Tempo 120 auf Autobahnen: Attacke auf einen deutschen Mythos

Von Christoph Stockburger

Avus in Berlin: Durch Tempolimits sollen Autobahnen sicherer werden Zur Großansicht
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Avus in Berlin: Durch Tempolimits sollen Autobahnen sicherer werden

Autobahnen sind ein Paradies für Raser, auf vielen Strecken gelten keine Tempolimits. Sigmar Gabriel will damit Schluss machen - und stellt sich gegen den ADAC. Die Autofahrer-Lobby wähnt den SPD-Chef in der "automobilen Steinzeit". Experten aber geben dem Sozialdemokraten recht.

Die deutsche Autobahn ist mehr als eine Straße. Sie ist ein Mythos. Der Grund dafür ist einfach: Auf vielen Strecken lässt sich unbehelligt von irgendwelchen Vorgaben dem Geschwindigkeitsrausch frönen. Nur die Leistung des Fahrzeugs und der eigene Mut setzen das Limit - das Gesetz erlaubt grenzenloses Rasen. Doch jetzt gerät der Mythos ins Wanken.

Die Grünen fordern, dass auf der Autobahn eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h gelten soll. So hat es die Partei in ihrem Wahlprogramm festgeschrieben. Und mit der SPD haben sie eine Verbündete an ihrer Seite. Parteichef Sigmar Gabriel unterstützt die Forderung nach einem Tempolimit. Er will die Straßen sicherer machen und ist überzeugt, dass durch ein Ende des grenzenlosen Gasgebens "die Zahl der schweren Unfälle und der Todesfälle sinkt."

Von der Neuregelung wäre ein Großteil des Autobahnnetzes betroffen, denn nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen existiert auf 65,5 Prozent der Strecken kein Tempolimit. Aber genau auf diesen Abschnitten ist es laut einer Untersuchung des Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) besonders gefährlich: Demnach gibt es auf den Strecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung im Schnitt fast 28 Prozent mehr Verkehrstote als auf Abschnitten mit Tempolimit. Die Zahlen sprechen für Gabriel und gegen den Mythos.

Siegfried Brockmann, Sprecher der Unfallforschung der Versicherer (UDV), ist ebenfalls vom Nutzen eines generellen Tempolimits überzeugt. "Dadurch würde vor allem das hohe Risiko durch die Differenzgeschwindigkeiten sinken", sagt er. Derzeit kann es vorkommen, dass auf einer zweispurigen Autobahn ein Autofahrer mit 120 km/h einen LKW überholt, der nur 80 km/h fährt - und von hinten rast ein Fahrzeug mit 180 km/h heran. "Da ist der Bremsweg dann oft zu kurz." Durch eine "Harmonisierung der Geschwindigkeiten", wie es Brockmann nennt, könnten solche Situation vermieden werden.

DVR-Sprecher Sven Rademacher teilt diese Ansicht: "Die extremen Geschwindigkeitsunterschiede sorgen für große Gefahr." Durch ein gleichmäßigeres Tempo aller Fahrzeuge würde seiner Ansicht nach auch ein besserer Verkehrsfluss zustande kommen. Und Siegfried Brockmann sagt: "In den USA darf zum Beispiel auch auf der rechten Spur überholt werden, nicht nur auf der linken. Da verteilen sich die Fahrzeuge besser auf der Straße und es geht insgesamt schneller voran." In Deutschland wäre so eine Regelung derzeit aber eine "sicherheitstechnische Katastrophe" - eben wegen der hohen Differenzgeschwindigkeiten.

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Die Frage, ob das Tempolimit nun bei 120 km/h festgelegt werden sollte oder auf beispielsweise 140 km/h gehoben werden kann, lassen die Experten offen. "Statt die Geschwindigkeitsvorgaben starr vorzugeben, sollten mehr sogenannte Verkehrsbeeinflussungsanlagen aufgestellt werden", meint Rademacher. Die Leuchtanzeigen über den Autobahnen geben je nach Verkehrsdichte oder Witterung ein Tempo vor. "Wichtig ist einfach, die Leute dafür zu sensibilisieren, dass schnelles Fahren riskant ist", sagt Brockmann. Dazu ist seiner Meinung nach ein generelles Tempolimit auf der Autobahn unverzichtbar.

