Dieselgipfel Der Umtausch-Flop

Autofahrer verschmähen die sogenannte Umtauschprämie, mit der Regierung und Konzerne schmutzige Diesel von der Straße bekommen wollen. Ein BMW-Manager räumt ein, dass die Rabattaktion unattraktiv sei.

Dieselgipfel im Bundeskanzleramt
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Dieselgipfel im Bundeskanzleramt

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Es ist ein geübtes Ritual: Das Bundeskanzleramt lädt zum Gipfel über den Dieselskandal. Am Montag waren Bürgermeister von Städten dran, in denen Fahrverbote drohen oder schon umgesetzt sind.

Doch Kanzlerin Angela Merkel machte hinterher sofort klar, dass der Schlüssel zur Lösung der Krise bei den Autokonzernen liegt. Diese haben versprochen, alte Dieselautos mit schlechter Abgastechnik (Euro 5 und weniger) in Zahlung zu nehmen und im Gegenzug Sonderrabatte für Neuwagen und junge Gebrauchte zu gewähren.

"Wir haben viel über die Umtauschaktionen gesprochen", sagte die Kanzlerin und signalisierte, dass sie mit deren Verlauf ganz und gar nicht zufrieden ist. Die Regierung wolle "in engem Kontakt" mit den Autobauern bleiben. Mit anderen Worten: Sie will den Topmanagern in dieser Angelegenheit auf die Füße treten.

Feedback der Autokonzerne an Berlin ist miserabel

Das Bundesverkehrsministerium ist alarmiert: Die verkappte Rabattkampagne läuft offenbar miserabel an, wie der SPIEGEL und das Rechercheteam des Bayerischen Rundfunks (BR) erfahren haben. Die Tragweite ist erheblich, denn die Aktion ist für Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) der wichtigste Hebel, um Dieselfahrverbote in vielen deutschen Innenstädten zu verhindern.

"Wir haben von den Herstellern Zusagen erhalten zu sehr attraktiven Umtauschprämien", hatte der Minister noch stolz nach einem Krisengipfel Anfang Oktober gesagt. Je mehr Dieselfahrzeuge der Schadstoffklassen Euro 4 und 5 verschwänden, desto besser würde die Luft in den Städten, und zwar sofort - so kalkulierte Scheuer.

Doch das erste Feedback der Autokonzerne an Berlin ist schlecht. Allen voran beim Volkswagen-Konzern, dessen Manipulationen an der Dieselabgasreinigung den Skandal vor mehr als drei Jahren in die Öffentlichkeit brachten, läuft das Programm sehr schleppend an. Offiziell will sich VW dazu nicht äußern. Die Aktion sei noch zu jung, um Rückschlüsse auf den Erfolg zu ziehen.

Wegen WLTP-Chaos kaum neue Autos im Angebot

Hinter vorgehaltener Hand sagt ein Wolfsburger Spitzenmanager aber, es laufe gar nicht gut. "Das Timing ist denkbar schlecht", klagt er. Vor Weihnachten kaufen die Menschen ohnehin keine Autos, sondern geben ihr Geld für Geschenke aus. "Das ist immer eine maue Zeit für uns."

Zudem haben Händler derzeit kaum neue Autos im Angebot. Hintergrund ist das Chaos um das neue Zulassungsverfahren WLTP. Dieses muss seit September jedes neue, in Deutschland und der EU verkaufte Auto durchlaufen. Insbesondere VW und dessen Premiummarke Audi haben erst für wenige Modellvarianten die Zulassung bekommen.

"Es liegt bei uns weniger an den Umtauschprämien, sondern daran, dass wir keine Neuwagen vorhanden haben", bestätigt ein großer VW-Händler, der anonym bleiben möchte. Für Minister Scheuer ist indes zweitrangig, aus welchen Gründen seine Prämienoffensive floppt und die dreckigen Diesel auf der Straße bleiben.

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Fahrverbote und Co.: So kämpfen Europas Metropolen gegen Abgase

Die Visite bei einem VW-Händler bestätigt die desolate Lage. Gefragt nach der Dieselgate-Rabattaktion, bietet ein Verkäufer lediglich eine 1.4-Liter-Variante des Familienautos Passat an. Den könne er aber auch erst im Februar liefern.

