Diesel-Innovationen Totgesagte nageln länger

Der Dieselmotor gilt als Auslaufmodell: Der Effizienzvorsprung gegenüber Benzinern und Hybriden nimmt ab, durch steigende Anforderungen wird die Technologie komplexer und teurer. Trotzdem schreiben die deutschen Hersteller den Selbstzünder nicht ab. Drei Beispiele.

Audi

Knapp 80 Jahre nach den ersten Pkw-Modellen mit Dieselmotor - dem Mercedes 260 D und dem Hanomag Rekord von 1936 - hat der Selbstzünder ein gewaltiges Problem: Die strengeren Abgas-Vorschriften machen immer kompliziertere Konstruktionen nötig - und das kostet Geld: Selbstzünder sind einfach teuer. Gleichzeitig werden Alternativen wie sparsame Benziner oder Hybridantriebe immer besser und billiger.

Sind die Tage für den Dieselmotor also gezählt?

Nein, glaubt Stefan Pischinger. "Der direkteinspritzende Dieselmotor ist nach wie vor das Aggregat mit dem höchsten thermischen Wirkungsgrad und daher die erste Wahl, wenn es um die Effizienz im Antriebsstrang geht", sagt der Professor für Verbrennungskraftmaschinen an der RWTH Aachen. Der Selbstzünder biete durch konventionelle und damit kostengünstige Technologien nach wie vor ein erhebliches Potential zur Verbrauchssenkung.

Einige Autohersteller teilen den Glauben des Motor-Experten an den Diesel. Nachfolgende drei Beispiele für Innovationen machen dies deutlich:

  • Die Wiederentdeckung von Stahl: Seit Jahrzehnten werden die Kolben im Motor meist aus Aluminium gefertigt. Mercedes aber will nun - wie in den Kindertagen des Dieselmotors - Stahlkolben einsetzen. Das soll bis zu drei Prozent Sprit sparen. Stahl ist zwar schwerer als Aluminium, aber es ist ein schlechterer Wärmeleiter - was in diesem Fall erwünscht ist. Denn damit steigt die Temperatur im Brennraum, und die Effizienz wird verbessert. Zudem dehnt sich Stahl unter Wärme weniger stark aus, weshalb das Kolbenspiel feiner justiert und so die Reibung minimiert werden kann, erklärt Joachim Schommers, der Leiter der Mercedes-Motorenentwicklung. Die neuen Kolben sollen bald in Sechs- und Vierzylinder-Dieselmotoren von Mercedes zum Einsatz kommen. Angeblich arbeiten auch andere Hersteller an dieser Lösung. Sommers: "Der Stahlkolben für den Pkw-Diesel wird bald zum Industriestandard."

  • Mehr Druck: VW-Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer kündigte für den neuen Passat bereits den "stärksten jemals von VW angebotenen Vierzylinder-TDI" an, ein Aggregat mit zwei Liter Hubraum und 240 PS. Grund dafür sei ein deutlicher Druckanstieg in allen Bereichen: Zwei Turbolader pressen die Luft mit bis zu 3,8 bar in den Zylinder; der Kraftstoff wird mit bis zu 2500 bar eingespritzt. Der Verbrennungsdruck im Zylinder steigt auf 200 bar. Um dieser Belastung standzuhalten, musste der Motor erheblich verstärkt werden. Trotzdem kann der Verbrauch des Kraftwerks laut VW auf durchschnittlich fünf Liter gedrückt werden.

