Verkehr Warum Fahrverbote auch für neuere Diesel sinnvoll wären

Fahrverbote sollen für weniger Stickoxide in der Luft sorgen - ältere Dieselautos bis Euro 4 könnten aus den Städten verbannt werden. Dabei sind neuere Fahrzeuge oft dreckiger.

Neu- und Gebrauchtwagen in Dresden
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Neu- und Gebrauchtwagen in Dresden

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Vor allem alte Diesel sind schuld an der hohen Stickoxidbelastung in den Städten und müssen deswegen als Erstes mit Fahrverboten belegt werden. Klingt logisch? Mag sein - ist aber nicht richtig. Trotzdem läuft die Debatte um Fahrverbote für Dieselfahrzeuge genau in diese Richtung - und damit (zumindest ein Stück weit) in die falsche.

Denn wo immer die durch das Urteil des Verwaltungsgerichts in Leipzig ermöglichten Fahrverbote diskutiert werden, geht es um ältere Diesel: In Hamburg und Stuttgart sollen zuerst diese Dieselautos ausgeschlossen werden, vor allem Fahrzeuge mit der Abgasnorm Euro 4 und darunter. Doch diese Maßnahme trifft in gewisser Hinsicht die Falschen: Schuld an der hohen Stickoxidbelastung sind nämlich die neueren Autos, vor allem die mit der Abgasnorm Euro 5.

Von ihnen gibt es auf deutschen Straßen deutlich mehr:

  • Rund 5,9 Millionen Dieselautos besitzen die Abgasnorm Euro 5.
  • Knapp 2,6 Millionen Diesel-Pkw sind in die Fahrzeugklasse Euro 6 eingestuft.
  • 3,4 Millionen Fahrzeuge sind dagegen Euro-4-Diesel.
  • 2,1 Millionen Dieselautos erfüllen nur die Abgasnormen unterhalb von Euro 4, darunter 1,2 Millionen Euro-3-Diesel.

Nur die älteren Fahrzeuge mit Euro 4 oder älteren Normen aus den Städten auszusperren, dürfte allein schon deshalb nur einen geringen Effekt haben. Dieselautos mit Euro 4 sind nicht nur deutlich seltener auf den Straßen anzutreffen, sie tragen auch nicht die Hauptverantwortung für die hohen NOx-Werte.

Neuere Diesel verursachen Stickoxidbelastung

Für die schlechte Luft sorgen vor allem Diesel mit Euro-5-Motoren, sie stoßen von allen drei Klassen im realen Verkehr die meisten Stickoxide aus:

  • 906 Milligramm NOx pro Kilometer stößt ein Euro-5-Diesel im Schnitt aus, der Grenzwert für die Euro-5-Norm liegt eigentlich bei 180 Milligramm.
  • Mit 507 Milligramm übertreffen auch moderne Euro-6-Diesel ihren Grenzwert von 80 Milligramm pro Kilometer deutlich, und zwar um 534 Prozent.
  • Dieselautos mit der Euro-4-Norm stoßen 674 Milligramm statt der eigentlich vorgesehenen 250 Milligramm pro Kilometer aus.

Damit überschreiten die Euro-4-Diesel ihren Grenzwert jedoch nur um 170 Prozent. Sie sind damit nicht nur rechnerisch besser, sondern im Schnitt auch tatsächlich viel sauberer als die Modelle mit Euro 5. Das ergaben Messungen des Umweltbundesamtes (UBA), bei denen Modelle vom Kleinwagen bis zum SUV überprüft wurden. Die Werte würden die Emissionen der Diesel-Pkw in Deutschland repräsentativ abbilden, hieß es dazu beim UBA.

Obwohl sie also gar nicht an erster Stelle für die Stickoxid-Problematik verantwortlich sind, treffen Fahrverbote nun aller Vorrausicht nach Euro-4-Fahrzeuge. Entsprechend ist die Einschätzung des ADAC zu der Frage: "Grundsätzlich treffen Fahrverbote immer die Falschen - nämlich die Verbraucher", erklärte ein Sprecher. Nicht explizit ausgesprochen, aber durchaus vorhanden, ist der Aspekt, dass von einem Ausschluss von Euro-4-Fahrzeugen tendenziell finanzschwache Autofahrer betroffen wären. Den Traum der Autoindustrie, das Stickoxid-Problem durch einen massenhaften Kauf von sauberen Euro-6-Dieseln zu lösen, können nun mal nicht alle Menschen in Deutschland erfüllen.