Dabei wirbt Volkswagen bundesweit für die Aktion. "Deutschland steigt um", heißt der Werbeslogan. Es gebe eine Umweltprämie von 5000 Euro. Wer jetzt seinen alten Diesel zugunsten eines gebrauchten VW-Diesels der Schadstoffklasse Euro 6 in Zahlung gebe, erhalte vom Konzern zudem eine "Mobilitätsgarantie" für den Fall, dass auch dieser Wagen eines Tages nicht mehr in die Stadt fahren dürfe. Was dann folgt, ist ein 17-zeiliger, klein gedruckter Anhang mit den Bedingungen, die für dieses Angebot gelten.

Rabattwirrwarr verunsichert Kunden

Vollends verwirren dürfte interessierte Autofahrer, dass andere Hersteller bei der Prämie ganz anders verfahren. Kein Wunder, dass die Kunden zögern.

"Mittlerweile hat sich ein Dickicht an Aktionen entwickelt, das bei Dieselbesitzern Verunsicherung hervorruft", kritisiert deshalb Experte Ferdinand Dudenhöffer vom Car Center Automotive Research (CAR) in Duisburg. Er bemängelt, dass Scheuer es nicht geschafft hat, den Herstellern ein einheitliches Rabattsystem vorzugeben.

Ferdinand Dudenhöffer (Archivbild)
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Ferdinand Dudenhöffer (Archivbild)

So nehmen BMW und Tochter Mini nur eigene Modelle in die Umtauschaktion auf. Der Kreis der Rabattberechtigten erstreckt sich auf Menschen, die in einem Radius von 70 Kilometern um die abgasbelasteten Städte herum wohnen. Bei Mercedes und Opel ist die Stadtgrenze maßgeblich. VW bietet die Rabatte auch Kunden, die eng mit jemandem in einer belasteten Stadt verwandt sind oder in einer solchen Kommune ihren Arbeitsplatz haben. Immerhin nimmt VW Diesel aller Marken entgegen.

Insbesondere in Regionen mit zu hohen Stickoxidwerten steige das Nachlassniveau zwar, weist Dudenhöffer in einer Analyse nach. Dies allerdings nur in geringem Umfang, bestätigt der Professor die düstere Einschätzung im Verkehrsministerium.

BMW-Manager: Wertverlust höher als Dieselrabatt

Bei BMW ist man nicht überrascht, dass sich die Kunden zurückhalten. "Die Rabatte sind zwar hoch, doch sie gleichen nicht den Wertverlust aus, den die Kunden durch die Dieselkrise erlitten haben", bestätigt ein Manager sogar hinter vorgehaltener Hand, dass die Nachlässe nicht attraktiv genug sind.

CAR-Forscher Dudenhöffer rechnet das am Beispiel eines BMW 530 vor: Wer einen solchen, drei Jahre alten Wagen in Zahlung gebe, erhalte für ihn etwa 22.000 Euro vom Händler. Ohne Dieselkrise wären es 31.000 Euro, schätzt der Rabattexperte. Somit stünde ein zusätzlicher Wertverlust von 9000 Euro der sogenannten Umtauschprämie von 3380 Euro entgegen, die BMW für ein derartiges Fahrzeug gewähre.

Erschwerend kommt hinzu, dass wohl nicht jeder die knapp 50.000 Euro für einen neuen BMW 530 verfügbar hat. So viel kostet der Wagen derzeit, nachdem alle Rabatte abgezogen seien.

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"Wo ist jetzt der Anreiz zum Eintausch eines drei Jahre alten Autos?", fragt Dudenhöffer. Für den Besitzer hätte sich eine Nachrüstung seines Autos mit einem SCR-Katalysator in Höhe von 3000 Euro besser gerechnet.

Auch im Kanzleramt sind viele beunruhigt über den bisherigen Misserfolg der Umtauschprämien. Dort hatte man gehofft, dass Autofahrer beim Händler junge, saubere Gebrauchtwagen bekommen, ohne draufzuzahlen - und mit diesen Autos in Fahrverbotszonen rollen dürfen.

Regierung fürchtet Zorn der Wähler

Doch bis in die Regierungsspitze hat sich herumgesprochen, dass die Händler viel zu wenig solcher gebrauchter Euro-6-Autos auf dem Hof haben, sowohl Benziner als auch Diesel. Minister Scheuer baut derzeit bei den Herstellern Druck auf, damit das Programm endlich anläuft.

