SPIEGEL ONLINE: Hilft bei solchen langfristigen Zielen ein starker Ankeraktionär, wie ihn viele Mitbewerber vorweisen können? VW hat das Land Niedersachsen, BMW die Familie Quandt. Denen kann man besser erklären, warum die Dividende mal etwas niedriger ausfällt.
Zetsche: Das eine hängt nicht unbedingt mit dem anderen zusammen. Uns gibt es auch nach 126 Jahren noch - obwohl wir keinen Ankeraktionär haben. Im Gegenteil: Der stärkere Wind, der einem vom Aktienmarkt entgegenweht, kann auch Antrieb und Vorteil sein - solange man seine Entwicklungspolitik nicht nur am nächsten Quartalsergebnis ausrichtet.
SPIEGEL ONLINE: Noch vor wenigen Jahren hieß es, der Verbrennermotor sei tot, eine Dreckschleuder. Nun erreichen fast alle Hersteller drastische Verbrauchsreduktionen, teilweise bis zu 40 Prozent. Warum nicht früher?
Zetsche: Weil wir die Elektronik und die digitale Rechen-Power dafür brauchten. Heute können wir in Echtzeit die für jeden Drehzahlbereich optimale Einspritzmenge und den optimalen Zündzeitpunkt berechnen, mit Computern Simulationen durchführen und den perfekten Brennraum ermitteln. Das war noch vor wenigen Jahren undenkbar.
SPIEGEL ONLINE: Wie stark wird die Automobilindustrie von der Digitalindustrie unter Druck gesetzt? Google baut seit längerem am selbständig fahrenden Auto, gleichzeitig hält immer mehr Digitaltechnologie Einzug in die Fahrzeuge.
Zetsche: Ich sehe da keinen Druck, sondern eine einmalige Chance. Es gibt immer mehr Menschen, die always on sein wollen, stets online erreichbar. Das werden Autos in naher Zukunft bieten. Außerdem ermöglicht diese Technologie bald die Kommunikation der Fahrzeuge untereinander. Durch den Austausch in der Cloud, der Datenwolke, wird der Verkehr besser steuerbar. Wenn einen Kilometer vor Ihnen ein anderes Auto auf eine Eisplatte fährt, senden ABS- und ESP-Sensoren diese Informationen in die Cloud - und Sie sind gewarnt, wenn Sie an dieselbe Stelle kommen. Die Herausforderung sind die unterschiedlichen Entwicklungszyklen. Bei uns dauern sie in der Regel vier bis sieben Jahre. Google und Apple haben eine Planung, die über 18 Monate selten hinausgeht. Als wir die ersten Male zu denen kamen und etwas mit ihnen entwickeln wollten, was in drei Jahren verbaut werden soll, sagten sie. "Was in drei Jahren ist, wissen wir nicht."
SPIEGEL ONLINE: Träumen Jugendliche überhaupt noch von Autos? Oder ist denen ihr iPhone wichtiger?
Zetsche: Das glaube ich nicht. Sicherlich geht in hoch entwickelten Staaten und deren Metropolen die Bedeutung des Autos als Statussymbol zurück. Es übt nicht mehr die Faszination aus wie zu den seligen Zeiten des Autoquartetts. Und in Städten wie Tokio kann man mit einem Auto nicht viel anfangen. Gleichzeitig lösen Autos in Emerging Markets, zum Beispiel in Indien oder China, eine ähnliche Begeisterung aus wie hierzulande in den sechziger und siebziger Jahren und das generiert großes Wachstum.
SPIEGEL ONLINE: Bei der Arbeitsproduktivität liegen Sie deutlich hinter Ihren Wettbewerbern. Wie wollen Sie das ändern?
Zetsche: In dieser Verallgemeinerung trifft das nicht zu. Bei den Hours per Vehicle, also der Zeit, die die Produktion eines Autos braucht, liegen wir noch geringfügig hinter den beiden Hauptwettbewerbern. Wir haben in den letzten Jahren eine 30-prozentige Reduzierung der Produktionszeiten erreicht und werden kurzfristig nochmals 25 Prozent Besserung erzielen. Damit liegen wir dann wieder vor unserer Konkurrenz.
SPIEGEL ONLINE: Muss man nicht auch über die Personalkosten reden?
Zetsche: Ja, aber da bewegen wir uns absolut im Rahmen und stehen nicht schlechter da als unsere Konkurrenten.
SPIEGEL ONLINE: Konkrete Sparprogramme sind nicht geplant?
Zetsche: Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Alles, was wir tun, müssen wir jederzeit prüfen und uns fragen, ob es effizienter geht. Das gehört einfach dazu.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt Befürchtungen, dass Sie mit unbequemen Maßnahmen warten, bis Ihr Vertrag verlängert wird.
Zetsche: Wenn Einsparungen erforderlich wären und ich sie aus Sorge um meinen Vertrag aufschieben würde, wäre ich falsch in meinem Job. Es geht immer um das Unternehmen, nicht um mich.
Das Interview führten Michail Hengstenberg und Christian Rickens
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