Diesel als Gebrauchtwagen "Um Ihnen kein unmoralisches Angebot zu unterbreiten, mache ich lieber keins"

Der Dieselgipfel hat nicht nur Millionen von Menschen in Städten mit hoher Luftverschmutzung brüskiert, sondern auch Dieselfahrer im Stich gelassen. Ihre Autos sind nahezu unverkäuflich - wie eine Stichprobe zeigt.

Ein Autohändler in Neuss (Symbolfoto)
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Ein Autohändler in Neuss (Symbolfoto)

Von Hannah Steinharter


Die Absage am Telefon kommt prompt: "Wir tun uns schwer, Dieselwagen zu verkaufen. Um Ihnen kein unmoralisches Angebot zu unterbreiten, mache ich lieber keins." Technische Details interessieren den Händler aus Stuttgart gar nicht erst, ihm reicht schon die Modell-Bezeichnung: VW Tiguan 2.0 TDI. Ein Diesel!

Seit Beginn des Dieselskandals sinken die Zulassungszahlen der Selbstzünder in Deutschland. Der Dieselgipfel am Mittwoch in Berlin sollte endlich Klarheit für die umstrittene Technologie schaffen. Einst galten Selbstzünder als besonders sauber, nun aber werden sie zu recht verantwortlich gemacht für die schlechte Luft in Städten. Fahrverbote drohen - auch nach dem Dieselgipfel.

Die Verlierer des Kuschelkurses zwischen Politik und Industrie sind die Halter betroffener Fahrzeuge. Schon vor Monaten prognostizierten Experten einen Einbruch bei den Diesel-Gebrauchtwagenpreisen. Dieser ist lange ausgeblieben. Nun scheint ein Wendepunkt erreicht. "Wir gehen von einem Wertverlust von zehn Prozent des aktuellen Restwerts aus, maximal jedoch von 1500 Euro. Ab einem höheren Wertverlust rechnet sich eine Hardware-Nachrüstung", sagte Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer SPIEGEL ONLINE.

Doch in der Realität fällt der Wertverlust in vielen Fällen schon deutlich höher aus - wie Stichproben von SPIEGEL ONLINE ergaben. Den Versuch, einen fünf Jahre alten VW Tiguan 2.0 TDI mit 60.600 Kilometern, 140 PS und vielen Extras bei verschiedenen Händlern in Deutschland loszuwerden, war - vorsichtig formuliert - schwierig - in mehreren Fällen sogar unmöglich. Das 140-PS-Fahrzeug, das neu einmal mehr als 37.000 Euro gekostet hat, wäre laut Schwacke-Liste 18.650 Euro wert, der Händler-Einkaufswert liegt bei 15.800 Euro.

Große Unsicherheit bei den Händlern

Nicht nur in Stuttgart verpufft der Versuch, den sportlichen Geländewagen loszuwerden. Auch in Düsseldorf gibt es eine Absage: "Einen Diesel müssen wir ablehnen. Davon nehmen wir gerade etwas Abstand, weil wir nicht wissen, was nach den Skandalen auf uns zukommt.", sagt ein Autohändler.

Nächster Versuch. In der Heimat von Volkswagen muss doch etwas gehen. Ein Händler schätzt den Wert des Wagens auf etwa 12.000 Euro, mehr würde er nicht geben. Damit wäre der Wagen zwar verkauft, aber deutlich unter Wert.

In Bremen finden wir einen Händler, der den Tiguan nehmen würde - mit deutlichem Abschlag. "Nach fünf Jahren kann man da ordentlich was runterrechnen und zusätzlich müssten wir einen Betrag wegen der aktuellen Dieselkrise abziehen. Eigentlich will ich mir so einen Wagen hier gerade nicht hinstellen." Ein konkretes Angebot bleibt aus.

Lediglich in München bietet uns ein Händler den offiziellen Marktwert. Zwischen 16.000 und 17.000 Euro könne er nach einer Prüfung des Wagens voraussichtlich bieten. Nichts wie hin.



insgesamt 99 Beiträge
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chiemseecorsar 04.08.2017
1. Hervorragend.
Die positive Seite der "Krise". Die Wegwefgesellschaft wird vom Markt erzogen! Und jetzt werden die Fahrzeuge nicht gegen die E-Pest getauscht sondern gefahren bis sie auseinanderfallen. Und das kann bei einigen der "Opfer" dauern. Öko-Bilanz vom Bestmöglichen! One World.One Border.
Hush 04.08.2017
2. Probieren Sie...
...es doch einfach mal in Italien! Habe leider einen fast neuen Diesel, sonst würde ich sofort zuschlagen. Wir lassen uns hier in Italien nämlich nicht verrückt machen. Besonders dann nicht wenn es zur Zeit keine vernünftige, alltagstaugliche und deshalb praktikable Lösung gibt.
michi_meissner 04.08.2017
3. Danke an Dobrindt für dieses blöde Situation!
Privat habe ich zwar keinen Stinkediesel aber in der Firmenflotte lauern noch so einige mit EA189 Motor. Wenn wir diese über die Myright Klage nicht loswerden sollten, dann werde ich diesen Haufen giftigen Schrott Dobrindt persönlich in den Vorgarten stellen. Vielleicht leite ich noch ein Rohr vom Auspuff in sein Schlafzimmer, damit er auch mal etwas von dem genüsslichen NOx spürt, dass wir ihm tagtäglich in der Luft verdanken!
esgehtdoch1974 04.08.2017
4. VW muss es stürzen
"kein unternehmetisches Fehlverhalten" und erstmal keine Angebote für EURO5. Im Moment haben die Kunden ja wenig Azsweichmöglichkeiten ... aber mittel- und langfristig wird es VW teuer zu stehen kommen. In 5 oder 10 Jahren werden Kunden VW Produkte meiden, weil das Image von VW schlecht ist. Mercedes hat auch lange für die schlechte Qualität und Flops der 90er büssen müssen und wurde von BMW und Audi qualitativ und im Absatz lange überflügelt. Aber dann ist der feine Herr Müller längst ein teurer Edelrentner.
artusdanielhoerfeld 04.08.2017
5. Wo denn? Wie denn?
Zitat von chiemseecorsarDie positive Seite der "Krise". Die Wegwefgesellschaft wird vom Markt erzogen! Und jetzt werden die Fahrzeuge nicht gegen die E-Pest getauscht sondern gefahren bis sie auseinanderfallen. Und das kann bei einigen der "Opfer" dauern. Öko-Bilanz vom Bestmöglichen! One World.One Border.
Nun, in den Städten schon mal nicht. Und wie wollen Sie ihren Diesel bis zum "Auseinanderfallen" fahren, wenn ab 01. September ´17 Euro-6c in Kraft tritt, und dann selbst neueste Fahrzeuge bereits veraltet sind? Denn dann ist eine "Abgassondersteuer" ebenso denkbar wie die Versagung der nächsten TÜV-Plakette...
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