Auch ist die Aussicht, Euro-4-Fahrzeuge technisch nachzurüsten, deutlich schlechter als bei Euro-5-Fahrzeugen und Euro-6-Fahrzeugen. Auch für die sind noch längst keine Systeme erhältlich, aber für viele Typen immerhin geprüft.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) ist trotzdem mit der Regelung zufrieden. Es gebe zwar bessere Reihenfolgen, aber auch so werde sich die Luftqualität in den Städten deutlich verbessern, erklärte DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch: "Diesel mit Euro 5 sind zwar mit Abstand die schmutzigsten, aber Euro 4 Diesel sind fast genauso schmutzig." Jeder ausgesperrte Diesel sei gut für die betroffenen Städte, so Resch weiter.

Effizientere Verbrennung schuld an Stickoxiden

Aber wie kann es überhaupt sein, dass neuere Motoren schmutziger sind als alte? Der erhöhte Stickoxidausstoß neuer Dieselmotoren liegt an der besseren Verbrennung des Kraftstoffs. Sie wurden auf einen geringeren CO2-Ausstoß getrimmt, da der CO2-Ausstoß eine zentrale Rolle beim Treibhauseffekt spielt, anders als Stickoxide, die zu gesundheitlichen Schäden führen. Für sie gilt deshalb in der EU ein Grenzwert für die Konzentration in der Luft, die an Messstationen geprüft wird.

Die Reduktion des CO2-Ausstoßes erfolgt dagegen durch Grenzwerte bei neu zugelassenen Fahrzeugen: Der durchschnittliche Kohlenstoffdioxidausstoß aller neu zugelassenen Autos eines Herstellers darf laut EU-Regelung einen fixierten Grenzwert nicht überschreiten. Für Pkw galt bis 2015 ein Ziel von 130 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer, bis 2021 wird dieser Wert weiter auf 95 Gramm abgesenkt.

Um Kraftstoff zu sparen, verbrennen neue Dieselmotoren ihn bei höheren Temperaturen. Dafür wird der Diesel mit einem Sauerstoffüberschuss im Brennraum betrieben. Das führt einerseits zu einem besseren Verbrauch und damit zu einem geringen CO2-Ausstoß, aber auch zu einem erhöhten Ausstoß von Stickoxiden.

Diesel mit der Abgasnorm Euro 4 verbrennen den Kraftstoff dagegen bei geringeren Temperaturen und produzieren dadurch weniger Stickoxide, verbrauchen dafür allerdings auch mehr Kraftstoff und produzieren mehr CO2. Gleichzeitig produzieren ältere Diesel mehr Feinstaub als ihre moderneren Gegenstücke. Dieses Problem trifft auch auf viele neue Benziner zu, allerdings wären auch bei Fahrverboten für Benziner zunächst ältere Modelle bis zur Abgasnorm Euro 3 betroffen.

Anm. d. Red.: Ursprünglich hieß es in Text und Grafik, es gebe 6,1 Millionen Dieselfahrzeuge mit Euro 6 in Deutschland. Diese Zahl bezieht sich jedoch auf den Gesamtbestand der Fahrzeuge mit Euro 6, davon haben jedoch nur 2,6 Millionen einen Dieselmotor. Dieser Fehler wurde korrigiert.

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insgesamt 437 Beiträge
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Knack5401 06.03.2018
1. Ha Ha,
der Artikel zeigt deutlich wie bescheuert die derzeitige Diskussion ist. 1. Die Betrüger haben die Hardware zu tauschen. 2. Die Städte haben die Zufahrt zu den Zentren, von Ausnahmen abgesehen, zu verbieten. und dann warten wir mal ab...
DiscoDavidson 06.03.2018
2. Dabei sind neuere Fahrzeuge oft dreckiger!
Was sagt uns das? Alle oder keiner, ich behalte meinen 4er, bis nichts mehr geht!
guentherzaruba 06.03.2018
3. man muss es doch
nur drehen und wenden, z.B. Abgase pro Person, bei vollbesetztem Fahrzeug. Oder "Flottenverbrauch" und ähnliches. Was am Ende rauskommt ist "FRISCHLUFT" ausser dem brauchen es Bäume und schenken dafür ....RICHTIG : Sauerstoff
varesino 06.03.2018
4. Wieso Fahrverbote für alle Kfz sinnvoll sind
Das Auto und der Individualverkehr ist das Problem, nicht sein Antriebsprinzip. Sperrt die Autos aus wenn die Luft zu dick wird. Dazu braucht man noch nicht einmal blaue Plaketten. Und an diesen Tagen sollte der ÖPV frei sein. Aufgabe erledigt.
RedEric 06.03.2018
5. Verwirrung im Plaketten Dschungel
Es geht doch in der Diskussion darum dass man Diesel auf Euro 6d nachrüstet. Und diese sind sauberer als Benziner.
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