzeuge eine Plakette erhalten oder einen Eintrag in den Fahrzeugschein.

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ihawk 03.03.2018
1. Rückstellungen für 2019
Die Konzerne sollten von der Regierung gezwungen werden aus ihren Milliardengewinnen Rückstellungen für das Nachrüsten zu bilden ... andererseits werden die Konzerne in 2019 behaupten, für die Nachrüstung sei kein Geld vorhanden.
werlesenkann 03.03.2018
2. Nutzt wahrscheinlich eh nicht viel...
....weil ja die Autoindustrie und damit auch die Regierungsversager dagegen sind. Und da sich die Gerichte ebenfalls vor den Antidiesel-Karren spannen lassen, ist der Verbraucher der Gelackmeierte.
chavezding 03.03.2018
3.
Alles in allem einfach nur wieder ein gigantischer Konjunkturpush. Entweder man kauft sich ein neues Auto (alternativ: Leasing oder Finanzierung). Oder man bezahlt eine Aufrüstung durch einen Drittanbieter, deren Preise bei ersten wirklichen Fahrverboten regional vermutlich durch die Decke gehen werden. Mit der Aufrüstung hat man einen zusätzlichen Wartungsaufwand, einen höheren Verbrauch (wobei der beim Diesel eher zu verschmerzen ist) und viel Geld in ein Auto gesteckt ohne einen wirklichen Mehrwert (gegenüber davor) zu haben. Top Deal.
opinio... 03.03.2018
4. Nachrüstung statt Neukauf
Das war schon zu Zeiten der Katalysatoreinführung nicht gewollt. Statt Kat-Einbau bei Altautos zu fördern, hat man damals das H-Kennzeichen eingeführt. Ein administrativer Nonsense, der Altautos von technischem Kulturgut trennte, ansonsten aber den Neukauf förderte. Ganz im Sinne der Autolobby. Umweltministerin damals? Merkel!
j.ogniewski 03.03.2018
5. Die Regierung muss die Nachrüstung ermöglichen
und zwar bevor evt Fahrverbote in Kraft treten. Leider wird es schwer die Autohersteller zur Rechenschaft zu ziehen, da die Fahrzeuge ja die jeweilige Norm erfüllen, die zu dem Zeitpunkt der Inbetriebnahme galt. Andererseits ist es aber auch so das Autofahrer seit Jahren die einzigen sind, die überhaupt für ihren Schadstoff-Ausstoss bezahlen. Im Falle des Flugverkehrs (der ja inzwischen ein wesentlich grösseres Umweltproblem darstellt) wird der Schadstoff-Ausstoss sogar noch subventioniert. Den Umbau der Autos zu subventionieren wäre also eine Form von ausgleichender Gerechtigkeit - obwohl ehrlich gesagt sogar mit diesen Subventionen die Autofahrer immer noch schlechter wegkommen als die meisten anderen Schadstoff-Verursacher. Und diese Subvention könnte ja passiv sein, d.h. durch Steuer-Erleichterungen, anstatt das der Staat direkt dafür bezahlt.
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