Sven Rademacher wünscht sich nun eine "sachliche Diskussion" über das Thema. Dass dieser Wunsch sich aber nicht so einfach erfüllen lässt, ist ihm klar: "In Deutschland wird das Tempo auf Autobahnen immer noch mit dem Freiheitsgedanken gleichgesetzt, und da werden die Leute schnell emotional."

Der ADAC sieht keinen Sinn in Limits

Ein gutes Beispiel dafür ist die Reaktion des ADAC. Eine Sprecherin des Automobilclubs bezeichnet generelle Tempolimits als "Forderungen aus der automobilen Steinzeit". Die Autobahnen sind ihrer Meinung nach schon sehr sicher, das Problem sind die Landstraßen, wo 60 Prozent der tödlichen Unfälle passieren.

Dass auf der Autobahn vergleichsweise wenig Menschen sterben, ist eine Tatsache. Aber über den wahren Kern der Debatte - den Vergleich von Autobahnstrecken mit und ohne Limits - sieht der ADAC hinweg. Stattdessen sagt die Sprecherin: "Geschwindigkeitsbeschränkungen bringen nichts, weil sie sowieso keine Lösung sind, um die Autofahrer zu disziplinieren. Manche Leute halten sich eben nicht an Gesetze."

Für Siegfried Brockmann verhindert genau diese Haltung eine sinnvolle Diskussion. "Der ADAC müsste sich schon ein bisschen dem Gedanken öffnen, dass grenzenlose Geschwindigkeit nicht alles ist." Der Verein mit seinen 18 Millionen Mitgliedern ist "ein Pfund auf der Waagschale", sagt er. Das weiß man auch in der deutschen Politik, so der GDV-Sprecher, "und dort ist man nun mal auf Mehrheiten angewiesen." Im Klartext: Die Abschaffung des Mythos wäre ziemlich unpopulär.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) plant nach Angaben ihres Sprechers Steffen Seibert nicht, eine Höchstgeschwindigkeit einzuführen. Und Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) sagte zu dem Thema: "Mit mir wird es ein generelles Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen nicht geben." Er stützt sich dabei auf die gleichen Argumente wie der ADAC.

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insgesamt 381 Beiträge
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1. optional
der_namenslose 08.05.2013
---Zitat--- "Und Siegfried Brockmann sagt: "In den USA darf zum Beispiel auch auf der rechten Spur überholt werden, nicht nur auf der linken." ---Zitatende--- ein weit verbreitetes Gerücht. In vielen US-Staaten ist das rechts-Überholen verboten. Nur es hält sich keiner dran und die Bullen halten einen deswegen nicht an. Nur mal so am Rande...
2. Ich
paal 08.05.2013
habe beim ersten Satz "Deutschland ist ein Paradies für Raser" aufgehörtz zu lesen. Da war mir klar, was in dem restlichen Text steht...
3. Wer 120 fahren will
zappa99 08.05.2013
soll 120 fahren. Adieu SPD. Warum muss man immer anderen vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben? Ich fahre selten schneller als 120 btw.
4. .
frubi 08.05.2013
Zitat von sysopAutobahnen sind ein Paradies für Raser, auf vielen Strecken gelten keine Tempolimits. Sigmar Gabriel will damit Schluss machen - und stellt sich gegen den ADAC. Die Autofahrer-Lobby wähnt den SPD-Chef in der "automobilen Steinzeit". Experten aber geben dem Sozialdemokraten recht. Diskussion um generelles Tempolimit von 120 auf Deutschlands Autobahn - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/diskussion-um-generelles-tempolimit-von-120-auf-deutschlands-autobahn-a-898770.html)
Also ich wäre für ein generelles Tempolimit von 130 km/h auf allen 2-spurigen Autobahnen. Ich verstehe nämlich nicht, wieso man bei 3-spurigen Autobahnen auf der linken Spur mit 130 km/h rumfahren soll, wenn alles frei ist. Aber auf 2-spurigen Autobahnen wäre es sinnvoll. Was ich viel notwendiger halte ist eine rechtliche Grundlage für Dash-Cams vorne und hinten im Fahrzeug. Ich hätte gerne, für all die Drängler dort draußen (ich bin kein Schleicher und mache immer Platz sobald es geht), eine Dash-Cam für die Rückscheibe. Es würde Anzeigen hageln.
5. Interesant und in der Argumentation ziemlich einseitig.
Observer 08.05.2013
Aber das beste Argument für eine Volksabstimmung. Wenn die Amis ihre Knarren behalten dürfen, warum will man uns dann die freie Fahrt wegnehmen???
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