  • Elektro-Booster: Dass die Grenzen des Machbaren beim Dieselmotor noch nicht erreicht sind, zeigt gerade Audi. Die Bayern feiern das 25-jährige Jubiläum des TDI-Motors mit einem Prototypen auf Basis des RS5. Unter dessen Haube steckt ein V6-Diesel, der erstmals mit einem elektrischen Turbolader kombiniert wird. Dieser sogenannte E-Booster beschleunigt binnen 200 Millisekunden auf 72.000 Umdrehungen und lässt den Motor damit extrem spontan reagieren. Durch die Aufrüstung leistet der Drei-Liter-Motor maximal 385 PS. Zulasten des Verbrauchs gehe diese Leistungsexplosion nicht, versichern die Ingenieure. Der Haken an der Technik: Ein elektrischer Turbolader erfordert ein Bordnetz mit 48 Volt. Das ist aufwendig und teuer und lohnt sich nur bei der kompletten Neuentwicklung eines Autos.

Kostensenkung durch Familienzusammenführung

Um den Preisnachteil des Dieselmotors zu kompensieren, sollen künftig auch Baukastensysteme helfen. Bei BMW gibt es bereits eine gemeinsame Motorenfamilie für Benziner und Diesel. Dazu kommen technische Fortschritte bei der Abgasnachbehandlung. Die von Audi verwendeten neuen Stickoxid-Katalysatoren kommen bereits mit 70 Prozent weniger Platin und Palladium aus als noch vor wenigen Jahren und werden dadurch preiswerter in der Produktion.

Ob die Zeit des Dieselmotors tatsächlich ausläuft, scheint also noch keineswegs entschieden. Zumal es neben den technischen Innovationen einen ganz trivialen Grund gibt, der Diesel-Pkw in Deutschland beliebt macht: der Kraftstoffpreis. Dank einer günstigeren Besteuerungsformel - um den Güterverkehr zu entlasten - kostet ein Liter Diesel in hierzulande immer noch bis zu 30 Cent weniger als ein Liter Benzin. Kein Wunder, dass die Quote bei den Neuzulassungen im vergangenen Jahr bei 42 Prozent lag.



insgesamt 157 Beiträge
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Seite 1
silberstern 01.07.2014
1.
Alle diese Neuentwicklungen sind genauso gut auf Benziner anwendbar. Der Diesel war im übrigen noch nie "besser" als Benziner. Im Boom der 90er hat man fast ausschließlich für Turbodiesel entwickelt. Während sich bei den wenigen Turbobenzinern fast gar nichts getan hat. Diesel wird beim Energiegehalt pro Volumen immer einen Vorteil haben, Benziner werden bei gleichem technischen Aufwand immer kräftiger, laufruhiger, hubraumkleiner, abgassauberer sein und ein viel größeres Drehzahlband besitzen.
anders_denker 01.07.2014
2. 30%
ist das ein vergleich mit Premuim Super oder was? Bei E10 kann ich rechnen wie ich will, auf 30% komme ich nicht!
Plasmabruzzler 01.07.2014
3.
Zitat von sysopAudiDer Dieselmotor gilt als Auslaufmodell: Der Effizienzvorsprung gegenüber Benzinern und Hybriden nimmt ab, durch steigende Anforderungen wird die Technologie komplexer und teurer. Trotzdem schreiben die deutschen Hersteller den Selbstzünder nicht ab. Drei Beispiele. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/dieselmotor-elektrische-turbolader-sollen-den-selbstzuender-retten-a-976948.html
Ist ja auch logisch. In Deutschland wird Diesel ja auch gefördert. Im April berichtete SPON in einem Artikel, dass z. B. auch Ferdinand Dudenhöffer seine Kritik am Steuervorteil für Diesel bekräftigt.
celsius234 01.07.2014
4. was sind innovationen gegen politikerentscheud
da kann man nur verlieren. wenn jahrzehntelange Entwicklung durch karriereziele verpackt in grandiose entscheidungen überrollt werden.
thanks-top-info 01.07.2014
5. Stahl der bessere Wärmeleiter
Bekannte stehen auch vor der Frage ihren alten Mondeo Diesel mit 6l/100km Verbrauch (Umweltplackettengeplagt) gegen einen Yaris Benzin mit 6l/100km einzutauschen. Um Verbrauch sind Diesel unschlagbar
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