Bei BMW macht man sich Mut. "Wir können noch keine konkreten Zahlen nennen, aber das Programm zur Umweltprämie ist wie erwartet verhalten angelaufen", erklärte ein Unternehmenssprecher dem SPIEGEL. Er hofft, dass sich der Trend umdreht - wohl auch, weil die Fahrverbote näher rücken. "In den letzten beiden Wochen sehen wir aber bereits einen starken Anstieg der in Anspruch genommenen Prämien und rechnen mit einer weiter ansteigenden Nachfrage im kommenden Jahr."

Der Optimismus tröstet die Regierungspolitiker in Berlin kaum. Viele fürchten den Zorn der Wähler, die einen Diesel vor der Tür stehen haben - und ihn weiterhin nur unter hohen Verlusten loswerden.

Zusammengefasst: Autofahrer nehmen die auf Dieselgipfeln vereinbarten Rabatte der Hersteller ("Umtauschprämie") bisher kaum in Anspruch. Diese lohnen sich offenbar in vielen Fällen für Autofahrer gar nicht. Die Bundesregierung fürchtet den Zorn von Fahrzeugbesitzern, die nicht mehr in Innenstädte fahren dürfen. Deshalb erhöht sie den Druck auf Autokonzerne, die die Rabatte attraktiver gestalten sollen.

Anmerkung: In einer früheren Fassung des Textes bezog sich die Umtauschprämien-Beispielrechnung auf einen BMW 530i, der in Zahlung gegeben wird. Bei diesem Fahrzeug handelt es sich allerdings um einen Benziner. Da die Autohersteller alte Diesel von der Straße bekommen wollen, haben wir das Beispiel verallgemeinert und den Wagen durch einen BMW 530 ersetzt.



insgesamt 220 Beiträge
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Seite 1
j.w.pepper 03.12.2018
1. Was bitte...
....hat ein BMW 530i (das ist ein Benziner!) mit der sog. Dieselkrise zu tun? Im Übrigen ist die Austauschaktion ein kompletter (auch und gerade) umweltpolitischer Irrsinn, egal wie sehr die Autokonzerne geschummelt haben. Die Umweltbelastung insgesamt ist mit Sicherheit höher, wenn fast neue Autos durch ganz neue ersetzt werden, auch wenn die eventuell wirklich weniger NOx ausstoßen. Populistisch-hysterische Placebo-Politik.
max-mustermann 03.12.2018
2.
Wir halten also fest. Die Autoindustrie verkaufte der Kundschaft teure Autos die nicht den Vorschriften entsprachen. Daraufhin verloren bei bekanntwerden dieser Betrügereien genau diese Wagen erheblich an Wert. Zur Krönug des Ganzen sollen jetzt diese verarschten Kunden ihre Autos für ein paar lausige Rabatte in Zahlung geben und sich wieder einen teuren Neuwagen kaufen. Und das machen die Kunden wirklich nicht mit ? Potz blitz ich bin total überrascht.
Sintemale 03.12.2018
3. Worum geht es denn in Wirklichkeit?
Nicht um Umweltschutz. Die Gefährdungen des Menschen durch Autoabgase werden grotesk übertrieben. Als ob die Städte Gaskammern wären. Es geht darum, dass der Diesel (obwohl er weniger Emissionen ausstößt als ein Benziner) weniger Sprit-Steuern bringt, da er a) weniger verbraucht und b) der Steuersatz auf Diesel geringer ist. Deshalb versucht die Politik mit einer Kampagne, die an Lüge grenzt, die Diesel-Fahrzeuge madig zu machen. Als ob es etwas hülfe, die bei Inversionswetterlagen nicht fahren zu lassen. Dann hilft nur der Gesamtstopp.
nadennmallos 03.12.2018
4. Betrug mag der Herr nicht aussprechen. Lol!
"Die Rabatte sind zwar hoch, doch sie gleichen nicht den Wertverlust aus, die die Kunden durch die Dieselkrise erlitten haben". Was für ein krimineller und verlogener Haufen,
verspiegelt24 03.12.2018
5. Zahlendreher bei BMW?
Hier im Süden gibt es sehr viele gebrauchte BMW Diesel. Benziner werden falls verfügbar nur überteuert angeboten.
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