Internationale Reaktionen auf Fahrverbote "Ein weiterer Nagel im Sarg der Dieselauto-Industrie"

Wie geht es weiter mit der PS-Nation Deutschland nach dem Urteil zu möglichen Fahrverboten? Kommentatoren der internationalen Presse haben Mitleid - ausgerechnet mit der Autoindustrie.

Luftreinhaltung
Lukas Barth/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

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Mögliche Fahrverbote für Millionen von Dieselautos in Deutschland - was passiert mit den Fahrzeugen? In der internationalen Presse dominierte vor allem die Kritik an der Entwertung vieler Autos. Die Kommentatoren sehen aber auch Auswirkungen auf die gesamte Industrie.

"Financial Times": "In den Sarg der Dieselauto-Industrie wurde gerade ein weiterer Nagel getrieben - diesmal in Deutschland, dem größten Automarkt der EU. Das höchste Verwaltungsgericht des Landes entschied am Dienstag, dass Städte das Recht haben, Fahrverbote gegen Dieselautos zu verhängen. Damit hat es den Weg dafür bereitet, dass bis zu zwölf Millionen Fahrzeuge insgesamt um Millionen von Euros an Wert verlieren. Doch das Urteil könnte weitere Folgen über Deutschland hinaus haben, die Heimat von Volkswagen, BMW und Daimler. Diese Autobauer könnten nun zu teuren Hardware-Nachrüstungen gezwungen werden, um Stickoxid-Emissionen von Millionen von Fahrzeugen zu reduzieren. Das könnte bedeuten, dass einige der größten Arbeitgeber Europas am Ende Milliarden von Euros in eine überholte Technologie stecken müssen. Und zwar zu einer Zeit, in der ihre strategischen und finanziellen Potenzen auf eine neue Generation von elektrisch betriebenen oder autonomen Fahrzeugen gerichtet sein sollten."

"Neue Zürcher Zeitung": "Beim Feinstaub werden die Grenzwerte auch dank der Arbeit der Ingenieure in Deutschland fast überall eingehalten. Und die im Urteil im Vordergrund stehenden Stickstoffoxide aus dem Verkehr sind seit 1990 stark rückläufig, wenn sie auch punktuell noch zu hoch sind. Diese Fortschritte gehen weiter. Wenn die Deutsche Umwelthilfe, die hinter den Klagen gegen die Städte steckt, die Autoindustrie wegen der Stickstoffoxide der 'vorsätzlichen Körperverletzung mit Todesfolge in Tausenden Fällen' bezichtigt, hat sie deshalb jedes Maß verloren. (...)

Sicher, nun muss man besonders der Erderwärmung entgegenwirken, und Ökonomen wissen, dass es dazu einen Preis für CO2 braucht. Aber wie will man die Bürger auf diesen Weg mitnehmen, wenn ihnen die Fahrt zur Arbeit im eigenen Auto verwehrt wird? Führen Städte Fahrverbote ein, darf man sich über die zunehmende Politikverdrossenheit jedenfalls nicht wundern."

"Die Presse" (Österreich): "Die Lösung nach diesem Urteil kann sicher nicht sei, dass man jetzt alle älteren Diesel-Pkw verbannt und verschrottet. Das käme einer Enteignung von Hunderttausenden Autofahrern gleich. Stattdessen wird die Politik gemeinsam mit der Industrie Lösungen finden müssen, um Fahrzeuge, bei denen das möglich und sinnvoll ist, mit Abgasreinigungssystemen nachzurüsten. Das wird teuer für uns Steuerzahler und auch für die Autokäufer, die am Ende für die Mehrkosten zahlen müssen. Aber es ist die einzig mögliche Lösung."

"De Tijd" (Belgien): " Dieselautos werden einseitig ins Visier genommen. Den Kampf nur an einer Front zu führen, bringt aber nicht viel. Ein breiteres Herangehen ist erforderlich. Die individuelle Nutzung von Diesel-, Benzin- und auch von Elektrofahrzeugen muss zurückgedrängt werden. Aber das erfordert komfortable Verkehrsalternativen, die den Mobilitätsbedürfnissen der heutigen Menschen entsprechen. Bislang gibt es diese nur in unzureichendem Maße."

"Dernières Nouvelles d'Alsace" (Frankreich): "Das ist fast schon ein Kulturschock in einem Land, das wie kaum ein anderes mit dem Auto in Verbindung gebracht wird. Die mächtige Autolobby hatte im Diesel einen komfortablen Schutzschirm gefunden. Damit wurde die Produktionskette aufrechterhalten und ein Umweltversprechen abgegeben: Dieses System stößt weniger Treibhausgase aus. Zudem sorgte der Diesel für hohe Margen bei hochpreisigen Fahrzeugen. Ein Pokerspiel, das die Justiz aus Sorge um die menschliche Gesundheit nun aufgewirbelt hat."

Im Video: Umwelthilfe-Chef Resch: Deutschlands Dieseljäger Nummer eins

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Anmerkung der Redaktion: Wir haben im Beitrag der "Financial Times" einen Übersetzungsfehler der Agentur korrigiert.

ene/dpa



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